Zeitung Heute : Powernapping steigert Lust und Leistung

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Von Axel Gloger

Viele Büromenschen sind übermüdet. Sie leiden unter langen Arbeitstagen, die vor neun Uhr beginnen und erst nach 19 oder 20 Uhr zu Ende sind. Weil dann Familie und Privatleben noch ihren Tribut fordern, ist Unausgeschlafensein die weit verbreitete Folge. Nach einer Umfrage des Gallup-Instituts, Princeton/New Jersey, bekunden 56 Prozent der Berufstätigen, dass sie während des Tages mindestens einmal von einer Phase heftiger Müdigkeit befallen werden.

Genau dafür gibt es jetzt einen Stuhl, der das Zeug zum Verkaufshit hat. Er ist ein Sitzmöbel fürs Büro – aber zurück geklappt wird er zum Schlafstuhl. Sein Hersteller Sedus will damit Büromenschen für den kleinen Schlaf zwischendurch gewinnen, so bequem ist die Liegestellung. Und: Das Arbeits- und Schlafmöbel geht weg wie warme Semmeln. Allein in den drei Monaten nach der Markteinführung hat der Stühle-Hersteller aus Waldshut 50000 Angestellten zum kleinen Schlaf am Schreibtisch verholfen. „Wir wollen ausgeschlafene, aufgeweckte Menschen“, sagt Sedus-Chef Bernhard E. Kallup. Pionier-Organisationen werden sich darüber freuen: Im niedersächsischen Vechta etwa dürfen 180 Mitarbeiter der Stadtverwaltung ihr Nickerchen nehmen: Mittags zwischen 12.30 und 14.30 Uhr ist das Schläfchen im Büro erlaubt, um die Leistung am Nachmittag zu steigern.

Noch sind solche Arbeitgeber, die Schlaf im Büro sogar unterstützen, selten. Denn Nickerchen während der Arbeitszeit sind in der modernen Stressgesellschaft anrüchig, stellt der Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP), Bonn, fest. Arbeitszeit heißt tätig sein, nicht ruhen. Oft wird das Schlafbedürfnis deshalb einfach unterdrückt, mit der Folge übellauniger Nachmittage und unkonzentriert erledigter Arbeiten. Andere Mitarbeiter sind erfinderisch – und ziehen sich in ihrer Not in ein leeres Büro zurück, legen ein Nickerchen im Waschraum ein oder schleichen sich in die Tiefgarage, um eine Viertelstunde auf dem zurückgeklappten Fahrersitz zu schlafen.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten freilich gibt es Unternehmen, die ganz ungezwungen mit dem Thema Büroschlaf umgehen. Wie andere Beispiele von US-Pionieren zeigen, kann sich daraus ein neuer Trend entwickeln. Beispielfirma Gould Evans: Eine ruhige Ecke des Büros sieht aus, als hätten Rucksacktouristen Einzug gehalten. Mehrere kleine Zwei-Mann-Zelte sind aufgebaut. Doch zum Übernachten sind die Stoff-Iglus nicht gedacht. Das Architekturbüro in Kansas City hat eine Ruhemöglichkeit für Arbeitspausen geschaffen. Büroarbeiter, die entspannen wollen, können sich in eines der Zelte für ein Nickerchen zurückziehen.

Ein anderes Beispiel für die Praxis des Büroschlafs: 42 IS, eine Unternehmensberatung in Berkeley/Kalifornien, hat eine „Napping Loft“ eingerichtet - eine Art großen Schlafraum für Mitarbeiter. Diese Einrichtung ist so populär, dass Vorreservierungen für die halbstündigen Schlafpausen gemacht werden müssen. „Wir erlauben den Schlaf nicht nur, wir fördern die kurze Schlafpause“, bekundet ein Firmensprecher, „jeder hier arbeitet hart und verbringt viele Stunden im Büro. Wir verlangen viel von unseren Mitarbeitern. Es ist deshalb wichtig, dass sie alles bekommen, um gesund und leistungsfähig zu bleiben". Deshalb wurden die Schlafzelte eingeführt. Ein bemerkenswerter Nebeneffekt: Seit die Neuerung eingeführt wurde, sanken der Verbrauch von Kaffee und Zuckerlimonaden wie Coca-Cola um 30 Prozent.

