Zeitung Heute : Preisverleihung in Halle: Eine Stadt im Ungewissen

Kerstin Decker

Die Türme von Halle stehen da, als wollten sie gezählt werden. So würde es Martin Walser vielleicht sagen. Kirchturmstädte machen diesen Eindruck auf ihn. Lübeck. Oder Halle. Zutreffend wäre auch: "Über allen Türmen ist Ruh." Guter Satz, sagte Walser über die Gipfel-Variante. Weil das Gegenteil einer Meinung. Er ist weder wahr noch falsch und trotzdem gültig. Das Ideal eines Schriftstellersatzes. Wenn Walser könnte, würde er nur noch solche Sätze bilden.

Natürlich verschweigt der Über-allen-Türmen-Satz, was darunter los ist. Unruh. Seit mehr als einer Woche. Seit der Stadtrat von Halle beschloss, Martin Walser für den Preis der Lutherstädte "Das unerschrockene Wort" zu nominieren. Seitdem erinnern sich führende Zeitungen des Landes an so unpoetische Wendungen wie "In Halle werden die Dummen nicht alle".

Im Frühsommer dieses Jahres wollte Bernhard Bönisch, Stadtrat und CDU-Kreisvorsitzender, in Urlaub fahren. Er brachte seinen Schreibtisch in Ordnung. "Das unerschrockene Wort" - er hatte es vergessen. Fast. Walser!, dachte Herr Bönisch mit einer Spontaneität, die das alter ego von Bestimmtheit ist. Walser, in dessen Friedenspreisrede 1998 eine Armee von Meinungssoldaten, das Recht aufs Wegschauen sowie der Verdacht vorkamen, "unsere Schande" Auschwitz werde instrumentalisiert. Jedenfalls hat man sich nur das gemerkt, in dieser seltsamen Nacktheit. Anders als Walser vor zwei Jahren "zitterte" der CDU-Kreisvorsitzende von Halle jetzt kein bisschen "vor Kühnheit", denn alles war ganz einfach. Die CDU schlägt Walser vor, SPD und PDS lehnen ihn ab - was soll passieren?

Das Zimmer des CDU-Kreisvorsitzenden liegt im zweiten Stock des St.-Elisabeth-Krankenhauses. "Bernhard Bönisch. EDV." Eigentlich ist es mehr eine Klause. Mit gelben Kastanienzweigen vorm Fenster, dazu ein schmales Holzkreuz, Regale mit Ordnern, die Aufschriften tragen wie: "Internationale Klassifikation von Prozeduren in der Medizin". Bernhard Bönisch überwacht den elektronischen Kreislauf des Krankenhauses. Einer der ganz Dummen von Halle kann er nicht sein. Bönisch trägt Lee-Jeans und Hosenträger wie damals, als er noch katholischer Studentensprecher war. In der DDR. Sein Bart ist auch noch von früher. Bönisch gehört zur technischen Intelligenz. Das ist beinahe eine Erklärung. Erst recht die Wortverbindung: technische Intelligenz der DDR. Sie hat den SED-Staat vielleicht am meisten verachtet. Man erkennt die technische Intelligenz daran, dass sie ausschließlich Dinge mag, die funktionieren. Und man kann wirklich nicht sagen, dass es irgendetwas gab in der DDR, das so richtig gut funktionierte. Bönisch hat Mathematik studiert. Er schätzt an den Zahlen besonders, dass sie keine Meinungen haben. Walser, der Dichter, und Bönisch, der Mathematiker, sind sich sehr ähnlich. Sie lieben Dinge, über die man nicht diskutieren muss. Zahlen oder Sätze wie "Über allen Gipfeln ist Ruh".

Beton auf den Schultern

Walser habe an ein Tabu gerührt, erklärt Bönisch, und heiße der Preis nicht "Das unerschrockene Wort"? "Unerschrocken" sei eben eine Hier-stehe-ich-und-kann-nicht-anders-Äußerung, erklärt sehr lutherisch der Katholik. Dass dieses Nicht-Anders-Können, die große Geste aus dem Mund eines Deutschen, ausgerechnet den Holocaust betraf, stört Bönisch nicht. Vielleicht, wenn der Preis "Das gemäßigte Wort" heißen würde, hätte er jemand anderen vorgeschlagen. Bönisch ist Rationalist. Ja, mehr noch: Mathematiker eben.

