Praxisführer Folge 4 : Leben mit Schmerzen

Das Gefühl, Muskeln und Sehnen zerreißen – in einem Arm, der nicht mehr da ist. Millionen Menschen leiden jahrelang, bevor ihnen geholfen wird.

Hannes Heine
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Der Praxisvergleich - eine Serie von Ingo Bach (Leitung und Konzept), Hannes Heine, Fabian Bartel (Grafiken) und Nils Klöpfel...

Bedrückt sieht er aus, als er das Behandlungszimmer in der Kreuzberger Praxis nahe am Checkpoint Charlie betritt, eingeschüchtert, unruhig. Wan Zuh* kommt aus Tibet, China. In Berlin war der ruhige Mann, Anfang 40, Bauarbeiter. Der Job war hart, bei der Sicherheit wurde gespart: Vor zwei Jahren stolperte Zuh, er fiel in eine laufende Motorsäge.

Seitdem fehlt Zuhs linker Arm, der Ärmel seiner Windjacke hängt leer an ihm herunter. Geblieben ist der Schmerz – der körperliche, als wäre der seelische nicht schon genug. Den körperlichen Schmerz erlebt Zuh noch immer so wie beim Unfall: Als Gefühl, Muskeln und Sehnen zerreißen. Es sind Alarmsignale der Nerven in einem Arm, der nicht da ist – Phantomschmerz.

So wie Wan Zuh tut einigen jahrelang ein amputierter Körperteil weh, als wäre es gerade abgerissen. Ihr Schmerz ist chronifiziert, kommt scheinbar ohne Anlass immer wieder. Schmerz sei, erklärt die Internationale Schmerzforschergesellschaft, ein unangenehmes Sinnerlebnis, das nicht nur mit realer, sondern zuweilen nur drohender Gewebeschädigung einhergeht.

Jeder chronische Schmerz hat akut angefangen. Wenn das quälende Gefühl länger anhält, hinterlässt es Spuren im zentralen Nervensystem, der Kröper lernt mit dem Schmerz zu leben. Die Nerven werden empfindlicher, gewöhnen sich daran, massive Schmerzreaktionen bei harmlosen Reizen in Gang zu setzen. Der Schmerz hat sich in Zuhs Nervenbahnen eingebrannt. Der abgeschnittene Arm hat im Gehirn eine stete Repräsentanz.

„Wo tut es weh“, fragt Dieter Immler. Der Schmerztherapeut beugt sich zu Wan Zuh, der vor ihm in der Kreuzberger Praxis sitzt. Der Tibeter zeigt mit dem Mund auf eine Stelle am verbliebenen rechten Arm – und meint die selbe Stelle gegenüber, am imaginären linken Arm. Der Schmerz sei seit dem Unfall fast unverändert, sagt Zuh. Neben Schmerzmitteln bekommt er Psychopharmaka. Er leidet unter Depression – bei Dauerschmerzen nicht ungewöhnlich. Immler verschreibt neue Medikamente. Und erinnert Zuh daran, die Spiegeltherapie fortzusetzen.

Dabei sitzt der Patient vor einem Spiegel. Die Körperseite, an der der amputierte Arm hing, ist verdeckt. Im Spiegel ist der verbliebene Arm sichtbar. Anschließend wird dieser gesunde Arm gereizt. Das Gehirn interpretiert diese Reize so, als ob sie auch vom amputierten Arm kämen. Hört der Patient aber auf, seinen gesunden Arm zu reizen, lassen irgendwann auch die Schmerzen im fehlenden Arm nach. Die Nerven ersetzen nicht mehr vorhandene Signale aus dem verlorenen Arm seltener mit den zuletzt empfundenen Unfallschmerzen. Einige sollen irgendwann gefühlt haben, dass der amputierte Arm friedlich am Körper hing. Doch in den meisten Fällen leiden Betroffene jahrelang, rennen von Arzt zu Arzt, fühlen sich unverstanden. Wird die Ursache nicht erkannt, fragen viele: Bildet sich der Betreffende das nur ein?

Bis zu 15 Millionen Bundesbürger leiden an wiederkehrenden Schmerzen, mindestens eine Million davon braucht ärztliche Hilfe. Am häufigsten führen Rückenprobleme und Migräne zu chronischen Schmerzen, aber auch nach Unfällen verletzte Nerven oder Rheuma. Der Kampf gegen chronische Schmerzen beginnt oft spät und endet selten mit einem Totalsieg. Auch bei Wan Zuh ist die Aussicht auf ein schmerzfreies Leben gering.

Im „Schmerz-Fragebogen“ gibt es eine Skala, auf der man angeben kann wie stark man leidet: Null bis Zehn. Zuh hat, als er das erste Mal zu Immler kam, Acht angekreuzt. Vielleicht ist es heute eine Sechs. Als tolerabel geben die meisten Zwei an. Leise schleicht Zuh aus der Praxis. Er kommt wieder.

