Zeitung Heute : Preußens ganze Pracht

Das einst als kleines Lustschlösschen erdachte Schloß Charlottenburg zählt heute zu den bedeutendsten Schlossanlagen Europas. Zum Charlottenburger Stadtjubiläum präsentiert sich die Residenz mit rauschenden Sommernächten

Nora Sobich

Wer bei strahlendem Sonnenschein von der Schloßstraße auf das Schloß Charlottenburg zukommt, hat eines der beliebtesten Postkartenmotive West-Berlins im Visier: die 1954 von Richard Scheibe geschaffene Fortuna-Figur, die sich auf der 48 Meter hohen Schlosskuppel des barocken Mittelbaus goldglänzend gen Himmel erhebt.

Die preußische Residenz, deren Geschichte 1695 als kleines, nach den Plänen des niederländischen Architekten Arnold Nehring errichtetes Lustschlösschen begann, war zu Mauerzeiten eine der wenigen königlich preußischen Hinterlassenschaften im Westsektor. Eine gewisse Melancholie ging dann auch stets von ihr aus – die Sehnsucht nach den preußischen Repräsentationsbauten in Potsdam und Unter den Linden. Aufgewogen wurde diese Unvollständigkeit durch die beeindruckende bauliche Pracht des Ensembles. Das Charlottenburger Schloß war im Krieg stark zerstört worden. Doch statt die Schlossruine kurzerhand zu sprengen, ein Schicksal, das viele denkmalwürdige Bauten damals erlitten, wurde sie mit größtem Aufwand wieder zu einem prachtvollen Museumsbau restauriert.

Seit 1995 ist das Hohenzollernensemble nun mit den Potsdamer und märkischen Schlössern zur „Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg“ vereint und damit wieder in seinen historischen Kontext gestellt. Mit jährlich über 450 000 Besuchern zählt es zu den bedeutendsten Residenzanlagen Europas. Von Barock bis Klassizismus sind alle Spuren der Geschichte vertreten. Jeder Hohenzollernherrscher verwirklichte dort seinen eigenen baulichen Repräsentationswillen.

Als nach der Krönung des Kurfürsten Friedrich III. zum Preußenkönig Friedrich I. das kleine Nehring’sche Lustschlösschen den gestiegenen Repräsentationsansprüchen nicht mehr genügte, wurde der schwedische Baumeister Johann Friedrich Eosander engagiert. Eosander erweiterte den Sommersitz nach französischen Vorbildern zu einer barocken Dreiflügelanlage und fügte die eingeschossige Orangerie hinzu.

Berühmt wurde die Residenz, die sich damals noch Schloß Lietzenburg nannte, vor allem durch den Ehrgeiz und Esprit der Königin Sophie Charlotte. Als Hausherrin erhob die „philosophische Königin“ die Anlage zu einem wahren Musenhof. Sie versammelte Künstler, Schriftsteller, Musiker, Theologen und Philosophen um sich und zeigte mit opulenten Festen, dass Preußen nicht nur bedeutende Kriegsmacht war.

Auch unter Friedrich dem Großen wurde tatkräftig erweitert. Obwohl sich der Preußenkönig nach der Fertigstellung seines geliebten Schlosses Sanssouci 1747 nur noch selten in Charlottenburg aufhielt, entstand unter seiner Regie 1746 der von Wenzeslaus von Knobelsdorff im Stil des „friderizianischen Rokoko“ entworfene „Neue Flügel“. Ein knappes halbes Jahrhundert später holte Friedrich Wilhelm II., der Neffe Friedrich des Großen, Carl Gotthard Langhans, den berühmten Baumeister des Brandenburger Tores, nach Charlottenburg. Langhans errichtete unter anderem am westlichen Orangerie-Flügel ein von Elementen des Barock wie des frühen Klassizismus geprägten Theaterbau.

Viel Zuneigung für das inzwischen schon mächtig angewachsene Schlossensemble zeigte auch Friedrich Wilhelm III. Vor allem seine Gemahlin Luise liebte den beschaulichen Ort. Im Schlosspark erinnert das von Christian Daniel Rauch gestaltete Grabmonument an sie.

Auch heute noch wird auf Schloß Charlottenburg unablässig gebaut, eröffnet und eingeweiht, berichtet Elvira Kühn, Pressereferentin der „Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg“. Das ist bei der großen und pflegeintensiven Anlage auch nicht verwunderlich. So wurde im letzten Jahr das als Teestube und Aussichtspavillon 1789 von Langhans erbaute Belvedere wieder gründlich saniert. Der ovale Bau versammelt die historische Sammlung der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur. Die Einweihung des „Neuen Flügels“ steht in diesem Jahr bevor. Wo früher einmal die inzwischen auf der Museumsinsel beheimateten Romantiker zu sehen waren, werden künftig Sonderausstellungen gezeigt. Am 19. Oktober wird der moderne Ausstellungstrakt mit „Der Kaiser und die Macht der Medien“ eröffnet. Auch der Bundespräsident hat während der Renovierungsarbeiten von Bellevue dort sein festliches Ausweich-Quartier gefunden.

Von besonderer Schönheit ist der 55 Hektar große historische Schlossgarten, der zu den sehenswertesten städtischen Parkanlagen Berlins zählt. Ihn hatte Siméon Godeau als rein französische Barockanlage gestaltet. Nach dem Tod Friedrichs des Großen 1786 wurde er von Johann August Eyserbeck in einen englischen Landschaftsgarten verwandelt. Das so genannte Barockparterre, das zwischen Schloss und Karpfenteich gelegen ist, und bereits beim Schlosswiederaufbau nach dem Krieg sein barockes Gepräge zurück erhielt, wurde 2001 für über 600 000 Euro saniert. Die kurz angedachte Idee, für die historische Gartenanlage künftig Eintritt zu verlangen, ist fallen gelassen worden. Ab 2006 wird nun jedoch um eine freiwillige Eintrittsspende gebeten.

Zur Annäherung an die höfische Kunst- und Kulturgeschichte Preußens empfiehlt sich selbstverständlich auch ein Besuch des Schlossmuseums. Während die äußere Wiederherstellung bereits 1962 abgeschlossen war, hatte die innere Rekonstruktion noch bis zum Ende der siebziger Jahre gedauert. Mit Filzpuschen an den Füßen kann man heute die prachtvollen Paradekammern Sophie Charlottes, die Wohnräume Friedrich des Großen oder die von Schinkel gestalteten Zimmerfluchten im „Neuen Flügel“ von Königin Luise bestaunen.

Ein Höhepunkt des Museums sind neben dem Porzellankabinett auch die im Kronkabinett seit 1995 ausgestellten Kroninsignien, die sich Friedrich I. für seine Selbstkrönung 1701 in Königsberg hatte herstellen lassen.

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