Zeitung Heute : Pressefreiheit und Kommerz: "Deals sind üblich"

Nina Fischer

Immer häufiger wird der Einfluss von Politik und Werbung auf Medieninhalte kritisiert. Die Rolle der Presse, ihre Freiheiten und ihre Pflichten werden damit immer wieder in Frage gestellt. Die vier Chefredakteure Stefan Aust (Der Spiegel), Giovanni di Lorenzo (Der Tagesspiegel), Udo Röbel (Bild) und Roger de Weck (Die Zeit) dikutierten gestern im Vorfeld der Vergabe der "Leadawards 99", mit der die Akademie Bildsprache am Mittwoch in Hamburg Magazine, Anzeigen und Fotos auszeichnete, über Pressefreiheit in all ihren Facetten und berichteten aus der Praxis. Die Medienmacher gingen davon aus, dass die Frontstellung der Presse gegen den Staat nicht mehr das zentrale Problem der Medien ist.

Politik und Medien hätten sich verändert, die Wächterfunktion der Presse sei jedoch immer noch existent, so Aust. "Das Problem ist, dass Enthüllungen und investigative Geschichten heute nicht mehr dasselbe Echo haben; das Bewusstsein der Öffentlichkeit scheint sich verändert zu haben." Die heutige Demokratie übe Nachsicht mit Ungereimtheiten in Politik und Wirtschaft, sagte de Weck. "Die Öffentlichkeit reagiert einfach weniger empört auf Missstände." Einen aktuellen Fall dieser Gleichgültigkeit konnte der Tagesspiegel bei einem Korruptionsfall auf Landesebene erst kürzlich feststellen. Die Resonanz der Leser auf die Berliner Affäre, in die der stellvertretende CDU-Landesvorsitzende verwickelt ist, sei gering gewesen, so Lorenzo. "Es gibt eine schlechte Nachricht: Unsere moralische Autorität hat gelitten."

Spiegel-Chef Aust war der Meinung, die Medien seien an dieser Reaktion selbst schuld. "Halbgare" Geschichten würden oft große Schlagzeilen produzieren. Und genau diese Seifenblasen seien es, die das Vertrauen in die Medien schwächten. "Schnelle Verwertung kann eben nur auf Halbinformationen beruhen", sagte Röbel.

Einig war sich das Podium darüber, dass immer wieder Artikel aus politischen und strategischen Gründen veröffentlicht würden. Das gelte nicht nur für Politiker, die eine Botschaft "überbringen" wollten, sondern auch für Anzeigenkunden und die Berichterstattung über verwandte Unternehmen. "Deals mit Anzeigenkunden sind in Mode und Kosmetik üblich", so de Weck.

Eine Verrohung der ethischen Grundsätze im Journalismus konnten die Medienprofis nicht feststellen. Zwei Extreme haben sich hier entwickelt. Zum einen verteidigen immer mehr spezialisierte Anwälte Menschen, die sich in ihrem Persönlichkeitsrecht angegriffen fühlen. Zum anderen versuchen Interviewpartner immer wieder in die zu veröffentlichenden Texte einzugreifen. Um die Zukunft der Pressefreiheit machten sich die Chefredakteure keinen Sorgen. "Es wird immer einen Markt für freie, unabhängige Presse geben", so die Lorenzo. Und Röbel proklamierte die neue "Informationsfreiheit", die durch die "Anarchie im Internet" entstanden sei. "Pressefreiheit ist wie eine Autobatterie. Sie nutzt sich ab, wenn man sie nicht nutzt", fasste de Weck den Tag zusammen.

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