Praxisführer (Teil 2) : "Wir sind oft die Werkstatt der Praxen"

Charité-Professor Foerster spricht mit dem Tagesspiegel über niedergelassene Kollegen, Protonenstrahlen und Frühgeborene.

Ingo Bach
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Prof. Dr. Michael H. Foerster Direktor der Augenklinik am Benjamin-Franklin-Klinikum. - Foto: promo

Herr Professor Foerster, jedes Jahr werden in Deutschland insgesamt rund 600 000 Eingriffe an altersbedingt eingetrübten Augenlinsen durchgeführt, und das immer öfter ambulant. Sind diese Kataraktoperationen wirklich so problemlos?



Kataraktoperationen sind mittlerweile Standardeingriffe, die meist sehr gut ambulant vorgenommen werden können. Allerdings gibt es Ausnahmen, in denen die Operation sehr wohl stationär im Krankenhaus ausgeführt werden sollte. Etwa dann, wenn der Augapfel besonders kurz oder lang ist, das entspricht einer Weitsichtigkeit von plus fünf Dioptrien und mehr und einer Kurzsichtigkeit von mehr als fünf Dioptrien. Denn dann werden Komplikationen durch den Eingriff wahrscheinlicher – Blutungen oder Probleme mit dem Augeninnendruck, die die Heilung verzögern könnten. Bei den kurzsichtigen Augen steigt die Rate der Aderhautblutungen und Netzhautablösungen, die zur Erblindung führen können.

Sie führen also selbst immer weniger Linsenoperationen durch?

Wir haben immer noch regelmäßig mit Kataraktoperationen zu tun. Denn die Komplikationen nach ambulanten Eingriffen am Auge landen oft bei uns. In der Klinik fühlt man sich oft als Reparaturbetrieb für niedergelassene Operateure, die diese Rolle wohl auch von uns erwarten.

Machen Sie lieber andere Dinge?

Ja. Unsere Aufgabe ist es neue Verfahren zu etablieren. Herausfordernde Operationen sind komplizierte Netzhautoperationen, Entfernungen von Tumoren aus dem Augeninneren unter Erhalt der Sehfunktion sowie Hornhauttransplantationen, besonders dann, wenn dabei auch an der Iris und der Linse Manipulationen ausgeführt werden müssen. Die Hornhaut stammt von verstorbenen Spendern. Ein solcher Eingriff ist nötig, wenn der Flüssigkeitstransport durch die Hornhaut hindurch – oft altersbedingt – nicht funktioniert und sich Ablagerungen an der Innenseite der Hornhaut bilden, die diese bis zu Undurchlässigkeit trüben. Das Auge ist dann quasi blind. Eine solche Erkrankung ist oft Folge von Verletzungen, eines fortgeschrittenen Diabetes oder einer Entzündung des Auges durch Herpesviren. Hornhauteintrübungen sind manchmal auch das Ergebnis von Operationen, zum Beispiel Katarakt- oder Lasereingriffen, die unerwünschterweise zu Narben geführt haben.

Viele Patienten kennen diese Heilungsalternative gar nicht. Gibt es eigentlich genug Spenderhornhäute, um auch einen größeren Bedarf zu befriedigen?

Pro Jahr werden in Deutschland etwa 4000 Hornhauttransplantationen, Mediziner nennen das Keratoplastiken, vorgenommen. Die meisten in Universitätskliniken. Wie bei allen Spenderorganen gibt es auch hier Mangel, weshalb wir an der Charité schon vor Jahren eine Hornhaut-Bank aufgebaut haben. Damit können wir den Bedarf unserer Patienten befriedigen. Ob eine solche OP durchgeführt werden kann, hängt übrigens auch von den Kosten ab. Eine Spenderhornhaut kostet rund 2500 Euro. Der Eingriff ist in Deutschland zwar eine Kassenleistung, die Kosten für die Hornhaut werden allerdings nicht ohne weiteres übernommen. Mittlerweile sind die Versuche für künstliche Hornhäute, die mit körpereigenen Zellen besiedelt werden, weit fortgeschritten. Diese können implantiert werden ohne die typischen Abstoßungsreaktionen bei Spenderorganen. Dieses Verfahren wird etwa bei angeborenen Hornhautfehlbildungen eingesetzt.

Was ist der bedeutendste Fortschritt in der Augenheilkunde der letzten Jahre?

Es ist faszinierend, welche Verbesserungen erreicht wurden – bei der Frühgeborenen-Retinopathie etwa. Dabei wuchern Gefäße auf der Netzhaut des Frühchens und können letztlich zur Erblindung führen. Diese Komplikation betrifft oft Frühgeborene, die mit einem Gewicht von unter 1500 Gramm zur Welt kommen. Mit modernen Verfahren kann sie in der Mehrzahl der Fälle geheilt werden.

Sie operieren nicht nur, sondern bestrahlen auch. Gemeinsam mit dem Hahn-Meitner-Institut betreibt die Charité eine Bestrahlungsanlage für Augentumoren, die mit Protonen arbeitet. Was ist der Vorteil?

Es ist weltweit die bislang präziseste Protonenanlage für Augentumoren. Die Bestrahlungsanlage ist jetzt seit 1998 in Betrieb. Bisher wurden hier 1400 Patienten mit Augentumoren behandelt und dabei sehr gute Erfolge erzielt. Jedes Jahr erkranken in Deutschland zwischen 500 und 600 Menschen an einem bösartigen Tumor der Aderhaut des Auges. Für deren gezielte Bestrahlung ist die Anlage besonders gut geeignet, denn die Protonen können so gesteuert werden, dass das gesunde Gewebe im Auge wie zum Beispiel die strahlenempfindliche Netzhaut geschont wird. Spätschäden wie der Verlust der Sehkraft und Folgeschäden der Bestrahlung werden so erheblich vermindert. In rund 96 Prozent der Fälle lässt sich der Tumor erfolgreich zerstören. Das Spektrum der behandelbaren Tumoren hat sich in den letzten Jahren erweitert und neben großen Tumoren können mit der Protonentherapie auch kleine Tumoren in unmittelbarer Nähe zum Sehnerv oder der Stelle des schärfsten Sehens unter Funktionserhalt behandelt werden. Wir forschen nun daran, diese Therapie auch bei anderen Tumorarten am Auge einzusetzen, wie etwa bei Gefäßtumoren, Knochen- und Netzhauttumoren.

Prof. Dr. Michael H. Foerster ist Direktor der Augenklinik am Benjamin-Franklin-Klinikum der Charité in Berlin-Steglitz.



Mit dem Mediziner sprach Ingo Bach.

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