Zeitung Heute : Praktizierte Solidarität

Mit den Restcents ihrer Gehälter unterstützen die VW-Beschäftigten Projekte für Kinder

Alfons Frese Waltraud Hennig-Krebs

Der Arbeitstag beginnt um zehn Uhr in der Werkstatt und dauert fünf Stunden. „Das ist sehr viel“, sagt Gabriela Schützler. Denn es sind nicht irgendwelche Jugendliche, die sich in dem „Drugstop“ des Vereins Karuna in Berlin-Friedrichshain einfinden – zum Teller oder Fliesen bemalen, T-Shirts bedrucken oder Fahrräder reparieren. Es sind Jugendliche, die sich bislang auf der Straße herumgetrieben haben, Alkohol oder andere Drogen konsumierend und bettelnd.

Denn Straßenkinder gibt es nicht nur in Rio, Johannesburg oder Manila, schätzungsweise 2000 Kinder und Jugendliche treiben sich auf Berliner Straßen und Plätzen herum. Sie gehören zur Zielgruppe von Karuna. Der Verein wurde 1990 in Lichtenberg gegründet und bemüht sich heute mit 40 hauptamtlichen Mitarbeitern um Suchtkranke und Suchtgefährdete, um „die Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not“, wie Geschäftsführerin Gabriela Schützler sagt.

Das meiste Geld für Karuna kommt vom Senat, doch bei dem Werkstattprojekt „Vielfarben“ ist auch terre des hommes dabei. Und Volkswagen. 1998 initierte der VW-Konzernbetriebsrat in Wolfsburg die Kampagne „Eine Stunde für die Zukunft“. Der Lohn von einer Arbeitsstunde sollte für Straßenkinder überall dort eingesetzt werden, wo VW Fabriken betreibt. In Mexiko, Brasilien, Argentinien, Südafrika und in Deutschland.

Es blieb nicht bei der einen Stunde: Rund 70 000 VW- und Audi-Mitarbeiter geben bis heute und Monat für Monat den Cent-Betrag ihres Lohnzettels für „Eine Stunde für die Zukunft“ an den Projektpartner terre des hommes. Die Beträge reichen also von einem bis 99 Cent. Nimmt man die Mitte als Berechnungsgrundlage, so kommen immerhin jeden Monat 35 000 Euro zusammen. Alles in allem sind bis heute rund 7,3 Millionen Euro von den VW-Beschäftigten aufgebracht worden.

„Mit jedem gesammelten Cent geht es einem Kind in dieser Welt ein Stück besser“, sagt VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh. „Besser deshalb, weil ihm in einem Projekt geholfen wird, in Zukunft ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen.“ Mittlerweile, so Osterloh weiter, hätten sich viele Hilfsprojekt so gut entwickelt, „dass wir den Kindern nicht nur eine schulische Grundausbildung anbieten. Die Berufsausbildung satteln wir gleich noch oben drauf.“ Gerade für Betriebsräte und Gewerkschafter sei es wichtig, „den jungen Menschen die Fähigkeiten zu vermitteln, sich und ihre Familien durch Arbeit allein zu ernähren“, sagt der VW-Konzernbetriebsratschef, der „an vielen Orten dieser Erde Kinder gesehen hat, die unsere Hilfe brauchen.“

Ipoderac (Mexiko)

In der Nähe der mexikanischen Stadt Puebla, wo VW unter anderem den Beetle baut, leben 72 ehemalige Straßenkinder auf einer Finca. Arbeit und Ausbildung gibt es in einer Käserei, einer Tischlerei und bei der Herstellung von Seifen. Bislang haben 600 Jugenliche in Ipoderac eine Ausbildung absolviert.

Mateo V (Mexiko)

In diesem Projekt werden 16 behinderte Mädchen und Jungen betreut. „Sie bekommen Unterricht, der auf ihre Fähigkeiten zugeschnitten ist, und helfen dabei, das Federvieh und die Lämmer zu versorgen oder Tomaten anzubauen“, heißt es bei terre des hommes. Mit Hilfe von „Eine Stunde für die Zukunft“ konnten Sonderpädagogen eingestellt werden. Einige Jugendliche haben Lesen und Schreiben gelernt.

