Zeitung Heute : „Präsidenten müssen HotDogs essen und joggen“

Bei einem Thema wird Carlos Fuentes richtig wütend: George W. Bush. Ansonsten kann er sehr schön von Kafka und Berlin schwärmen.

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Carlos Fuentes, 75, ist einer der großen lateinamerikanischen Schriftsteller. Er studierte Jura und unterrichtete Literaturwissenschaft in Harvard und Cambridge. Dieses Jahr erhielt er die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Woran ich glaube – ein ABC des Lebens“.

Interview: Annabel Wahba Herr Fuentes, Sie kommen aus einer Diplomatenfamilie und waren in den 70er Jahren selbst mexikanischer Botschafter in Paris. Über das politische Geschäft sagten Sie den eigenartigen Satz: Dafür gebe es kein besseres Training als Ehebruch.

In der Politik muss man eine Maske tragen. Auch die besten Leute müssen ein gerüttelt Maß an Heuchelei beherrschen. Und Ehebruch basiert ja darauf, etwas zu verstecken. Auch sehr viele gute Romane behandeln dieses Thema: „Effi Briest“, „Madame Bovary“, „Anna Karenina“. Intrigen, Menschen, die die Wahrheit verheimlichen – das ist schlecht für die Ehe, aber ein guter Romanstoff. In der Politik ist es ähnlich. Ein absolut ehrlicher Politiker ist ein Widerspruch in sich.

Für den Wähler nicht gerade ermutigend.

Stimmt. Aber es ist die Wahrheit. Lesen Sie Machiavelli, da steht alles drin.

Machiavellis Schriften handeln vom Taktieren mit der Macht. Nach der Lektüre seines „Il Principe" denkt man sich: Von so einem verschlagenen Menschen möchte ich nicht regiert werden.

Sie müssen das so sehen: Machiavelli ist ja für die Tugend und für die Freiheit, aber er zeigt uns, wie sie hintergangen und wie wir betrogen werden können. Er stellt die Dinge dar, wie sie sind. Und ich bewundere ihn dafür, er hat mich in meinem Denken und Schreiben sehr geprägt.

Bill Clinton ist ein bekannter Ehebrecher...

…und er war auch ein sehr guter Präsident!

Sein Betrug flog auf. Finden Sie, dass er ein vertrauenswürdiger Politiker war?

Ja, da bin ich mir sicher. Ich habe ihn kennen gelernt. Mein Freund Gabriel Garcia Marquez und ich waren einmal bei ihm zum Abendessen eingeladen. Wir waren überrascht, einen so kultivierten Mann zu treffen. Er sprach über Marc Aurel, er konnte den amerikanischen Literaturnobelpreisträger William Faulkner aus dem Kopf zitieren und erinnerte sich an Details aus „Don Quijote“. Später haben wir nachgeschlagen, ob er Faulkner korrekt zitiert hatte: Alles war richtig. Leider musste er sein Wissen während seiner Amtszeit verstecken, denn ein amerikanischer Präsident sollte nicht zu kultiviert sein, sonst glaubt ihm keiner. Er muss Hot Dogs essen und joggen, um akzeptiert zu werden, und...

…Sie übertreiben!

Überhaupt nicht. Das kann zu dem Extrem führen, dass ein absoluter Dummkopf wie George W. Bush regiert. Clinton hingegen war ein Staatsmann, seine Prioritäten waren, sich zuerst dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zu widmen. Solange der nicht gelöst ist, wird es in der Region keine Stabilität geben. Al Qaida und Osama bin Laden sind aufmerksam zu beobachten, bevor man in den Irak einmarschiert. Bush hat die Prioritäten auf den Kopf gestellt.

Sie schätzen George W. Bush wirklich nicht sehr.

Nicht erst seit heute halte ich ihn für einen Kretin und eine Bauchrednerpuppe. Tja, man sollte nicht meinen, dass ich mal Diplomat war. Nach zwei Jahren habe ich es wieder aufgegeben, weil ich meinen Gedanken und Gefühlen gerne freien Lauf lasse. Das ist nicht so gut in dem Beruf. Auch als Diplomat muss man immer eine Maske tragen. Aber was Bush angeht: Seine Regierung hat die internationale Ordnung zerstört mit ihrer Invasion des Iraks. Sie haben das Prinzip des Unilateralismus und des Präventivkriegs etabliert, zwei barbarische Theorien. Saddam hat viele fürchterliche Dinge getan, aber der Irak war nicht, wie die US-Regierung es darstellte, ein Zentrum des weltweiten Terrorismus. Die Amerikaner merken jetzt, was sie für einen großen Fehler gemacht haben mit ihrem Vorgehen und dem Bruch der Allianzen. Sie haben nichts als ein riesiges Desaster im Irak und in der Welt angerichtet.

