Zeitung Heute : Premiere für Porno

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Jeder hat ja so seine eigene Vorstellung von Pornografie. Was in den Videotheken im Separee zu finden ist, dürfte dieser Vorstellung in etwa entsprechen. Und würde Premiere World genau derartiges, also erigierte Geschlechtsteile und gynä kologische Großaufnahmen zeigen, würden wohl auch endlich die Anrufe im Call-Center aufhören, wo sich immer wieder Zuschauer beschweren, dass ja gar nichts zu sehen sei.

Gestern ging es vor dem Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) um Filme wie „Gefährliche Gespielinnen“ oder „Schloss der Lüste“, die laut der Hamburgischen Anstalt für neue Medien (HAM) eben pornografisch sind und die Premiere deshalb nicht hätte zeigen dürfen. Der Rundfunkstaatsvertrag verbietet es. Die Frage ist nur, was ist Pornografie? Die HAM berief sich bei der Beanstandung von fünf Filmen, die Premiere 1997 ausstrahlte, auf den seit 1969 geltenden Pornografiebegriff des Bundesgerichtshofs (BGH). Danach dürfen die Akteure nicht als Sklaven ihrer Triebe dargestellt werden, als austauschbare Lustobjekte. Sex ohne Beziehung ist, anders als im Leben, im TV verboten.

Geschützt werden sollen, soviel ist klar, Kinder und Jugendliche. Doch das Strafrecht, auf das sich das Rundfunkrecht bezieht, soll laut BGH auch Erwachsene vor der ungewollten Konfrontation mit Pornografie bewahren. Für den Premiere-Anwalt eine veraltete Definition: „Der Pornografie-Begriff ist nicht statisch“, sagte er. In dem Maße, wie sich die Gesellschaft verändere, müsse auch die Pornografie neu bewertet werden. Das Verbot der Verbreitung durch den Rundfunk diene nur dem Schutz der Jugend, dem sei aber durch die Verschlü sselung der Filme Rechnung getragen. Die allerdings findet die HAM völlig unzureichend. Sie verwies auf den Erfindungsreichtum der Jugendlichen. Außerdem zeige die Praxis, dass die Verschlüsselung kaum eine Hürde darstelle.

Mit diesen Fragen befasst sich jetzt das BVerwG. Danach bleibt nur noch das Verfassungsgericht. Kein Wunder also, dass HAM-Direktor Lothar Jene am Ende der Verhandlung nochmals auf die mögliche Signalwirkung des Urteils, das zu Redaktionsschluss noch nicht feststand, hinwies. Jene befürchtet eine Überschwemmung des Fernsehens mit Pornografie. Das dürfte Premiere auch nicht Recht sein. Heiko Dilk

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