Zeitung Heute : Prahlen lassen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

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Gibt es eigentlich mal eine Nachmittags-Talkshow zum Thema: „Hilfe, mein Kind ist ein Angeber“? Wenn ja, möchte ich mich gerne dafür anmelden. Es ist nämlich in der Tat so: Unser Kleiner lügt das Blaue vom Himmel herunter. Glaubt man seinen Worten und Gesten, so hat er bereits Segelflugzeuge gesteuert, den Funkturm erbaut, ist auf wilden Büffeln geritten, mit dem Rennauto nach Italien gefahren und dabei mehrfach tödlich verunglückt. Seine Fantasie blüht mit den Sommerblumen um die Wette. Sage ich etwa auf meine beschränkte Art: „Guck mal, du hast eine Blase am Fuß, das kommt wohl von den neuen Sandalen“, dann widerspricht das Kind: „Nein! Da bin ich doch mit dem Hubschrauber geflogen, ganz hoch, und dann, patsch, bin ich abgestürzt, ins Wasser, und dann… ist die Blase auf meinen Fuß geschwommen.“ Wer beweist das Gegenteil?

Kürzlich waren wir im Zoo. Am Abend prahlte das Kerlchen, nur ihm sei es zu verdanken, dass Berliner Fußgänger nicht von Löwen aufgefressen und von Elefanten überrannt werden, denn er fahre jeden Abend persönlich mit dem Motorrad zum Zoo und schließe die Türen ab. Auch die Aufräumarbeiten nach dem Berliner Sturm hat das Kind im Alleingang bewältigt. Leser, wo wäret ihr ohne unseren Spross?

Statt dass ich nun energisch der Realität zu ihrem Recht verhelfe und auf der Notwendigkeit von Führerscheinen, langjähriger Ausbildung, Muskelkraft und korrektem Haarschnitt bestehe, spiele ich in seinem Spiel auch noch mit: „Oh“, sage ich bewundernd, „das war aber ein tolles Rennauto, mit dem du die Formel 1 gewonnen hast!“

Ähnlich kritiklos lag wohl einst die Mutter eines bekannten FDP-Politikers vor ihrem Möllemännchen – mit dem bekannten Ergebnis.

Nicht nur aus diesem Grunde bin ich so froh, dass es Edith gibt. Bei seiner Tagesmutter, bekommt unser unruhiger Geist alles, was ihm seine beschäftigten, nachgiebigen und chaotischen Eltern nicht geben: regelmäßige Rhythmen beim Essen und Schlafen zum Beispiel, Klarheit, Verlässlichkeit, Grenzen und was man sonst noch unter Erziehung versteht. Edith akzeptiert weder Schnuller noch Nuckelflasche, folglich braucht unser Held sie dort auch nie. Von Edith lässt er sich mittags brav hinlegen und schläft. Bodenständig und liebevoll hat sie ihre Pappenheimer im Griff.

Am Freitag haben wir ihn zum letzten Mal in den offenen Hof mit dem großen Sandkasten gebracht, wo sie oft mit anderen Tagesmüttern und -kindern sitzt. Das Kind soll sein Aufschneider-Unwesen künftig im Kindergarten fortsetzen. Da kommt Wehmut auf! Zum Abschied haben wir ihr und ihrem Mann, zusammen mit anderen ergebenen Eltern, Karten für „Pomp Duck and Circumstance“ geschenkt, eine Show, die fast so turbulent sein soll, wie einen Tag mit einer Schar Kleinkinder. Was wir übrigens bei dieser Gelegenheit erfahren haben: Unser Sohn tritt in dem „total überdrehten Restaurant-Theater“ als Artist auf. Dorothee Nolte

Pomp, Duck and Circumstance, im Spiegelzelt, Möckernstraße 26, Gleisdreieck. Nächste Premiere am 5. September, Tickets zu 105 bzw. 115 Euro unter 0800/5330533 oder www.pompduck.de

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