Wie sieht Ihre Utopie von einer besseren Welt aus?

Wir müssen eine Kultur der Verpflichtungen schaffen für die ganze Welt. Wir brauchen eine internationale Ordnung, die sich auf Gesetze stützt. Es gibt da ja den Internationalen Strafgerichtshof, aber die USA haben das „Römische Statut“ nicht ratifiziert, weil sie nicht wollen, dass über ihre Regelverletzungen geurteilt wird. Aber es gibt eine Hoffnung: John Kerry. Wenn er die Wahlen gewinnt, sollte er ein sehr simples Rezept anwenden: Tu nicht, was Bush machte, sondern immer das Gegenteil.

Viele sind der Meinung, es müssten neue Methoden gefunden werden, um den internationalen Terror zu bekämpfen. Das Dilemma heute ist doch, dass die alten Gesetze nicht mehr ausreichen.

Und wie habt Ihr Deutschen den Terrorismus bekämpft, die RAF? Oder die Italiener die Roten Brigaden? Wie bekämpfen die Spanier die Eta? Was ist mit den Iren? Terrorismus hat es leider schon immer gegeben. Und jetzt plötzlich entscheiden die Amerikaner, dass sie den Terrorismus mit neuen Mitteln bekämpfen müssen, weil sie zum ersten Mal auf eigenem Territorium angegriffen wurden. Natürlich haben sie einen sehr schweren Kampf zu führen, weil Terroristen unter keiner Flagge kämpfen, keine nationalen Grenzen kennen und kein Recht.

In Deutschland gab es in den 70er Jahren Gesetzesverschärfungen, die vielen nicht behagten.

Ja, aber das geschah auf dem Boden des Grundgesetzes. Man hat keine Gegenmacht kreiert, die selbst auf Terrormethoden basiert, wie die Amerikaner das im Gefängnis Abu Ghraib getan haben und in Guantanamo. Ich weiß, wovon ich spreche, ich bin in Chile zur Schule gegangen. Einer meiner Freunde wurde später von Pinochets Schergen zu Tode gefoltert.

Wie weit darf ein demokratischer Staat gehen, wenn er mutmaßliche Terroristen verhört? Das Ziel ist ja, erneute Anschläge zu verhindern.

Man darf in keinem Fall das Gesetz brechen. Man kann sich das Böse nicht im Namen der Verteidigung gegen das Böse zu eigen machen. Das ist die Grundidee des Rechtsstaats: Der Angeklagte hat einen Anwalt, der ihn verteidigt, es gibt einen Ankläger, der die Schuld des Angeklagten beweisen will, und dann gibt es einen Prozess. Wenn man dieses Prinzip außer Kraft setzt, werden Richter und Angeklagter austauschbar.

Glauben Sie denn, dass der Terrorismus unter dem Deckmantel des Islam nur eine Phase in der arabischen Welt ist, die auch wieder vorbeigeht?

Jedenfalls bin ich absolut gegen die Idee Samuel P. Huntingtons vom „Kampf der Kulturen“, die fordert den Kampf ja geradezu heraus. Nichts hilft dem Fundamentalismus mehr, als wenn sich der Westen ihm als Block gegenüberstellt. Natürlich gibt es in der arabischen Welt traditionell autoritäre Regime, einige werden ja von den Amerikanern am Leben gehalten. Jetzt will Mr. Bush Demokratie in die gesamte islamische Welt bringen, aber er wird sie nicht bekommen. Die Formen des Zusammenlebens müssen sich aus den Staaten selbst herausbilden, gemäß den islamischen Traditionen. Sie können nicht von außen, von Washington, aufgesetzt werden.

In Ihrem jüngsten Roman besetzen die USA Kolumbien. Weil sich Mexiko dagegen stellt, schalten die USA dem Land die Satelliten ab, so dass die Kommunikation zusammenbricht, es gibt kein Fernsehen, kein Telefon, die Computer fallen aus. Haben die Mexikaner Angst vor dem großen Nachbarn?