Mathematiker haben von Natur aus keinen Sinn für Tabus. Schon die Vorstellung, es könnte tabuisierte Zahlen geben, treibt sie zur vorsorglichen Aktion. Sind es Tabus? Bönisch spürt etwas Bekenntnishaftes in unserem öffentlichen Reden über den Faschismus und über Auschwitz. Es erinnert ihn an die DDR. Schon in der DDR fand er den "aufgesetzten Antifaschismus nervig". Die FDJ legte dem katholischen Studentensprecher die Arme auf die Schultern, sah ihm tief in die Augen und sprach: "Bönisch, du bist doch für den Frieden, nicht wahr? Na, siehste! Also bist du für uns!" Der CDU-Kreisvorsitzende von Halle deutet einen Anfall akuter Übelkeit an. Durfte sich jemand in der Kontroverse Walser-Bubis wirklich auf die Seite Walsers stellen, wenn er sich nicht moralisch verdächtig machen wollte?

Vor ihm auf dem Tisch liegen drei Kassetten. Janis Joplin, The Bluesmen und Blood Sweat and Tears. Sicher auch noch übrig geblieben aus Studentensprecher-Tagen. Bönisch hat in der letzten Woche viel Post bekommen. Zustimmung klar überwiegend, sagt er, sogar von Juden. Die Ablehnung lässt ihn kalt. Nichts Rationales, ruft er und meint den Brief von zwölf Hallenser Professoren, die seinen Vorschlag "instinktlos" nannten. Instinkt? Takt? Zahlen sind auch taktlos. Und gerade darum so unbestechlich. Denkt der CDU-Kreisvorsitzende.

Natürlich hat Bubis Recht gehabt, sagt Bönisch, die Walser-Äußerungen sind missbrauchbar. Aber das sei für ihn kein Argument. Weil es fast nichts gebe, was nicht missbrauchbar sei. Missbrauchbarkeit als Maßstab bedeutet das Ende des Denkens. Nicht im Sinne einer Schlussstrich-Debatte, eher im Sinne einer Genauigkeitsdebatte habe er Walser verstanden.

15 Uhr. Die Oberbürgermeisterin von Halle steht vor einer großen Grube. Daneben ist ein Festzelt. Die kleine Kapelle spielt "Are you lonesome tonight". Ja doch, ein bisschen einsam wird sich Ingrid Häußler dieser Tage schon fühlen. Und was hätte man machen können gegen einen Mehrheitsbeschluss? Ihn verbieten? "Ich unternehme jetzt mit Ihnen eine Rundreise durch die Geschichte dieser Garage", kündigt ein leidenschaftlicher Mann im hellen Anzug an. Der Stadtplaner. Kein Zweifel, mit "Garage" meint er die Grube. Die Bürgermeisterin blickt ihn gefasst an, sie erfährt viel Wissenswertes über den Garagenbau und von der "spannenden Zusammenarbeit mit dem Rolltreppenkaufhaus". Fünf Investoren aus dem Rheinland sind gekommen, ihr Redner verwechselt Sachsen-Anhalt mit Niedersachsen, die Bürgermeisterin lächelt matt. Mag sein, den Brief der Jüdischen Gemeinde Halle an sie findet sie schlimmer. Walser wird darin als "geistiger Brandstifter" zitiert. Der Preis-Vorschlag sei "Indiz dafür, dass Äußerungen der Stadtparlamentarier zur Bekämpfung von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit Lippenbekenntnisse bleiben."

Ingrid Häußler hört, dass es sich bei der neuen Garage in Wirklichkeit um eine Parkspindel handelt, für die man 10 000 Kubikmeter Beton und 2000 Tonnen Stahl "verbauen" werde. Plötzlich liegt diese schwere deutsche Diskussion auf ihren schmalen Bürgermeisterinnenschultern. Wie 10 000 Kubikmeter Beton und 2000 Tonnen Stahl. Und dann schaut sie auf die Journalistin, als käme die direkt von der SED-Bezirkspresse. Denn es war schon früher egal, was man der Zeitung erzählte. Das Urteil stand vorher fest. "Gerade wir in der DDR haben die bittere Erfahrung machen müssen, dass es nichts nützt, auf die Gesellschaft mit Ritualen und Symbolen einzuwirken", hat sie gesagt. Keiner wollte es verstehen.

Ein Teufelskreis

Warum war ihr Walsers Rede nah? Gewissen - ein sehr lutherischer Gedanke! - ist nicht delegierbar, hatte Walser gesagt. Wahrscheinlich versteht der Westen einfach nicht den Überdruss des Ostens an jenen, die sich für das Gewissen anderer verantwortlich fühlen. Man wittert hinter jeder großen moralischen Geste sofort ein ungelöstes Sachproblem. Das ist ein bedingter historischer Reflex. Man könnte darüber reden. - Nein, sagt Ingrid Häußler, kann man nicht. Weil sie nicht in der Lage sei, einen einzigen Satz zu bilden, der nicht sofort missverstanden wird. Die Erfahrung der letzten Wochen. Also schweigen wie früher.

