Zeitung Heute : Premiere ganz links

Wieso Lafontaine Karl und Rosa ehrte

Stefan Jacobs

Als die Limousinen in der Morgensonne vor der Gedenkstätte der Sozialisten halten, sind die Ersten schon wieder weg. Spartakisten, Leninisten und Kommunisten haben ihre Kränze bereits niedergelegt, einige Leute gehen heimwärts, in der Hand noch das zerknüllte Blumenladenpapier, in das die roten Nelken für Karl und Rosa eingewickelt waren. Am Bordstein vor dem Haupteingang, zwischen Würstchenstand und Miettoiletten, liegen Kränze bereit. Die Linkspartei/PDS hat rote Schleifen gewählt und „In ehrendem Gedenken“ draufdrucken lassen. Die Wahlalternative WASG hat sich für Orange und etwas mehr Pathos entschieden: „Euer Handeln inspiriert uns“, schreibt der Berliner Landesvorstand. Auf dem Kranz des Bundesvorstandes, den Oskar Lafontaine gleich niederlegen wird, steht: „Alternativen waren, sind und werden sein“. Oskar Lafontaine ist hier zum ersten Mal dabei.

Seltsame Parallele. 16 Jahre nach Erich Honecker kommt also wieder ein prominenter Saarländer, den es beruflich in die Politik verschlagen hat, zur Gedenkstätte im Lichtenberger Ortsteil Friedrichsfelde, um die von Militärs ermordeten Politiker Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu ehren. Zwei, die sich nach links von der SPD entfernt hatten. Lafontaine hat jemanden mit dicken Handschuhen dabei, der die Reporter wegschiebt.

Auch Liebknecht und Luxemburg hätten sich gegen zunehmende Gegensätze in der Gesellschaft gewandt, sagt Gregor Gysi gerade und versucht die Brücke von 1919 zu 2006 zu bauen – allerdings in einer Zeit, in der Mord noch als Mittel der politischen Auseinandersetzung erschienen sei. Dass Lafontaine dabei ist, „freut mich“, sagt Gysi. Denn: Auch Liebknecht und Luxemburg seien „die längste Zeit in der SPD“ gewesen. Bis sie ein kompromissloses Bündnis für die kleinen Leute gründeten. Doch, die Parallele ist schon da, an diesem kalten Sonntag.

Auf den Stufen zum Rondell um den berühmten Stein mit der Aufschrift „Die Toten mahnen uns“ nimmt Lafontaine die Hände aus den Taschen. Erst treten PDS-Chef Lothar Bisky und Fausto Bertinotti, Vorsitzender der Europäischen Linken, an die Gräber. Dann stellen sich Gysi, Lafontaine und Hans Modrow, hoffnungsvoller Ministerpräsident der havarierten DDR, Seit an Seit vor die Grabplatten. Stehen, verharren schweigend, verneigen sich. Fotoapparate klicken. Die Prominenten machen die Runde um den Stein; an den Gräbern von Ernst Thälmann, Rudolf Breitscheid und John Scher vorbei, an Franz Mehring, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht, bis zum ersten DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck.

Kameras versperren den Rückweg. „Ich bin gerne dabei“, sagt Lafontaine in die Mikrofone. „Ich habe Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg schon als Student bewundert. Der eine steht für den Widerstand gegen Kriege, die andere für soziale Gerechtigkeit und Freiheit.“ Er wolle auch künftig zu dieser Ehrung kommen, sagt Lafontaine. Bisher sei er nicht dabei gewesen, weil das „in der deutschen Öffentlichkeit falsch verstanden worden wäre“. Ansonsten wählt er die Worte an diesem Morgen eine Nummer kleiner. Keine Show, kein Krawall. Drei Meter weiter steht Egon Krenz und sagt: „Ich finde es in Ordnung, dass Oskar Lafontaine hier ist.“ Auch Liebknecht und Luxemburg wären heute sicher „für die Aktionseinheit eingetreten“. Aktionseinheit ist ein schönes Stichwort: Gysi und Lafontaine haben ihre silbrigen Audi-Limousinen erreicht, vor dem Infostand der Kommunistischen Partei. Sie steigen ins selbe Auto. Goldbraun scheint die Morgensonne durchs getönte Fenster auf die Führer der neuen Alternative, links von der SPD.

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