Zeitung Heute : Predigt eines Ratlosen

Als ihn ein Reporter nach seinem größten Fehler fragt, fällt Bush nichts ein. Bei einer seiner raren Pressekonferenzen verteidigt er seine Irakpolitik. Aber die Worte des US-Präsidenten klingen nicht mehr kraftvoll, sondern wie Durchhalteparolen. Er scheint sich selbst zu fragen: Was soll ich tun?

Malte Lehming[Washington]

Er leidet. Aus seiner Umgebung ist zu hören, die vergangenen zwei Wochen seien für ihn die schlimmsten seiner gesamten Amtszeit gewesen. Knapp hundert Amerikaner sind in dieser Zeit im Irak getötet worden. Er hat sie hingeschickt. Er ist der Oberkommandierende. Er trägt die Verantwortung, und sie lastet auf ihm. Er fühlt sich unwohl in seiner Haut. Das merkt man ihm an. „Niemand sieht gerne tote Menschen auf seinem Fernsehschirm“, sagt George W. Bush. „Ich tue es nicht. Es ist eine harte Zeit für die Amerikaner, das zu sehen.“ Dieser Bemerkung folgt noch ein kurzer Satz, der nicht einstudiert, sondern von Herzen kommt, spontan, authentisch ist. Übersetzen lässt er sich nur schwer. „It’s gut-wrenching“, presst der US-Präsident mit einem Unterton heraus, der seine Anspannung verrät. Das heißt in etwa: „Es schnürt einem das Innerste zusammen.“

„It’s gut-wrenching.“ So empfinden die meisten Amerikaner in dieser Zeit. Was war ihnen vor dem Krieg nicht alles erzählt worden! Nach Osama bin Laden sei Saddam Hussein der übelste aller Schurken, seine Massenvernichtungswaffen wolle er an die Al-Qaida-Terroristen weitergeben, das müsse unbedingt verhindert werden, im Irak würden die amerikanischen Truppen als Befreier begrüßt und mit Blumen empfangen, viel kosten werde der Feldzug nicht, weil das Land genug Öl besitze, um den Wiederaufbau selbst finanzieren zu können. Dringlich, gerecht, billig und einfach: Mit solchen Thesen war der Krieg verkauft worden. Viel ist nicht übrig geblieben davon. Die Wirklichkeit hat die meisten Parolen wie Seifenblasen zerplatzen lassen.

Nun muss Bush sich rechtfertigen. Die Nation will Antworten, ein Ziel, ruft nach einem Ausweg, einem Plan. Umfragen zeugen von einem galoppierenden Vertrauensverlust. Dessen ist man sich im Weißen Haus bewusst. Also tritt der Präsident am Dienstagabend zur besten Sendezeit vor die Presse. Das tat er bislang nicht oft, sondern immer nur dann, wenn es wirklich um Schicksalsfragen der Nation ging – zum ersten Mal wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001, zum zweiten Mal kurz vor dem Irakkrieg. Dies ist das dritte Mal. Der Kern seiner Botschaft: Weiter so, die Zähne zusammenbeißen! Wir haben das Richtige gemacht, Fehler wurden keine begangen. Wer Neues erwartet hatte – strategische Maßnahmen, politische Initiativen, Kurskorrekturen –, wurde enttäuscht.

Momente der Schwäche

„Wenn ich etwas sage, dann meine ich es auch“, betont Bush. Okay, befindet tags darauf spöttisch die „Washington Post“, „aber wann sagst du endlich was?“ Amerika müsse im Irak „Kurs halten“, verordnet der Präsident. „Aber worin besteht der Kurs?“, fragt die Zeitung. Ratlosigkeit heißt das Grundgefühl. Wie lange wird der Krieg noch dauern? Was passiert nach dem 30. Juni, dem Tag der Machtübergabe? Könnte der Aufstand danach in einen Bürgerkrieg umschlagen? Keiner weiß es, auch Bush nicht. Was sein größter Fehler bislang gewesen sei, will ein Reporter von ihm wissen. Da gerät Bush ins Stocken. „Ich wünschte, Sie hätten mir diese Frage vorher schriftlich gegeben“, witzelt er. Dann überlegt er. „Ich bin sicher, irgendetwas wird mir einfallen“, sagt er im East Room des Weißen Hauses vor einem Millionenpublikum. Es fällt ihm aber nichts ein. Zum Schluss murmelt er nur: „Ich bin sicher, dass ich Fehler gemacht habe. Aber Sie haben mich in Verlegenheit gebracht.“

Solche kurzen Momente der Schwäche bleiben stärker im Gedächtnis haften als die Ausführungen über das Gute und Böse in der Welt. Die hat man schon zu oft gehört, als dass sie noch originell oder gar persönlich klingen würden. Die rhetorische Mischung ist bekannt. Hier ein Quäntchen Religion, dort ein Quäntchen Armaggedon. „Die Freiheit ist das Geschenk des Allmächtigen an jeden Mann und jede Frau in dieser Welt. Und als die größte Macht auf dieser Erde haben wir die Verpflichtung, zur Ausbreitung der Freiheit beizutragen.“ Der Präsident als Prediger. Nuancen sind unerwünscht.

