POSTUMES FUNDSTÜCKMax Frischs Entwürfe zu einem dritten Tagebuch : Alles muss wahrhaftig sein

Hans Peter Kunisch
Foto: picture-alliance/ dpa

Vor einigen Jahren gab Julian Schütt postum „Jetzt ist Sehenszeit“ heraus, Briefe und Aufzeichnungen von Max Frisch vor allem aus den letzten Kriegsjahren, die das Schwanken des Schweizer Schriftstellers bei der Einschätzung Nazi-Deutschlands zeigen. Da existierte schon das „Tagebuch 1946-49“, in dem Frisch Deutschland bereist und sich einübt in Selbst- und Gesellschaftsbefragung. Welche im „Tagebuch 1966-71“, ob der manchmal schematischen Politisierung ebenfalls angefeindet, deutlicher zur Geltung kam.

Jetzt also bei Suhrkamp das „dritte“ Tagebuch, dessen Duplikat Frischs Sekretärin Rosemarie Primault beim Umbau ihrer Wohnung fand und vor zehn Jahren Walter Obschlager übergab, dem damaligen Leiter des Archivs. Andere Textfassungen sind nicht mehr vorhanden oder noch nicht gefunden, doch die vorliegende Schrift trägt den Titel: „Tagebuch 3. Ab Frühjahr 1982. Widmung. Für Alice. New York, November 1982.“

Ein zum Zeitpunkt der Titelgebung zur Veröffentlichung bestimmter Text. Warum Frisch ihn später selber fallen ließ, darüber gibt es bislang nur Spekulationen. Mit Sicherheit gibt es schwache Stücke darin, aber das war auch in den anderen Tagebüchern der Fall. Wie dort merkt man aber auch hier Frischs Intention und Stärke: In einer nach außen gekehrten, säkularisierten Variante protestantischer Selbst- und Fremdkritik wird alles, was ihm begegnet, einer intensiven Wahrhaftigkeitsprüfung unterworfen. Auf Einladung von Schleichers Buchhandlung stellt Peter von Matt im Gespräch mit Peter Bieri den Band nun vor. Hans Peter Kunisch

schleichersbuch / Museen

Dahlem, Di 11.5., 19.30 Uhr, 10/5 €

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