Zeitung Heute : Preis der Freiheit

Kunst ist auch da, wo man sie nicht vermutet – Die freie Szene bleibt erfinderisch.

„Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ von Nicolai Gogol. Szene aus dem Teatr Studio am Salzufer. Foto: Stefan Dybowski
„Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ von Nicolai Gogol. Szene aus dem Teatr Studio am Salzufer. Foto: Stefan Dybowski

Die freie Szene ist eine Baustelle. Immer im Umbruch. Klar, manchen Nachwendepionieren ist in der Zwischenzeit die Puste ausgegangen (oder das Geld). Aber in der Kulturboomtown Berlin finden sich stets Wagemutige, die neue Spielorte aus der Taufe heben oder Kunsträume erschließen, wo zuvor das kreative Vakuum klaffte.

Eins der jüngsten Beispiele: das Kühlhaus am Gleisdreieck. Ein denkmalgeschütztes Backsteinhaus von 1900, das an der Luckenwalder Straße noch bis in die 70er Jahre für eisige Temperaturen sorgte. Jetzt wollen die Kulturproduzenten Cornelia Albrecht und Jochen Hahn den Frostbau zum Schaufenster für den Dialog der Metropolen umfunktionieren. Kunst auf sieben Etagen und 6000 Quadratmetern. Eine Schnittstelle von Theater, Tanz, Musik und Neuen Medien schwebt ihnen vor, mit Schwerpunkt auf dem Kulturaustausch mit Berlins Partnerstädten zwischen Buenos Aires und Peking.

Auch das Theater Aufbau Kreuzberg, kurz TAK, existiert erst seit dem vergangen Herbst. Die Bühne im Aufbau-Haus am Moritzplatz, teils vom namensgebenden Verlag mitfinanziert, will entsprechend auf den literarischen Fokus setzen. Darüber hinaus aber hat Theaterleiterin Nicole Otte auch die migrantisch geprägte Nachbarschaft und das junge Publikum im Blick. Zum Auftakt drehte sich erstmal alles um Geld: mit der Produktion „Money Honey“, die im globalen Sauseschritt über den Wert des Menschen sinnierte.

Welchen Preis dagegen die Freiheit haben kann, das bekommen in der Szene nicht wenige Künstler zu spüren. Im notorisch klammen Berlin gibt es für sie Mindestlöhne ebenso wenig wie Bestandsgarantien. Jüngst erst formierte sich im Bezirk Pankow ein Aktionsbündnis Berliner Künstler, das gegen einen befürchteten Kulturkahlschlag protestierte. Dem hätte unter anderem Liesel Dechants Theater unterm Dach zum Opfer fallen können, das an der Danziger Straße Nachwuchstalenten eine Chance gibt und schon manche prominente Karriere befördert hat. Das Schlimmste scheint vorerst abgewendet.

Derweil fordert eine neu geschmiedete, breit aufgestellte „Koalition der freien Szene“ mit starker Lobby mehr Unterstützung vom Senat. Die Argumentation: ihre prosperierende Kultur trage wesentlich zur Attraktivität der Stadt für Besucher aus aller Welt bei. Und sei somit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Klar ist nur: das Geld wird nie für alle reichen. Dafür wächst die freie Szene zu rasant, dafür sieht man zuviele Projekte entstehen und wieder vergehen. Für Berlin gilt: Kunst ist in der kleinsten Hütte. Selbst Kenner behalten kaum den Überblick.

Freilich, es gibt jede Menge beharrlicher Theatermacher, die seit Jahr und Tag den Betrieb mit schmalem Budget aufrechterhalten. Die kleine Bühne der Brotfabrik in Weißensee ebenso wie die Theaterkapelle in Friedrichshain, wo die Kunst unter anderem in einem ehemaligen Leichenkeller stattfindet.

Und es gibt immer auch leuchtende Beispiele von Neugründungen, die sich erfolgreich etablieren konnten. Der Heimathafen Neukölln etwa, der 2009 im Saalbau an der Karl-Marx-Straße angedockt hat und seitdem quicklebendiges Theater im 160-Nationen-Kiez macht, zwischen Rixdorfer Gassenhauer-Revue und Brennpunkt-Drama am Puls der sozialen Spannungen. Und natürlich das Ballhaus Naunynstraße, das von Shermin Langhoff erst 2008 als postmigrantisches Theater aus der Taufe gehoben wurde und sich binnen kürzester Zeit über die Kreuzberger Kiezgrenzen hinweg einen sensationellen Ruf erspielt hat – bis hin zu einer Einladung zum Theatertreffen 2011 mit dem Erfolgsstück „Verrücktes Blut“.

Auf dem Theatertreffen wird in diesem Jahr auch Matthias Lilienthals Hebbel am Ufer, kurz HAU, mit zwei Koproduktionen vertreten sein. Sein Theaterverbund aus drei Bühnen setzt seit Jahren die wichtigsten Impulse in der Stadt. Hier haben nicht nur die besten Berliner Performancegruppen ihre Heimat, hier findet eine Art Dauerfestival der interessantesten Produktionen zwischen Südamerika und Asien statt. Das HAU ist seit Bestehen immer internationaler und längst zum Spiegel der Globalisierung geworden.

Sowohl Shermin Langhoff als auch Matthias Lilienthal übergeben ihre Häuser allerdings bald an neue künstlerische Leiter und verlassen Berlin. Die freie Szene bleibt in Bewegung.

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