Zeitung Heute : Prall gefüllte Depots

Der Aktienmarkt hat ein Alters-Problem eigener Art

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Von Martin Beier

Investmentfonds machen zu. Aktienkurse sinken in den Keller. Millionen Sparer wissen nicht recht, ob das nur der übliche Auftakt für bessere Zeiten ist oder schon der Anfang eines neuen Phänomens: der Alters-Problematik am Aktienmarkt.

Tiefschürfende Ausarbeitungen machen heute regelmäßig die Runde, selbst durch Wirtschaftsseiten der Regionalpresse: Fundamentale Analysen, konjunkturelle Prognosen und statistische Reihen veranlassen Börsen-Analysten zu Herabsetzungen und Höherstufungen von Aktien. Ob deren Kurse dann tatsächlich steigen oder fallen, das hängt jedoch allein von den Mengenverhältnissen zwischen Käufern und Verkäufern auf dem Aktienmarkt ab. Wie wichtig es ist, dass ständig genug Anleger bereit sind, Aktien zu kaufen, musste jüngst die deutsche Versicherungswirtschaft erfahren. Sie wurde umfangreiche Aktienpakete nur zu stark sinkenden Kursen los.

Aktiengesellschaften nehmen ihre Anteile nicht zurück. Das ist eines der Grundprinzipien des Börsengeschäfts. Aktionäre müssen sich selbst Käufer für ihre Papiere suchen, wenn sie Geld statt Papiere haben wollen. Banken und Börsen helfen dabei, neue Käuferschichten heran zu schaffen. Unter den aktuellen Bedingungen fällt ihnen das jedoch sehr schwer. Nur die wenigsten Sparer bringen momentan den Mut auf, die niedrigen Kurse als Einstiegschance anzusehen und beispielsweise die Förderangebote des Riester-Modells anzunehmen. Im Gegenteil: Die erst vor wenigen Jahren gegründeten Altersvorsorge-Sondervermögen (AS-Fonds) stöhnen unter Kurs- und Kundenschwund. Ein erster Fonds zahlt bereits außerplanmäßig die Gelder zurück. Er macht zu, so wie viele andere normale Fonds auch, weil sie kein neues Geld bekommen und ihre alten Geldanlagen arg im Wert gesunken sind.

Grundsätzlich ist die Struktur der deutschen Anlegergilde so, dass umfangreiche neue Gelder in den Aktienmarkt fließen könnten. Geburtenstarke Jahrgänge aus der Wirtschaftswunder-Epoche der Republik sind in die besten Sparerjahre gekommen. Ab 40 lassen traditionell die Belastungen für Familie, Haus und Garten nach. Einkommen und Sparfähigkeit wachsen. Das Interesse für Alter und Rente nimmt zu, je mehr absehbar wird, dass die Versorgung aus dem Generationenvertrag abnimmt. Doch der Grundsatz relativiert sich schnell, je später nämlich heute Familien gegründet werden und je früher Väter im Zuge des allgemeinen Jugendwahns in Arbeitslosigkeit und Vorruhestand geschickt werden.

Je mehr Sparer und Anleger das Aktien- und Börsenwesen erforschen, um die tiefen Ursachen für die Talfahrt der Kurse zu finden, desto mehr wachsen die Zweifel, ob es denn im Jahr 2020 und danach genug Käufer geben wird, die aussteigewilligen Rentnern ihre Papiere abkaufen wollen um deren Rente zu sichern.

„Das Problem ist noch nicht ausgeforscht“, heißt es in Wissenschafts- und Bankenkreisen. Dies gilt um so mehr, als die nachwachsenden Jahrgänge die Nachhaltigkeit von Wirtschaft und Sparkraft made in Germany in Frage stellen. Man könne den Kapitalstock für die Rente schon jetzt in stark wachsenden Schwellenländern anlegen oder später seine Aktien an Sparer aus diesen dynamischen Regionen verkaufen. So lauten erste Überlegungen, die Globalisierung predigen, aber die Angst vor fremden Kulturkreisen nicht weg kriegen. Bilanzskandale und Optionsorgien untergraben das Anlegervertrauen schon vor der eigenen Haustür.

Auch das Kapital bildende Rentensystem, das Gegenstück zum traditionellen deutschen Umlageverfahren, lebt im Grunde von der Leistungskraft der nächsten Generationen. Wenn sie keine Aktien kaufen wollen oder können, gibt es für die alte Generation kein Geld aus Verkäufen.

Besser wäre es, sie müsste gar nicht spekulieren und verkaufen. Dafür müssten Aktien genug Dividende abwerfen. Damit hapert es jedoch in dem auf Shareholder Value, Spekulation und Kursgewinne aufgebauten System. Viele amerikanische und erst recht japanische Rentner müssen wieder arbeiten gehen. Wegen übergroßer Aktienverkäufe sinken bei ihnen seit Jahren die Aktienkurse.

Der Autor ist Publizist und Privatdozent .

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