Zeitung Heute : Praktikant des Jahres

Glorreiche Dot.com-Konzerne im „Seltsam TV“: Der Medienkünstler Daniel Pflumm hat einen Blick für das Absurde im Internet

Krystian Woznicki

Anfang der 90er Jahre. Aufbruchstimmung in Berlin: Kreative jeglicher Couleur erobern die unzähligen Freiräume in der historischen Mitte der Hauptstadt. In leer stehenden Wohnhäusern und verlassenen Gewerbeanlagen eröffnen sie Clubs und Ausstellungsräume, die im Abstand von sechs bis acht Monaten ihre Adresse wechseln. Eine nomadische Existenzform, die auch Daniel Pflumm nicht fremd ist. Er gründet den Club Elektro und später das gleichnamige Musik- Label. Außerdem nimmt er als Gestalter aktiv Teil am WMF, ein legendärer Berliner Club, der über die Jahre zu einem Sammelbecken für kreative Ideen geworden ist, sowie ein Inkubationsort für zahlreiche Künstler, darunter Pflumm selbst.

Mittlerweile ist er ein über die Landesgrenzen hinaus geschätzter Künstler. Sein Dasein als Szene-Entrepreneur hat er deswegen aber nicht zu den Akten gelegt. Jetzt betreibt er zwar keinen Club mehr, dafür aber ein Café in Mitte. Und wenn er nicht gerade dort ist oder durch die Welt reist, um seine Arbeit zu zeigen, sitzt er am Computer, produziert Webseiten oder Videos und surft durch die Berge und Täler des digitalen Kontinents, sein Augenmerk immer auf merkwürdige Webseiten gerichtet.

Mit dem Blick für das Absurde im Internet, das sich für ihn auch im Design eines Online-Kaufhauses für Kinderspielzeug offenbaren kann, fahndet Pflumm nach ungewöhnlichen Grafiken, Icons und Logos. Daraufhin extrahiert er ein prägnantes Detail und präsentiert es auf dem Silberteller: Alle Objekte erstrahlen sauber auf schneeweißem Hintergrund auf seiner Webseite, die er passenderweise „Seltsam TV“ nennt. Alle drei Tage gibt es Updates. Wenn er richtig fündig geworden ist, liefert Pflumm thematisch abgestimmte Gif-Animationen. Rasseln, Krawatten oder Handys werden in einen endlosen Wirbel geschickt: Sie flackern auf, verschwinden wieder, werden durch ähnliche Objekte ersetzt. Der Ablösevorgang dauert einen Wimpernschlag. Die Animation ist eine Endlosschleife.

Diese visuelle Strategie hat Pflumm bereits in seinen Video-Arbeiten kultiviert: Die Warenzeichen multinationaler Konzerne, die er auf ihren abstrakten Zeichencharakter reduziert, werden in neu geschaffenen Corporate Identities gegenübergestellt. So entstehen grafische Konzepte für Unternehmen, die es gar nicht gibt. Dann gibt es Produkte, die zwar Logos zitieren, doch den eigentlichen Namenszug der Firmen weglassen. In anderen Fällen wird eine Firmenidentität entworfen, die sich bei genauerer Betrachtung als Satire entpuppt. Für letzteres ist Seltsam.com ein gutes Beispiel. Allem Anschein nach ein E-Commerce-Konzern, der bei der Selbstdarstellung nichts unversucht lässt, um Eindruck zu schinden: Mit großen Sprüchen wird die Business-Revolution vom CEO höchstpersönlich in Aussicht gestellt. An allen Ecken und Enden wird mit bunten Farben und zuversichtlich grinsenden Gesichtern eine glorreiche Zukunft an die Wand gemalt. Doch an keiner Stelle gibt diese Selbstdarstellung zu erkennen, was das Unternehmen herstellt oder verkauft.

Mit dieser opulenten Sinnlosigkeit erweitert Pflumm das Vokabular all jener, die sich während des Dot.com-Booms in Konzern-Parodien übten. Während Künstler wie ArtMark und Etoy noch einen politischen Auftrag damit verbanden, korporative Ideologien mit gefakten Webseiten zu unterwandern, lässt Pflumm den Surfer in ein Labyrinth der Leere laufen. Wer sich nämlich bei Seltsam.com durchklickt, merkt bald, dass er sich in einem digitalen Universum verfangen hat, das seinen eigenen Regeln zu gehorchen scheint. Was den Surfer erwartet, ist ein Dada-Reich voll surrealer Computer-Grafiken, die aus den Untiefen des Netzes zu architektonisch anmutenden Ensembles montiert worden sind. Ein Reich, das sich auch als Parallel-Welt begreifen lässt, ein Gegenentwurf zu einem Internet, das immer mehr der Kommerzialisierung anheim gefallen ist und kaum mehr Platz bietet für öffentlichen Raum und kreative Ökonomien.

Was mit jedem Klick durchscheint, ist der Humor des 1968 in Genf geborenen Künstlers. Allein die Domain-Namen der Tochterunternehmen von seltsam.com sprechen Bände: freecustomer.com, mehrheitspartei.de, himbeer.com, www.freeci.com . Aber auch die Protagonisten von Seltsam.com. Sie sind alle mindestens 50 Jahre alt. Selbst der „Praktikant des Jahres“ scheint dem Pensionierungsalter ganz nahe zu sein. Im krassen Kontrast stehen diese Gesichter zu den Helden der Dot.com-Revolution, die minderjährige Garagenbesitzer waren. Pflumm nimmt damit nicht nur den Jugend-Kult einer Branche aufs Korn, die mittlerweile ihr Verfallsdatum überschritten hat. Er zeigt damit auch, wie sie gealtert ist – gemäß einem Selbstverständnis von Zeit, demzufolge ein Internet-Jahr mindestens drei Lebensjahren entspricht. Wer dieser Zeitrechnung verfallen war, dürfte heute kaum wiederzuerkennen sein und findet sich ja vielleicht unter den Senioren-Stars von Seltsam.com wieder.

Im Internet:

www.seltsam.com

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