Es ist keine Angst, aber Wachsamkeit. Wir haben gelernt, dass wir nie einfach automatisch Ja sagen dürfen zu den USA. Wir müssen versuchen, mit ihnen zu verhandeln, und wenn man nicht verhandeln kann, müssen wir Nein sagen. So wie im Fall des Irakkriegs. Aber zum Glück steht Lateinamerika nicht mehr auf dem Radarschirm der USA, seitdem es die kommunistischen Allianzen nicht mehr gibt. Venezuela und Haiti, wo die Lage instabil ist, stellen keine allzu große Gefahr für die USA da. Viele fürchten sich vor einer Besetzung Kolumbiens, im Moment halte ich das für unwahrscheinlich. Aber als Romanautor spiele ich die Möglichkeit durch, ich nehme da die Funktion der Kassandra ein, es ist eineWarnung.

Mexiko scheint ein guter Ort für Revolutionen zu sein. Da müsste sich der große Nachbar eigentlich Sorgen machen.

Stimmt. Fidel Castro und Che Guevara lebten in Mexiko im Exil, um die Revolution in Kuba vorzubereiten. Und auch andere lateinamerikanische Führer planten ihre Umstürze in Mexiko. Aber ich glaube, die meisten US-Amerikaner wissen das nicht. Die wissen ja kaum etwas über Mexiko.

Woran liegt es eigentlich, dass Mexiko stets ein Hafen war für Flüchtlinge aus aller Welt?

Wir heißen Gäste mit einem Sprichwort willkommen: Mein Haus ist dein Haus. In den 30er Jahren kamen die spanischen Republikaner, die vor der Franco-Diktatur flohen. Leo Trotzki lebte hier im Exil. In den 40er Jahren kamen die jüdischen Flüchtlinge, die vor den Nazis flohen. Und in der McCarthy-Ära emigrierten sogar Filmemacher aus Hollywood nach Mexiko. Mexiko ist ein Spiegel der Geschichte. Wir hatten schon sehr früh, 1910, eine Revolution und mein Land litt danach, anders als etwa Kuba, Chile, Argentinien, nie mehr unter einer Diktatur. Ich erinnere mich übrigens noch an die deutsche Schriftstellerin Anna Seghers, die während des Zweiten Weltkriegs in Mexiko-Stadt lebte. Ich habe ihr Buch „Das siebte Kreuz“ damals gelesen, ich war 13 oder 14.

Nicht gerade ein Kinderbuch. Es handelt von der Verfolgung in der Nazizeit.

Mein Vater hatte es, weil er Mitglied war im „Book-of-the-Month“-Club. Jeden Monat bekam er ein Buch zugeschickt, das der Club in den USA ausgewählt hatte. Ich war schon als Kind sehr beeindruckt von den Nachrichten aus Europa, ich erinnere mich an die Bombardierungen von Barcelona und Guernica während des spanischen Bürgerkriegs. Ich wuchs in einer politischen Familie auf, und in den Gesprächen beim Essen, und wenn das Radio lief, bekam ich mit, dass da draußen eine schreckliche Welt war. Eine Welt des Faschismus, gegen die man sich stellen musste.

Wenn man deutsche mit lateinamerikanischer Literatur vergleicht, fällt einem sofort auf, dass die Sprache darin viel bilderreicher ist, fast barock anmutet.

Das ist leicht zu erklären. Deutschland hat wie Frankreich und England eine ungebrochene Kontinuität in der Literatur. In spanischer Sprache haben wir große Literatur im 15. und 16. Jahrhundert, den Vater aller Romane „Don Quijote“ von Cervantes, und andere große Poeten. Aber dann kam eine große Stille, auch in Lateinamerika. Erst das 20. Jahrhundert bringt wieder große Schreiber hervor wie Pablo Neruda und Jorge Luis Borges. Meine Generation versuchte dann, dieses Vakuum zu füllen, die Geschichte zu rekonstruieren, die nie erzählt worden war. Es fehlte die Kontinuität, die die Sprache filtert, die sie weicher macht, wenn man das so sagen kann. Unsere Sprache kämpft gegen Dschungel und gegen hohe Berge, gegen die Übermacht der Natur, gegen das Vergessen. Wir wollten den Kontinent zivilisieren – das sind Herausforderungen, denen sich ein europäischer Schriftsteller nicht stellen muss.

