Preisverleihung : Die Chemie ist sein Element

Für seine Forschungsarbeit über Katalysatoren gewinnt Stefan Roggan den Dissertationspreis Adlershof. Der 31-Jährige ist Chemiker mit Leib und Seele.

Markus Wanzeck
Roggan
Forschung aus Leidenschaft. Doch "Ab und zu kann Chemie schon extrem ernüchternd sein", sagt Roggan. -Foto: dpa

Stefan Roggans Stimme wird sanft, wenn er auf seine große Leidenschaft zu sprechen kommt. Wenn er sagt, das Schöne an Chemie sei, „dass sie sehr bunt ist, voller Farben“. Wenn er voller Ehrfurcht berichtet, dass diese „wunderbaren Farben oft fragil“ sind. Und erklärt, wie er im Labor „manchmal die Moleküle schützen“ müsse. Vor dem Sauerstoff. Vor der Luftfeuchtigkeit. „Sonst wird aus einer prächtigen roten Lösung schnell ein grauer Schlunz.“

Sein Thema: "Molybdän-Bismut-Verbindungen"

Die Begeisterung für die Chemie hat dem 31-jährigen Forscher eine besondere Ehre eingebracht: Am 23. April erhält Stefan Roggan den mit 3000 Euro dotierten Dissertationspreis Adlershof. Ausgezeichnet wird seine Doktorarbeit über chemische Grundlagenforschung, die er im vergangenen Jahr an der Humboldt-Universität abgeschlossen hat. Mit dem Preis wird alljährlich die herausragendste Dissertation aller universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen bedacht, die im Technologiepark Adlershof angesiedelt sind.

Roggans Promotionsprojekt hat sich um die Erforschung von sogenannten „Molybdän-Bismut-Verbindungen“ verdient gemacht. Ganz ähnliche Verbindungen werden seit vielen Jahren als Katalysatoren zur großindustriellen Herstellung von Kunststoffen eingesetzt. Das dabei angewandte Verfahren funktioniert zwar recht verlässlich – aber warum und wie genau, das ist bislang trotz intensiver Forschung unklar geblieben. Mit seiner Dissertation konnte der junge Chemiker das Chemie-Rätsel gegenüber der Fachwelt ein Stück weit entschlüsseln.

"Ein wirklicher Durchbruch"

Eines der Haupthindernisse war bislang, dass sich die Bestandteile auf der Oberfläche der Katalysatoren nicht identifizieren und gezielt untersuchen ließen. Roggan hat es geschafft, isolierte Komplexe herzustellen, die als Modelle für die Oberflächenstrukturen des Katalysators dienen können. „Da ist ein wirklicher Durchbruch gelungen“, erklärt Christian Limberg vom Institut für Chemie der HU, der Roggans Dissertation betreut hat. „Das ist ein Anstoß für viele internationale Forschergruppen, die nur auf ein solches Modell gewartet haben.“

Das allein wäre für eine Doktorarbeit eine beachtliche Leistung. Roggan indes präsentierte noch zwei weitere Ergebnisse. Zusammen mit Kollegen der Technischen Hochschule Aachen konnte er nachweisen, dass sich mithilfe von Molekülverbindungen Nanoteilchen zusammenbauen lassen, die bestimmte Alkoholarten „erschnüffeln“ können. Außerdem stellte sich heraus, dass in seinen Molekülmodellen ungewöhnliche, gebogene Bindungen auftauchten, wie man sie bislang nicht kannte. Roggan war auf die Sensation dieser „Bananenbindungen“, wie er sie in Anlehnung an die krumme Frucht genannt hat, gänzlich unerwartet gestoßen. Zunächst hatte er sogar an einen Messfehler gedacht.

Ende des Jahres kommt er nach Deutschland zurück

Zu der Preisverleihung in Adlershof reist Roggan aus den USA an, wo er derzeit als DAAD-Stipendiat an der University of California in Berkeley die Möglichkeiten künstlicher Photosynthese erforscht. Dem Thema „Erneuerbare Energien“ möchte sich der Wissenschaftler weiterhin widmen, wenn er Ende des Jahres nach Deutschland zurückkehrt: „Ein spannendes Thema, denn viele deutsche Firmen sind in der Entwicklung ganz vorne mit dabei.“ Mit der Grundlagenforschung ist dann vorerst Schluss: Roggan möchte einen Job in der Industrie antreten – sehr zum Bedauern seines Doktorvaters Christian Limberg: „Stefan Roggan hätte sicher die Qualitäten, ein sehr guter akademischer Forscher und Lehrer zu werden.“ Aber er verstehe, wenn man sich gegen die Unwägbarkeiten einer deutschen Uni-Karriere entscheide.

Zumal sich der ehemalige Doktorand seiner großen Leidenschaft, der Arbeit im Chemie-Labor, in der industriellen Forschung ebenso intensiv widmen kann. Dort erhofft er sich noch möglichst viele jener magischen Momente, von denen er schwärmt: „Ich freue mich immer, wenn die chemische Reaktion eintritt, die ich erwartet habe. Und wenn etwas anderes, Überraschendes passiert – dann ist das genauso spannend.“ Klingt nach einem frustfreien Forscherdasein. Ganz so sei es aber doch nicht, versichert Roggan: „Ab und zu kann Chemie schon extrem ernüchternd sein.“ Dann nämlich, wenn einfach gar nichts passiere – und das Forschen zum Geduldsspiel wird.

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