Zeitung Heute : Praktisch zufrieden

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat untersuchen lassen, wie zufrieden die Deutschen mit der ambulanten Krankenversorgung sind. Wie ist es um das Verhältnis von Patienten und Ärzten bestellt?

Stefan Beutelsbacher
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Die große Mehrheit der Deutschen ist offenbar mit ihren Ärzten zufrieden. Neun von zehn Bundesbürgern vertrauen ihren Medizinern und halten sie für fachlich kompetent. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Auftrag gegebene Telefonumfrage unter mehr als 6000 Bürgern, die gestern in Berlin vorgestellt wurde. Für Verärgerung bei den Patienten sorgen allerdings teilweise lange Wartezeiten. Zwar gab fast die Hälfte der Befragten an, auf Termine beim Arzt gar nicht gewartet zu haben, jeder fünfte bekam jedoch erst nach drei Wochen oder noch später eine Behandlungsmöglichkeit. Zu ähnlichen Resultaten waren im Juni schon eine Erhebung des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen und im April eine Untersuchung der Universität Köln gekommen.

Laut der KBV-Studie bekam ein Drittel der Patienten sofort einen Termin, 16 Prozent gingen in die Praxis, ohne einen Zeitpunkt vereinbart zu haben. Auffallend ist, dass Patienten beim Facharzt zum Teil erheblich länger warten müssen als bei Hausärzten. 18 Prozent der Befragten erhielten erst nach mehr als drei Wochen eine Behandlung vom Spezialisten, während beim Hausarzt nur drei Prozent so lange ausharren mussten. Wie schnell Patienten in Deutschland einen Arzttermin bekommen, hängt auch von der Art der jeweiligen Krankenversicherung ab. Privatpatienten müssen sich generell nicht so lange gedulden wie gesetzlich Versicherte. Bei rund doppelt so vielen gesetzlich wie privat Versicherten betrug die Wartezeit mehr als drei Wochen.

Schuld an diesem Missverhältnis sind nach Meinung von Andreas Köhler, dem Vorstandschef der KBV, die Budgetgrenzen bei der Behandlung von Kassenpatienten. „Privat Versicherte sind für die meisten Praxen überlebensnotwendig, weil die Vergütung in der Regel besser ist“, sagt Köhler. Die Folge: „Sie werden bevorzugt mit Terminen versorgt.“ Sie werden auch schneller aus dem Wartezimmer gerufen: Mehr als die Hälfte der Privatpatienten kommt spätestens nach einer Viertelstunde dran, bei den gesetzlich Versicherten sind es nicht einmal 40 Prozent. Insgesamt betrachtet müssen 71 Prozent der Patienten nicht länger als eine halbe Stunde im Wartezimmer sitzen.

Trotz der Klagen über fehlende Ärzte in ländlichen Gegenden ist es für die meisten Deutschen zurzeit noch kein großes Problem, eine Praxis in der Nähe zu erreichen. Drei Viertel der Befragten brauchen nicht länger als zehn Minuten zu ihrem Hausarzt, immerhin noch die Hälfte schafft es in dieser Zeit auch zum Spezialisten. Laut Vorstandschef Köhler ist Deutschland damit international spitze: „Nirgendwo sind die Ärzte schneller zu erreichen als in der Bundesrepublik.“

Keine Klagen über lange Wege – über die neuen Regelungen bei der Verschreibung von Medikamenten aber schon. Das Wort kommt etwas sperrig daher: „Aut-idem-Substitution“. Gemeint ist damit der Austausch eines teuren Medikaments durch ein billigeres Generikapräparat, das die gleiche Wirkung haben soll. Dass sie mit ihrem Rezept in der Apotheke nicht die gewohnten Tabletten bekommen, finden nur 50 Prozent der Deutschen in Ordnung. Fast jeder zweite Kassenpatient hat das schon einmal erlebt. Mehr als 90 Prozent haben die Pille trotz Zweifeln geschluckt – aber immerhin fünf Prozent davon haben das neue Mittelchen nicht eingenommen. „Das sind noch eindeutig zu viele“, sagt KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller.

Auch wenn die Deutschen insgesamt nicht viel an ihren Ärzten auszusetzen haben, waren 17 Prozent von ihnen in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal so unzufrieden, dass sie sich beschweren wollten. Allerdings: Nur ein Drittel davon schritt auch zur Tat. Das entspricht gerade einmal sechs Prozent aller Patienten. Alle anderen haben sich das Meckern am Ende dann doch verkniffen.

Massenhaft schimpfen die Deutschen dagegen über die Praxisgebühr. „Viele haben sich noch immer nicht an sie gewöhnt und sind sehr unzufrieden“, sagt Vorstandsvorsitzender Köhler. Mit den Versuchen, Elemente aus der privaten Krankenversicherung auf gesetzliche Kassen zu übertragen, können sich viele Versicherte hingegen immer mehr anfreunden. Zum Beispiel mit der Idee, dass der Patient sein Geld zurückbekommt, wenn er eine Behandlung nicht in Anspruch nimmt. Fast zwei Drittel der Befragten würden sich einen solchen Tarif bei ihrer Krankenkasse aussuchen. Kaum Bedenken hat die Mehrheit auch beim sogenannten Hausarztmodell. Es sieht vor, dass Kranke immer erst zum Allgemeinmediziner gehen, der sie dann an einen Spezialisten überweist. 59 Prozent finden das gut.

Ganz und gar nicht einverstanden ist das Gros der Befragten dabei mit Tarifen, bei denen die Kasse bestimmt, zu welchem Arzt der Versicherte gehen soll. 68 Prozent würden sich gegen einen solchen Tarif sperren: Sie wollen bei ihrem Arzt bleiben.

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