Zeitung Heute : Preis fürs Einmischen Berlin ehrt einen Mann, den China bestraft

Philipp Lichterbeck Harald Maass

Eine der besten Adressen Berlins. Max- Liebermann-Haus, Pariser Platz 7, neben dem Brandenburger Tor. Richterliche Autorität weht an diesem Freitag durch die Räume. Verfassungsrichter a. D. sind da, die Präsidenten von Oberlandesgerichten, Landesarbeitsgerichten und Verwaltungsgerichten. Auch Berlins Justizsenatorin Karin Schubert ist gekommen.

Nur der Mann, den sie ehren wollen, fehlt. Zheng Enchong, ein Anwalt aus Schanghai, sitzt auf der anderen Seite der Erde in einem Gefängnis, wo er wahrscheinlich misshandelt wird. Seine Frau sieht ihn bei Besuchen durch eine Glasscheibe. Er wirke müde, sagte Jiang Meili in einem Gespräch. Nach Berlin durfte auch sie nicht reisen. Ihr Mann ist nur als Foto im Programmheft präsent: Er schaut direkt in die Kamera und wirkt sehr ernst.

Der 55-Jährige bekommt in Berlin den Menschenrechtspreis des Deutschen Richterbunds verliehen. Alle zwei Jahre geht er an Anwälte oder Richter, die trotz großer persönlicher Gefahr für die Achtung des Rechts eintreten. Man wolle sie durch den Preis schützen, hieß es. Acht Juristen aus aller Welt haben ihn erhalten, einer erst posthum, ein Richter aus Mexiko, der vor der Verleihung umgebracht wurde. Wie groß die Wirkung des Preises ist, lässt sich vielleicht an der Reaktion der chinesischen Regierung ablesen. So munkeln die Richter, während sie Häppchen verspeisen, dass die Botschaft der Volksrepublik mehrmals angerufen habe, um die Ehrung Zhengs zu verhindern.

Um den Preis an seiner Stelle entgegenzunehmen ist schließlich Shen Ting aus China gekommen, eine hoch gewachsene, zurückhaltende Frau. Sie stammt aus Schanghai, arbeitet seit einigen Jahren als Bedienung in Hongkong. Horst Köhler empfing die 39-Jährige, was der Bundespräsident mit ihr besprach, dürfe aber aus Rücksicht auf China nicht nach außen dringen, sagt ihr Dolmetscher. Shen lächelt, sie freue sich für Zheng.

Vor zweieinhalb Jahren vertrat er sie vor Gericht. Die Stadtverwaltung Schanghais wollte ihre Eltern aus dem Haus der Familie im Zentrum der Metropole verdrängen, 70 Jahre hatte sie dort gelebt. Eines der Geschäftszentren sollte dort gebaut werden, wie sie derzeit in vielen chinesischen Städten in den Himmel schießen. Der Bauboom zerstört überall in China die Altstädte, die Alteingesessenen werden vertrieben. „Die Verwaltungen lassen sich von mächtigen Bauunternehmern schmieren“, sagt Shen. „Zheng hat den Mut gehabt, etwas gegen dieses Unrecht zu tun.“ Bis man den energischen Mann im Juni 2003 verhaftete.

Zheng, der 500 Familien vertrat, stand plötzlich selber vor Gericht. Er habe Staatsgeheimnisse verbreitet, behauptete der Staatsanwalt. In China, wo unter Umständen sogar der Wetterbericht ein Staatsgeheimnis ist, kann dieser Vorwurf jeden treffen. Tatsächlich hatte Zheng einen internen Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur über die Vertreibungen an eine Menschenrechtsorganisation in New York gefaxt.

In einem geheimen Prozess wurde Zheng zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Aus einem „Schattenreich“ stamme der Fall Zheng, sagt Joachim Gauck in seiner Laudatio auf den Preisträger. „Mein Gott, was haben Sie für schöne Ämter“, schwärmt er mit ironischen Unterton, den Blick auf die Richter geheftet. Und prophezeit, dass die Herrschaft des Rechts auch in China nicht zu stoppen sei. Noch sieht es nicht danach aus. Die chinesischen Behörden haben Frau Shen gedroht, sie nicht wieder ins Land zu lassen. Sie werde ihre Eltern nie wiedersehen. Doch Shen sagt: „Ich bin meinem Gewissen nach Berlin gefolgt.“

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