Und dabei sind Sie ungemein produktiv. Man könnte meinen, Ihr Verlag hier kommt mit den deutschen Übersetzungen gar nicht mehr nach.

Ich bin sehr diszipliniert, das ist mein Geheimnis. Das liegt an meinen deutschen Genen, mein Urgroßvater, Philipp Boettiger, kam aus Darmstadt. Er war ein Anhänger von Lasalle und floh vor Bismarck nach Mexiko.

Sie glauben, Disziplin sei genetisch veranlagt?

Zumindest habe ich ein Verständnis von Disziplin, das nicht üblich ist in Mexiko. Ich bin auch immer sehr pünktlich...

...Sie kamen auf die Minute genau zum Interview...

...und das habe ich von meinem Vater. Seine Mutter war sehr deutsch in ihrer Art, obwohl sie in Mexiko geboren wurde. Ihr Vater gründete in Veracruz eine Kaffee-Plantage, und er hat etwas Schreckliches getan, das ich ihm bis heute nicht vergeben kann: Er verbannte die deutsche Sprache aus dem Haus. Er sagte seiner Familie: Wir sprechen Spanisch wie alle hier. Ich hatte in Mexiko viele Freunde, die auf die deutsche Schule gingen, die habe ich immer sehr beneidet. Später besuchte ich einmal den Schriftsteller Milan Kundera in Prag, der fragte mich: Hast du Kafka gelesen? Natürlich hatte ich ihn gelesen, nur leider nicht auf Deutsch. Daraufhin Kundera: Dann hast du Kafka nicht wirklich gelesen. Ich habe da also einen echten Mangel, immerhin ist Kafka der Autor, den man lesen muss, um das 20. Jahrhundert zu verstehen. Zehn Jahre vor dem Nationalsozialismus und den Konzentrationslagern hat er „Der Prozess“ geschrieben. Er hat alles schon vorweggenommen.

Wie äußert sich denn Ihre deutsche Disziplin in Ihrem Tagesablauf?

Ich stehe um sechs Uhr auf und schreibe von sieben bis zwölf. Das ist eine sehr einsame Arbeit. Manchmal landet alles, was ich an einem Tag geschrieben habe, im Mülleimer. Danach mache ich einen langen Spaziergang und esse dann mit meiner Frau zu Mittag. Von drei bis sechs lese ich, und abends gehe ich ins Theater oder in die Oper, und danach lese ich noch manchmal – das ist mein Tagesablauf in London. Dort lebe ich etwa die Hälfte des Jahres, um zu schreiben. In Mexiko, wo ich die andere Hälfte verbringe, geht das einfach nicht. Ich komme nicht zum Schreiben, außer ein paar Essays und journalistische Arbeiten.

Und wieso können Sie in Mexiko nicht schreiben?

Da bleibt keine Zeit dafür. Ich habe dort sehr viele Freunde, und es gibt wunderbare Essen, die um drei Uhr nachmittags beginnen und um sechs Uhr abends enden. So um halb elf ist dann Dinner, und man kommt nicht vor ein Uhr ins Bett. Dann ist es natürlich morgens schwer aufzustehen und zu arbeiten. Außerdem klingelt ständig das Telefon, das Fax spuckt Interviewanfragen aus. Wenn ich aber in London aus dem Fenster sehe, ist es ohnehin meist grau, und es regnet, da bleibe ich lieber zu Hause und schreibe. Und das englische Essen ist ja auch nicht so besonders. Aber jeder Schriftsteller scheint da andere Methoden zu haben. Als Garcia Marquez „Hundert Jahre Einsamkeit“ schrieb, sperrte er sich in seinem Haus in Mexiko ein, seine Frau kappte die Telefonleitung und füllte den Kühlschrank. So entstand dieses Meisterwerk.

Ist Berlin eine Stadt zum Arbeiten?

Ganz hervorragend sogar, weil ich hier so gut schlafe. Diese Stadt erinnert mich immer an eine Wiege. Wahrscheinlich, weil sie von Wasser umgeben ist. Das scheint die Stadt regelrecht zu schaukeln, es lullt einen ein. Und wenn man gut schläft, arbeitet man am nächsten Tag auch gut. Von allen Städten der Welt, die ich kenne, schlafe ich in Berlin am besten.

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