Zeitung Heute : Präsent auf der Welt

Der Dalai Lama tritt heute in Berlin auf. Es werden Tausende seiner Anhänger erwartet. Welches Netzwerk steht hinter dem Oberhaupt der Tibeter?

Ruth Ciesinger

Ein paar tausend Leute könnten schon kommen, hofft Boris Eichler. Und sollte es an diesem Montag nicht hageln oder schneien, wird sich der Wunsch wohl erfüllen. Denn wo der Dalai Lama hingeht, dorthin strömen die Massen – auch, weil die Tibet-Freunde extrem gut vernetzt sind und hochprofessionell im Organisieren von Protestaktionen oder Großveranstaltungen.

Erst seit Anfang Mai wusste die Tibet-Initiative Deutschland, für die Eichler arbeitet, mit Sicherheit, dass der Dalai Lama auf seiner aktuellen Reise nicht nur nach Bochum oder Nürnberg, sondern am Montag auch nach Berlin kommen würde. Nicht einmal drei Wochen später ist jetzt für 16 Uhr eine Kundgebung vor dem Brandenburger Tor geplant, bei der seine Heiligkeit persönlich eine Ansprache halten will. Auf die Beine gestellt hat das die Tibet-Initiative zusammen mit der Gesellschaft für bedrohte Völker und dem Verein der Tibeter in Deutschland. Auch viele deutsche Künstler werden teilnehmen, es spielen Bands wie „Wir sind Helden“ und „2raumwohnung“.

Es gibt viele Krisen und unterdrückte Volksgruppen auf der Welt, aber wohl keine andere kann auf so eine breite Unterstützergemeinde bauen wie die sechs Millionen Tibeter. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich für deren Sache eine Art weltweites Aktionsbündnis entwickelt, dessen Fähigkeiten vor den Olympischen Spielen in China besonders hervorstechen. Dabei übernehmen die meisten Aufgaben eben keine Tibeter, von denen etwa 130 000 im Exil leben, sondern Europäer oder Amerikaner.

Die Tibet-Initiative Deutschland (TID) ist eine dieser großen Unterstützergruppen, wenn auch bei weitem nicht die einzige in Deutschland. Eichler nennt 4000 bis 5000 „Stammförderer“ und 2000 Vollmitglieder. Hauptsitz der Initiative ist Berlin, in ganz Deutschland gibt es noch einmal gut 50 Regionalgruppen. Zusammen mit mehr als 150 anderen Gruppen weltweit gehört die TID außerdem zum International Tibet Support Network (ITSN) mit Sitz in London, das jetzt zum Beispiel viele der Proteste wegen der Olympischen Spiele abstimmt, Informationen weiterleitet oder Kontakte knüpft.

Dessen Mitglieder sind nicht nur zahlreich, sondern auch vielfältig. So zählt zu ihnen auch der Tibetan Youth Congress, der ziemlich radikal ist und den gewaltfreien Protest des Dalai Lama für wenig erfolgreich hält. Die größte Zahl der Gruppen, die beim ITSN mitmachen, kommt mit insgesamt 64 jedoch aus Westeuropa. Dort war neben den USA auch der Protest gegen den von China organisierten Fackellauf am größten. Boris Eichler bestätigt, dass verschiedene Bündnisse bereits bei einem Treffen in Brüssel vor einem Jahr einen Aktionsplan bis zu Olympia verabredet hatten, unter ihnen die TID. Er selbst war nicht mit dabei. Damals arbeitete Eichler ehrenamtlich im Umwelt- und Entwicklungsbüro der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamsala.

Die Tibet-Freunde kooperieren eng mit der Exilregierung in Indien und deren Genfer Büro, auch wenn man „von den Inhalten her eigenständig ist“, wie Eichler für die TID betont. Der Kontakt ist für Dharamsala auch deshalb wichtig, weil sich Projekte wie tibetische Kinderdörfer oder die neue Tibetische Universität vor allem über Spendengelder finanzieren. Die TID zum Beispiel zahlt in Indien gerade den Neubau eines Krankenhauses.

Einer der wichtigsten Aspekte der Tibet-Politik funktioniert ebenfalls nur über das enge Netz der Unterstützergruppen: die Reisepolitik des Dalai Lama, durch die seine Heiligkeit die Sache der Tibeter beständig in den Medien und im Gedächtnis der Massen halten kann. Auch die aktuelle Deutschlandreise kam zustande, weil ihn die Tibet-Initiative einlud und zum großen Teil die Organisation und Kosten übernimmt. Im vergangenen Jahr wiederum hatte zum Beispiel das Buddhistische Zentrum Hamburg den Dalai Lama an die Elbe eingeladen.

Die TID versucht die aktuelle Reise vor allem über die Eintrittskarten für die Vorträge seiner Heiligkeit zu finanzieren. Wie hoch die Summe genau ist, fällt Boris Eichler aus dem Stand nicht ein, er spricht von „hunderttausenden Euro“. Sollte es bei den Einnahmen trotzdem ein Plus geben, fließe das Geld aber „natürlich komplett in die Tibet-Arbeit“.

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