Zeitung Heute : Prämien bestaunen

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

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Manchmal, wenn man Zeit hat, kann man sich nur wundern. Da steht man vor irgendeiner Haustür auf der Straße, wartet auf jemanden, der keine Eile hat, dem Klingelzeichen nachzukommen und dann nur „Komm gleich runter“ durch die Sprechanlage ruft. Man wartet in einer Straße, durch die man oft gegangen, noch öfter gefahren ist, aber nie ist einem dieser Laden aufgefallen, dieses kleine, unscheinbare Geschäft, in das man nicht hineinsehen kann. „Rasierapparate“ steht darüber und im Regal, das die Sicht ins Innere versperrt, liegen fünf schwarze Trockenrasierer.

Nichts, was einen tief erschüttern könnte, aber ein wenig Mitleid hat man schon mit einem solchen Laden. Wer macht schon so oft seinen Rasierapparat kaputt, dass er hier Stammkunde werden würde? Mutige Geschäftsidee, denkt man immerhin.

Dann sieht man mehr von dieser Sorte. Einen Korbmacher „Jacob“ oder den Pantoffelladen in einem Keller der Torstraße. Oder auch das Pokalgeschäft „Lucky Darts“ in Prenzlauer Berg. Hier gibt es Siegesprämien zu kaufen, im Schaufenster stehen ganze Paletten glitzernder Trophäen. Eine schlanke silberne Siegesgöttin mit Fackel gibt es schon für 9,90 Euro. Braucht zwar auch nicht jeder, aber dieser Pokal sieht immerhin nach was aus. Die meisten Pokale sind ja eher hässlich. Der Gewinner eines Darttourniers soll sich über einen klobig dicken Pfeil in Messing-Optik freuen, der auf einer Raketenabschussrampe liegt. Dafür müsste der Veranstalter 35 Euro zahlen, ehe er das gute Stück dem Sieger des Pfeilwurfturniers in die Hände drücken kann.

Aber was heißt denn Sieger? Hier kann jeder seinen Gewinn erstehen, ganz ohne Wettbewerb aber mit Gravur. „Für jede Sportart den richtigen Pokal“, verkündet ein Schild im Fenster, und die Reihe mit fünfzehn Pokalen ist wohl schon länger für 370 DM im Angebot.

Dann denkt man plötzlich an alte Schulkameraden, in deren Schrankwand silberne Vasen und goldenen Schüsseln standen. Viel Zuwendung brauchten diese Dinge, damit sich zwischen ihnen nicht der Staub verfing. Denn nur selten gibt es Trophäen, die ein bisschen nützlich sind, sei es als Buchstützen oder Blumenvasen. Leider, so scheint es, wächst mit der Funktionsfähigkeit auch die Hässlichkeit des Objekts. Eine namhafte Porzellanmanufaktur, die für die Pokale der Schwimm-EM in Berlin vor ein paar Wochen verantwortlich war, hat den siegreichen Schwimmern ein so eigenwilliges Vasengebilde überreicht, dass sich einer der Geehrten gleich lautstark auf seine Hochzeit freute – vor allem auf den Polterabend. So kaltherzig würde Franzi van Almsick das wahrscheinlich nicht formulieren, obwohl sie gleich mehrere von den Dingern mit nach Hause nehmen musste.

Überhaupt fragt man sich, warum die Pokalverteiler nicht mal an Seriengewinner denken und ein schönes Sammelgeschirr anbieten. Wäre ja eine zusätzliche Motivation für die Wettkämpfer. Immer, wenn mal eine Tasse zu Bruch geht, wüssten die: Es ist mal wieder Zeit für einen Sieg. Britta Wauer

Das Pokalgeschäft „Lucky Darts Berlin“ befindet sich in der Danziger Straße 28 in Prenzlauer Berg

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