Das Zimmer voller siebenarmiger Leuchter. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle will seine schriftliche Stellungnahme kopieren gehen. Da stehe alles drin, was er denke. Er würde also wieder so reagieren? So - hart? Natürlich, sagt Max Privorozki, obwohl er wisse, dass Walser ein guter Schriftsteller sei. Und er wisse auch, dass Walser glaube, seine Leser würden keine Bomben werfen. Wahrscheinlich stimme das. "Aber: Nehmen Sie Marx! Die Leser von Karl Marx haben auch keine Straflager errichtet! Trotzdem gehören Marx und die Lager zusammen", sagt Privorozki. Er hätte Marx auch einen Brief geschrieben. Wegen "geistiger Brandstiftung"? Auf dem Tisch des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde liegt die empörte Antwort der Bürgermeisterin. Sie wehre sich ganz entschieden dagegen, in eine rechtsradikale oder antisemitische Ecke gestellt zu werden. Privorozki sieht jetzt ein wenig hilflos aus. Hat er das wirklich getan?

Und denken Sie an die neuen Hakenkreuze am jüdischen Denkmal!, sagt der ernste Mann am Schreibtisch gegenüber. Es ist noch nicht die Zeit, gelassener zu reagieren, mahnt sein Blick. Ein Teufelskreis. Und doch gibt es keinen einfachen Weg, ihn aufzubrechen. Denn historisches Begreifen ist eben doch nicht zahlenförmig. Es zeigt sich in den kleinen Reaktionen des Zögerns, des historischen Takts. Aber wann geht das alles über ins selbst auferlegte Schweigen?

Dass nichts dem Gewissen fremder ist als Symbolik, wie gut sie auch gemeint sei. - Eine Denkaufgabe, die bleibt. Die Walser und die Jüdischen Gemeinden eher einen sollte als entzweien. Und ein sehr lutherisches Thema ist es dazu. In den "Franckeschen Stiftungen" wird das spezifische Hallenser Luthertum anschaulich - der Pietismus, diese Gewissensreligion, ohne die man nicht mal Kant versteht. Der Direktor der "Franckeschen Stiftungen" ist schon nach Hause gegangen. Gegenüber im Institut für Bibelwissenschaften findet ein junger Assistent, der über die Eschatologie im Jesaja-Buch arbeitet, Walsers Bubis-Resistenz schon ziemlich lutherisch. Neben ihm hängt die "The Holy Land Satellite Map" mit allmählich austrocknendem Toten Meer. Ja, natürlich gebe es Tabus in unserem Denken über die Vergangenheit. "Denn wir verknüpfen fortwährend Dinge, die nicht zusammengehören." Ein Kommilitone, Armenier, sei gerade im Bahnhofstunnel zusammengeschlagen worden. Für zehn Mark Beute. Ausländerfeindlicher Übergriff, hieß es. Weil er Armenier war. Ob die sturzbetrunkenen Schläger das auch gemerkt haben, weiß keiner. Trotzdem zogen Studenten für den Armenier mit Kerzen zum jüdischen Denkmal, auf das gerade jemand Hakenkreuze gesprüht hatte. Ein fortwährendes symbolisches Reagieren, sagt Thomas Neumann. Und dass es, seltsam genug, doch kein wirklich gutes Gefühl sei hinterher, nach all den Kerzen. Man müsse sich den Kopf erst wieder freireden. Vielleicht, weil symbolische Gesten immer neue symbolische Gesten provozieren und doch wenig ändern. Weil symbolische Gesten kein Maß kennen. Darum halte er, Neumann, auch den Vorschlag, den Preis an Walser zu verleihen, für völlig verfehlt. Denn was sei das anderes als noch eine symbolische Geste, die die nächste herausfordert?

Es sind keine Hakenkreuze mehr am Jerusalemer Platz, wo die Synagoge von 1870 stand, zerstört in der Pogromnacht. Nur das Portal blieb unversehrt. Die DDR brachte es 1987 an diese Stelle zurück und errichtete das Denkmal. Jetzt ist ein weißes Leinentuch davorgebunden: "Hier an dieser Stelle befand sich ein Kinderspielplatz, hier haben Roma, Juden und deutsche Kinder zusammen gespielt, bis 1943, dann kam für Ruth, Rebecca, Isaak, Irina Auschwitz. Ich gedenke meiner Spielkameraden. Brigitte."

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