Immer wieder kommen auch die Patienten von Jan-Peter Jansen. Der Anästhesist leitet das Schmerzzentrum am Senefelder Platz. In dieser Großpraxis versorgen Internisten, Allgemeinmediziner, Psycho- und Physiotherapeuten auf drei Etagen hunderte Patienten am Tag. Die Telefone sind besetzt, E-Mails der Patienten werden aber zügig beantwortet.

Im Wartezimmer stimmt ein 200-Liter-Aquarium die Patienten milde, Jansen füttert die Fische selbst. Hat es der Arzt aber eilig, geht er nicht über den Flur von Raum zu Raum, sondern nimmt eine Wendeltreppe an der Rückwand des Hauses. Auch wegen der Fülle der Patienten setzt Jansen auf moderne Technik. Betroffene sollen via Handy oder Internet ein Schmerztagebuch führen. So lasse sich ihr Zustand gut dokumentieren, auch über lange Therapien hinweg: „Jahrelange Schmerzen können auch wir nicht in ein paar Tagen wegzaubern.“

Am Senefelder Platz wird aber nicht nur auf Technik sondern auch auf Alternativen wie Akupunktur, Hypnose und Homöopathie gesetzt. Trotzdem bleiben starke Schmerzmittel, Opiate, für die Therapie wichtig. Um sie in möglichst kleinen, aber wirksamen Dosen einzusetzen, werden sie durch Spritzpumpen an die Schmerzzentren in der Wirbelsäule abgegeben. Die morphinhaltigen Mittel sind mit Heroin verwandt, viele Mediziner sehen deren Einsatz kritisch. „Es gibt die Sorge, den Patienten süchtig zu machen“, sagt Jansen. Süchtig wird Studien zufolge nicht mal einer von 1000 Opiat-Patienten. Ohnehin bekommen Morphine nur extrem schmerzgeplagte Patienten. Lea Radke* zum Beispiel nicht, die lebensfroh das Behandlungszimmer in Dieter Immlers Kreuzberger Praxis betritt. Radke, Anfang 30, wacher Blick, betreibt eine Bar. „Zwölf Stunden täglich hinterm Tresen“, erzählt sie. Sie ist das erste Mal bei einem Schmerztherapeuten. Bisher war sie bei Hausärzten und Orthopäden, bekam Pillen und Massagen. Die Schmerzen kommen immer wieder. Radke zeigt über ihre Schulter auf den Rücken, das Ziehen und Stechen wandere von dort in Nacken und Kopf. Immler sagt: „Machen Sie mal einen Katzenbuckel!“ Er tastet die Wirbelsäule ab. „Wenn sie ihre Jeans kürzen, ist dann ein Hosenbein länger als das andere?“, fragt der Arzt ohne das die Patientin je erwähnt hätte, dass sie ihre Hosen zurechtschneidern lässt. Er erkennt auf Anhieb wenige Zentimeter Unterschied zwischen den Beinen.

Die Patientin legt sich auf eine Liege, Immler schmiert ihr ein durchsichtiges Gel auf den Rücken. Dann schickt er mit einer Stoßwelle elektromagnetische Impulse in den Körper. Früher hat man so Nierensteine zertrümmert. Durch die Stöße sollen sogenannte Trigger – Englisch für Auslöser – gefunden werden, Stellen an denen die Schmerzen beginnen, Verkrampfungen. Derzeit läge bei Radke keine „gravierende Blockierung“ vor, stellt Immler fest, aber Muskelverhärtung. „Menschen sind nicht dazu gemacht, stundenlang zu stehen“, sagt Immler. Er empfiehlt hohe Küchenmöbel, damit das Bücken ausbleibt, und verschreibt Lea Radke eine Spezialmassage. Noch seien ihre Schmerzen nicht chronisch, aber gut, dass sie gekommen sei.

Nicht alle sind offensiv. Dabei wäre das nötig. Der Patient soll selbstbewusst mit der Krankheit umgehen, Betroffenen soll vermittelt werden: „Ich bin der Chef, nicht der Schmerz.“ Viele schlafen schlecht, wachen unter Schmerzen auf. Ein Teufelskreis: Der gestörte Schlaf vergrößert den Schmerz, der den Schlaf stört. Viele, die zu Immler und Jansen kommen, haben einen langen Leidensweg hinter sich. Einige bringen dicke Aktenordner von dutzenden Ärzten mit.

Kann man abschätzen, bei wem akute Schmerzen, also Symptome, zu chronischen Schmerzen, also einer eigenen Krankheit, werden? Jan-Peter Jansen berichtet, dass die meisten Betroffenen ältere Frauen seien. Ärzte sprechen von einer nur vagen Tendenz: Je niedriger Ausbildung, je stressiger der Job und je depressiver der Patient schon vorher war, desto anfälliger ist er für chronische Schmerzen. Lea Radke, die überarbeitete Barfrau, wundert sich. Sie könne nicht gemeint sein. „Ist ja auch nur ’ne Tendenz.“

* Namen geändert

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