Juconi (Mexiko)

Hier haben 20 Jungs, die zuvor auf der Straße gelebt haben, ein Zuhause gefunden. Vormittags gehen alle zur Schule, am Nachmittag sind die Hausaufgaben fällig, bevor es Sport und Spiel gibt. Im Beratungszentrum finden zusätzlich 480 Kinder Hilfe bei der Bewältigung von Alltagsproblemen. Bis heute konnten 1500 Kinder und Jugendliche dauerhaft von der Straße geholt werden.

Francisco Solano Trinidad (Brasilien)

Das afrobrasilianische Kulturzentrum am Rande der Industriezone von Sao Paulo bietet 120 Kindern und Jugendlichen, die sich selbst überlassen sind, die Freizeit mit Sport, Musik und Tanz zu gestalten. Außerdem versuchen die Mitarbeiter des Zentrums die Familien der Heranwachsenden mit Rat und Tat zu stabilisieren und achten darauf, dass die jungen Leute zur Schule gehen. Im letzten Jahr sind nur drei von 120 Kindern sitzen geblieben – und aus ehemals gelangweilten Schule schwänzenden Teenagern sind begeisterte Tänzer und Musiker geworden, die die Musik und den Gesang der afrobrasilianischen Minderheit auch öffentlich vorstellen.

Kindertagesstätte Celivi (Brasilien)

Zwischen zwei und fünf Jahre alt sind die 120 Kinder aus dem benachbarten Elendsviertel von Sao Paulo, die in dem freundlich wirkenden, rosa angestrichenen Haus von Celivi spielen und toben können. Während ihre Mütter arbeiten, kümmern sich die Mitarbeiter um das Wohl der Kleinen. Sie erhalten nicht nur ein warmes Essen und werden medizinisch betreut, die Vorschulkinder werden auch auf die Schule vorbereitet.

Projekte in Córdoba (Argentinien)

Drei Organisationen haben es sich zur Aufgabe gemacht, benachteiligten Jugendlichen aus der Provinz Córdoba eine berufliche Grundausbildung zu ermöglichen. So betreut und fördert Apadim geistig behinderte junge Menschen. Sie werden für Tätigkeiten in der Gastronomie und in Bäckereien ausgebildet, in einer Grafik-Werkstatt produzieren sie unter anderem Tage- oder Notizbücher. Etwa 300 Heranwachsende arbeiten an dem Zeitungsprojekt von La Luciérnaga mit. Die Jugendlichen erstellen und produzieren das Blatt, das über die schwierige Lage von Kindern und Jugendlichen auf der Straße informiert. Für die Verkäufer ist der Vertrieb eine Einnahmequelle. Cecopal ermöglicht es Jugendlichen, eine eigene Radiosendung zu gestalten, die ihre Altersgenossen problemnah und konkret informiert. Außerdem werden 40 Jugendliche in Fotografie, Siebdruck und Öffentlichkeitsarbeit ausgebildet.

Share (Südafrika)

Im Schutzzentrum von Share in der Nähe des VW-Werks in Uitenhage leben 40 ehemalige Straßenkinder, die ihre Eltern meist durch Aids verloren haben. Terre des hommes ermöglicht ihnen den Schulbesuch, und sie erhalten Unterstützung bei dem Bemühen um Kontakte zu ihren Verwandten. Außerdem kümmert sich ein Netzwerk von 32 engagierten Organisationen um mehr als 1200 Jungen und Mädchen, deren Familien die Lasten von Armut und Aids nicht mehr schultern können. Die Mitarbeiter ermitteln hilfsbedürftige Kinder, sorgen für regelmäßigen Schulbesuch und Mahlzeiten und setzen sich auch bei Behörden dafür ein, dass die Kinder eine Geburtsurkunde erhalten und somit staatliche Unterstützung bekommen.

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