Auch Experten in Deutschland bestätigen, dass der Büroschlaf erfrischende und entspannende Wirkung und für den belasteten Büromenschen durchaus seine Berechtigung hat: „Die Stressoren kommen permanent und in dichter Folge“, beschreibt Michael Treixler die Belastungen des Körpers. Der Gesundheitsberater und Geschäftsführer von Skolamed im nordrhein-westfälischen Nümbrecht mahnt das Einlegen von Entspannungsphasen an. In der Nonstop-Industriegesellschaft sei die kurze Erholung wichtiger als je zuvor, bestätigt auch der Bonner Psychologe Rolf Degen, der durch sein Buch „Der kleine Schlaf zwischendurch“ von sich Reden machte.

Der kurze, höchstens 20 Minuten dauernde Schlaf kann bei belasteten Menschen eine heilsame Wirkung haben. Das zeigen die Erfahrungen von Unternehmen, die ihre Arbeitnehmer zu Schlafpausen ermutigen: Mitarbeiter, die sich den kurzen Schlaf gönnen, sind anschließend konzentrierter und leistungsfähiger. Weitere erwünschte Nebenwirkung: „Wer schläft, ist anschließend besser gelaunt. Das kann sehr positive Wirkungen auf das Betriebsklima haben“, so Professor Wildor Hollmann in Köln, der Ehrenpräsident des Weltverbandes für Sportmedizin ist. Hollmann verweist auch auf die Ergebnisse zahlreicher epidemiologischer Studien aus den vergangenen Jahren: Danach habe eine signifikant erhöhte Lebenserwartung, wer sich über die Mittagsstunden 10 bis 15 Minuten Schlaf gönnt. „Die Extraportion Schlaf ist keine unproduktive Ausfallzeit“, bestätigt auch Hans-Werner Drewe vom BDP die Ergebnisse einschlägiger Untersuchungen. Der Kurzschlaf verbessere die geistige Leistungsfähigkeit, die Gemütsverfassung, das Gedächtnis und die Herzfunktion. Selbst arbeitssüchtige Workaholics, die jeder verpennten Stunde nachtrauerten, können Nutzen aus dem Nickerchen ziehen.

Von dem arbeitswütigen Universalgenie Leonardo da Vinci sei eine ganz eigene Aufteilung der Schlafportionen überliefert: Er habe nicht mehr nachts lange an einem Stück geschlafen, sondern sich in Abständen von vier Stunden jeweils 15 Minuten hingelegt. Über Winston Churchill wird berichtet, dass er seine langen Arbeitstage bis ins hohe Alter durchhalten konnte, weil er sie immer wieder mit kurzen Schlafphasen unterbrach.

Nur wenige Unternehmen mögen sich in Deutschland bisher mit dem Thema Schlaf beschäftigen. Der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin sind hedenfalls keine Fälle von Firmen mit offiziellen Schlafregelungen bekannt.

Aber es gibt Avantgardisten, die offen für Unkonventionelles sind. Beispiel: Das Computerunternehmen Hewlett Packard (HP) in Böblingen hat zwar keine Schlafpolitik. Aber die tolerante Unternehmenskultur bietet einige Freiräume. Anders als in den meisten anderen Betrieben nehme hier keiner Anstoß, „wenn jemand am Schreibtisch im Großraumbüro mal die Füße hochlegt und die Augen schließt“, bekundet Jeanette Weißschuh, Sprecherin bei HP. Auch die Parkbänke vor der Tür und die Wiese selbst würden gelegentlich für ein Nickerchen genutzt.

Harald Eggebrecht: Die Kunst des Nickerchens. Herder Verlag, Freiburg 2002, 6 Euro.

Rolf Degen: Der kleine Schlaf zwischendurch, Reinbek bei Hamburg, 1997, Rowohlt, 256 Seiten, derzeit vergriffen, früher 14,90 Mark.

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