Die Feinde der zivilisierten Welt, das sind für Bush ganz allgemein „die Terroristen“. Ob Schiiten oder Sunniten, von Irans Mullahs oder Osama bin Laden indoktriniert, von Hamas oder Hisbollah unterstützt, global oder regional operierend: völlig egal. Ob in Bagdad, Madrid, Jerusalem oder Bali: Es ist immer und überall „dieselbe Ideologie des Mordens“. Deren Anhänger „unterdrücken Frauen, töten Juden und Christen und streben nach Massenvernichtungswaffen“. Sämtliche Nahost- und Terrorismus-Experten mögen sich die Haare raufen über ein solches Maß an Grobschlächtigkeit. Doch das nützt nichts. Am Mittwoch attestierte eine ungnädige „New York Times“ dem US-Präsidenten „die Sprache und den Eifer eines Missionars“.

Aber was soll er tun? Konnte man ernsthaft erwarten, Bush werde plötzlich zu Kreuze kriechen? Darf er öffentlich überhaupt Zweifel zulassen? Nein, natürlich nicht. Vielleicht ahnt er inzwischen, wie kompliziert die Situation im Irak geworden ist. Vielleicht hat er Angst vor einer Eskalation. Vielleicht bereut er den einen oder anderen Schritt. Vielleicht wurmt es ihn bis zum Ingrimm, dass er das Rätsel um die nicht aufgefundenen Massenvernichtungswaffen nicht lösen kann. Aber all das muss er für sich behalten, aus seinem Herzen eine Mördergrube machen. Amerika ist im Krieg. Im Krieg zählt die Motivation. Zweifelt der Oberkommandierende, ist die Mission gefährdet. „It’s gut-wrenching.“

Unterschwellig, aber deutlich fleht Bush seine Landsleute um Verständnis für sein Dilemma an. Was soll ich denn tun? Diese Frage stellt er unausgesprochen in den Raum. Frauen und Männer fallen fast täglich im Irak. „Wir dürfen niemals erlauben, dass unsere Kinder einen unnützen Tod sterben“, sagt Bush. Hat er nicht Recht? Haben die Soldaten, die im Irak ihr Leben riskieren, nicht einen Anspruch auf den Glauben daran, dass sie dort etwas Sinnvolles tun? Soll man ihnen erzählen, dass dieser Krieg falsch war, selbst wenn er es wäre?

Die Uno soll es richten

Auffällig oft zieht sich Bush auf defensive Begründungen zurück, um seine Durchhalteappelle zu untermauern. „Auf Amerikas Wort muss auch in schwierigen Zeiten Verlass sein.“ – „Der Vergleich mit Vietnam ist falsch und sendet die falsche Botschaft an unsere Truppen und unsere Feinde.“ – „Es ist wichtig, dass die Angehörigen unserer Soldaten verstehen, dass dies eine historische Gelegenheit ist, um die Welt zum Besseren zu verändern.“ Übersetzt heißt das: Aus Verantwortung für unsere Soldaten haben wir die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, auch weiterhin so zu tun, als sei dieser Krieg absolut notwendig gewesen.

Nun will er raus, lieber heute als morgen. Die Geduld der Amerikaner ist begrenzt, ebenso ihre Leidensfähigkeit. Fast zwei Drittel, das ergab eine jüngste Gallup-Umfrage, fordern zumindest einen teilweisen Rückzug der Truppen. „Wir sind keine imperiale Macht, das können Länder wie Japan und Deutschland bezeugen“, sagt Bush. Der Zeitplan für die Machtübergabe werde strikt eingehalten. An wen wird die Macht übergeben? Bush weicht aus und weist auf die Arbeit von Lakhdar Brahimi hin, dem Sondergesandten der Vereinten Nationen. Plötzlich soll’s die Uno wieder richten. Er hätte auch gerne eine weitere Resolution des UN-Sicherheitsrates, sagt Bush. Und was ist das Ziel? Ein „freier und sicherer Irak“. Das Wort „Demokratie“ kommt kaum noch vor.

Bush wehrt sich, so gut er kann. Vom Übermut des moralisierenden Revolutionärs, der einst mit Schwert und Schild den ganzen Nahen Osten demokratisieren möchte, ist außer ein paar Floskeln nicht viel geblieben. Stattdessen dominiert der Wunsch, der Karren möge bald aus dem Dreck gezogen werden. Es ist ein frommer Wunsch, von dem niemand weiß, wie er in Erfüllung gehen soll. Ob er, angesichts der wachsenden Kritik, nicht den Eindruck habe, als „Kommunikator“ versagt zu haben, will ganz am Ende der einstündigen Pressekonferenz jemand wissen. Bush stutzt. Für den Bruchteil einer Sekunde scheint er aufbrausen zu wollen. Doch dann beherrscht er sich wieder. „Darüber entscheiden im November die Wähler“, antwortet er. Fürwahr.

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