Zeitung Heute : Präsenzen weltweit

Peter-André Alt

Vor einigen Monaten saß ich im Büro des Dekans einer nordamerikanischen Universität, die zu den besten Hochschulen der Welt gehört. Es ging um Austauschprogramme und Stipendien für junge Wissenschaftler nach der Promotion. Ich stellte unser Postdoc-Programm vor, das wir aus Fördermitteln der Europäischen Union finanzieren, und bot an, dass auch amerikanische Nachwuchskräfte ein Kontingent nutzen könnten. Mein Gegenüber schüttelte den Kopf. Das werde schwierig; wer an seiner Universität einen Platz ergattert habe, wolle nicht mehr ins Ausland. Im Übrigen habe man genügend Globalisierung zu Hause, sodass der Austausch zwischen den Kulturen auf dem eigenen Campus stattfinde: „Internationalization at home“. In gewisser Weise gilt diese Formel auch für die Freie Universität. Fast 20 Prozent unserer Master-Studierenden kommen aus dem Ausland; in der Gruppe der Doktoranden sind es sogar 25 Prozent. Dennoch können wir nicht darauf verzichten, unsere internationalen Aktivitäten weiter auszubauen. Die Zeiten, da die Besten ihres Fachs zur Weiterqualifizierung selbstverständlich nach Deutschland gingen, sind vorüber. Noch immer herrschen hier, im Weltmaßstab gesehen, vorzügliche Forschungsbedingungen. Aber man muss Werbung für den Standort machen, um hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftler nach Berlin zu holen.

Aus diesem Grund hat die Freie Universität seit 2005 sieben Verbindungsbüros weltweit etabliert. Zuerst in New York, danach in Peking, Neu-Delhi, Brüssel, Moskau, zuletzt in Kairo und São Paulo. Sie sind zumeist im direkten Umfeld anderer deutscher Wissenschaftseinrichtungen angesiedelt, in der Nähe des Deutschen Akademischen Austauschdienstes oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Ein wesentliches Ziel ist es, Präsenz am Ort zu zeigen, für unsere Programme und Aufgaben zu werben, Tagungen zu veranstalten, Kontakt zu lokalen Forschungseinrichtungen zu halten. Hinzu kommen regional spezifische Aufgaben: In Peking etwa informieren wir über unsere Promotionsprogramme – mit dem Effekt, dass die Freie Universität beliebtester Zielort chinesischer Doktoranden ist; in São Paulo partizipieren wir an Regierungsprogrammen für Forschung und Technologie; in Moskau werden gemeinsame Master-Angebote ausgearbeitet; in Kairo bieten wir Unterstützung für die Förderung von Wissenschaftlerinnen an; in Brüssel geht es um Fragen der europäischen Förderpolitik und eine aktive Beteiligung an politischen Diskussionen über deren künftige Struktur. Über unsere Repräsentanz in Indien erfahren Sie Näheres in dieser Beilage.

Noch bis 2017 laufen die Büros primär über die finanzielle Förderung aus Mitteln der Exzellenzinitiative. Wir werden in den nächsten Monaten eine Evaluation ihrer Leistungen in Gang setzen und danach entscheiden, welche Einrichtungen wir in die Dauerfinanzierung übernehmen. Und natürlich sind auch neue Standorte denkbar, je nachdem, wie sich die internationalen Schwerpunkte der Freien Universität entwickeln. Nichts ist so dynamisch wie die Welt der Wissenschaft. Und daher benötigen wir beides: internationale Präsenz in Dahlem und Verbundaktivitäten auf der ganzen Welt.

Der Autor ist Präsident der Freien Universität Berlin

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