Zeitung Heute : Praktische Vernunft und Kritik

Joschka Fischer besucht Kaliningrad und Putin – dabei soll er auch deutliche Worte zu dessen Politik gesagt haben

Christoph Marschall[Kaliningrad]

Von Christoph von Marschall, Kaliningrad

Wladimir Putin lässt schön grüßen. Schon am Morgen, als Joschka Fischer 1300 Kilometer weiter nordwestlich, in Kaliningrad, an das Grabmal des großen Philosophen Immanuel Kant tritt, zu dessen 200. Todestag. Da gibt es bereits ein frisches Gesteck aus roten Nelken, weißen Lilien und Chrysanthemen; auf der Schleife in den russischen Farben Weiß, Blau, Rot steht in gold: Der Präsident der russischen Föderation. Es ist ein schlichtes Grabmal an der Nordecke des Domes, der erst in den jüngsten Jahren wieder aufgebaut wurde. An der Außenwand des Chores hängt unter einem fast quadratischen Vordach eine Tafel mit dem Namen und dem Zusatz 1724-1804.

Fischer verharrt einen Moment so andächtig, wie es sein Naturell zulässt, lässt ein Gebinde aus Rosen und Gerbera und der schwarz-rot-goldenen Schleife neben Putins Gruß legen. Kant, diese Botschaft inszeniert er geradezu, ist der Teil dieser Reise, die ihm am meisten Freude bereitet. Er trägt sogar eine antiquarisch erworbene Ausgabe seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ mit sich; die Passage über den kategorischen Imperativ hat er dick unterstrichen. „Recht, Moral und Aufklärung sind seit Kant Kernbestand europäischen Denkens“, wendet er sich an die russischen Journalisten. „Auf sie gründet sich der Frieden.“

Es ist ein sonniger Wintertag, der Schnee knirscht unter den Schritten. Da wirkt auch der 15-stöckige Betonkoloss am anderen Pregelufer mit seinen leeren dunklen Fenstern nicht mehr so bedrohlich. Er steht allein auf einer riesigen Brachfläche, dort, wo einst die Altstadt war. Sie wurde im Krieg zerstört. Der Koloss ist nie bezogen worden, die Fundamente hatten sich verschoben.

Auf den anderen Stationen des Tages übt sich Fischer im Spagat zwischen reiner und praktischer Vernunft. Er eröffnet ein deutsches Generalkonsulat in der Stadt, die fast 700 Jahre deutsch war und seit 59 Jahren nicht mehr Königsberg heißt, sondern Kaliningrad. Das Konsulat, das ist die Parole, werde nicht wegen der Vergangenheit eingerichtet, sondern wegen der Zukunft. Am 1.Mai treten Polen und Litauen der Europäischen Union bei, dann wird Kaliningrad – das mit der Unabhängigkeit der baltischen Staaten 1991 eine russische Exklave an der Ostsee wurde, ohne Landverbindung zu Russland – zu einer Insel in der EU. Mit verschärften Grenzformalitäten.

Doch zunächst ist die Zukunft des Generalkonsulats selbst noch offen. Der Leiter, Cornelius Sommer, ein 63-jähriger Breslauer, kann seine Dienste vorerst nur in einer angemieteten Suite des Hotels „Albertina“ anbieten. So wurde die Eröffnung des Konsulats in das Deutsche Haus verlegt, wo sonst Russlanddeutsche vom Innenministerium betreut werden. Und die inzwischen etwa 50 deutschen Unternehmen bei ihren Investitionsvorhaben eine erste Anlaufstelle fanden. In der freundlichen Baracke mit viel Holz und Glas lehnt das ovale, gelbe, etwa einen Meter hohe Schild mit dem Bundesadler und der Aufschrift „Generalkonsulat“ am Rednerpult. Wo in der großen Stadt wird es einmal hängen? Gouverneur Wladimir Jegerow verspricht Hilfe bei der Raumsuche.

Auch der Vergangenheit entkommt Fischer nicht so leicht. Jegerows Amtssitz war früher das Landesfinanzministerium Ostpreußens, heute steht im Vestibül ein Geldautomat. Auf dessen forsche Begrüßung als „ersten deutschen Außenminister seit 65 Jahren“ in der Stadt – ohne den Namen Ribbentrop zu erwähnen – ist Fischer nicht eingegangen. Sondern hat Zuflucht gesucht: bei Kant. Der sei für ihn „eine alte Liebe“, er habe „Kant und Hegel gelesen, um Marx besser zu verstehen“, sagt er.

Die Kaliningrader haben die Scheu vor der deutschen Vergangenheit ihrer Stadt abgelegt. Sie ist für sie sogar zu einer Hoffnung geworden, zur Hoffnung, den Anschluss an Europa zu finden. Und den Streit, welches Jubiläum sie denn 2005 begehen wollen, 750 Jahre Königsberg oder 60 Jahre Kaliningrad, haben die Stadtoberen so gelöst: „750 Jahre – unsere Stadt“. Praktische Vernunft.

Zu der ist auch Fischer gezwungen, als Putin ihn abends in Moskau persönlich begrüßt. Die Sorge um Russlands Demokratie, das Vorgehen gegen politische Konkurrenten und oppositionelle Medien und der Krieg in Tschetschenien – das alles wird in der Pressekonferenz nicht thematisiert. Hinter verschlossenen Türen schon, versichert der Außenminister.

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