Zeitung Heute : Prächtige Botschafter des Rieslings

Bernd Matthies

Manchmal wächst auch beim Wein zusammen, was zusammengehört. Am 20. Mai bebte die deutsche Weinszene unter einem gesellschaftlichen Ereignis, einer Hochzeit auf Schloss Vollrads. Zusammen fanden der Pfälzer Winzer Markus Schneider und seine Frau Caro, die Marketingspezialistin des Weinguts Weil. Dass die Braut auch noch ein kleines Rheingauer Gut mitbringt, hat dem Ereignis sicher nicht im Wege gestanden.

Markus Schneider ist seit ein paar Jahren der Hans im Glück der deutschen Weinszene. Noch nie hat ein deutscher Winzer so rasant und aus dem Nichts die Weinkarten der wichtigsten Restaurants erobert. Das Weingut existiert erst seit 1990, als Schneiders Vater aufgegebene Weinberge in Ellerstadt kaufte, einem Pfälzer Dorf. Er selbst machte dort 1994 die ersten eigenen Weine, die auffallen durch eine geradezu verlockende Süffigkeit – die aber Skepsis hervorrief. Doch diese Fehleinschätzung hielt nicht lange vor: Ende 2005 wurde Schneider vom Wein-Guide des Gault-Millau zum „Aufsteiger des Jahres“ gewählt.

Die verführerische Zugänglichkeit der Weine – auf jeder Probe stöhnt mindestens ein Verkoster „sexy!“ – ist nur die Oberfläche; darunter stecken Kraft, Struktur, Frucht und Mineralität ohne Ende. Unter den Weißen glänzen vor allem die Rieslinge. Neben dem Gutsriesling gibt es vier weitere, höher angesiedelte Weine, der 2005er Riesling Kalkmergel ist der mineralischste, festeste davon, ein prächtiger Botschafter des Pfälzer Rieslings. Dieser Wein stellt die meisten Großen in den Schatten, ohne annähernd so teuer zu sein – das macht ihn auch für die Spitzengastronomie so interessant.

Noch auffälliger ist die Arbeitsweise Schneiders bei den Rotweinen, die es in dieser Art in der Pfalz nicht gegeben hat. Vor ein paar Jahren fuhr er mit Flaschen durch die Republik, auf denen „Alte Reben“ oder „Einzelstück“ stand - und legte damit alle aufs Kreuz. „Hey“, sagten die Kenner, „hast du jetzt auch ein Gut in Spanien?“ Doch der Wein war aus Ellerstadt, gekeltert aus der Portugieserrebe. So etwas aber hatte noch keiner gekostet. Das erst als Fassprobe existierende „Einzelstück“ 2004 ist einer der größten Roten, die in Deutschland je erzeugt wurden, doch auch der etwas rustikalere 2004er Alte Reben zeigt die Möglichkeiten: ein kraftvoller, trockener, aber von voller Fruchtsüße getragener Rotwein, der geeignet ist, jedes Vorurteil gegen deutschen Rotwein zu pulverisieren. In Berlin gibt es diese Weine (Kalkmergel 13,95, Alte Reben 13,80 €) bei Wein & Glas in der Prinzregentenstraße 2 in Wilmersdorf.

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