PREMIERENLESUNGBenjamin von Stuckrad-Barre : Rituale im Remix

Noemi HahnemannD D

Nein, mit dem großen Roman ist es nach seinem Debüt „Soloalbum“ (1998) nichts mehr geworden. Dafür aber mit einer ganzen Serie von Reportagebüchern, die Benjamin von Stuckrad-Barres journalistische Arbeiten unter Titeln wie „Remix“, „Deutsches Theater“ und „Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft“ sammeln und eine einzige riesige comédie humaine entwerfen.

Der jüngste Band heißt „Auch Deutsche sind unter den Opfern“ (K & W) und berichtet, mit BVSB als frech teilnehmendem Beobachter, vor allem aus der hohen Politik. Der Autor heftet sich an die Fersen von Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier und Guido Westerwelle im Wahlkampf, er begleitet Hans Magnus Enzensberger zu Kundgebungen in Bayern, besucht das Callcenter eines Umfrageinstituts – und lauscht Barack Obamas Rede an der Siegessäule.

Es geht ihm, wie er einmal gesagt hat, um die Inszenierung des öffentlichen Lebens, das Rollenspiel auch im Privaten, die Kostümierung, die permanente Bühnensituation; Rituale als Stabilitätsfaktoren; Mediengetröte, Ersatzhandlungen, Choreografie der Demokratie“. Das ist meistens kritisch, oft sogar polemisch, auch wenn man immer wieder rätselt, wogegen sich seine Texte eigentlich wenden. Wenn ihn nicht notorischer Zynismus treibt – vielleicht reizt ihn schlicht die winzige Lücke zwischen der öffentlichen Person, die jemand ist, und der verkrüppelten privaten, die sich durch die déformation professionelle hindurch noch entdecken lässt. Die Premierenlesung bringt Stuckrad-Barre nun an der Seite von Christian Ulmen in den Berliner Postbahnhof. Noemi Hahnemann



Postbahnhof, Mi 17.3., 20 Uhr, 19 € EB691

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar