Zeitung Heute : Prinzessin für Wirtschaft Wie eine Frau in Abu Dhabi Minister wurde

Andrea Nüsse[Abu Dhabi]

Scheicha Lubna al Qasimi überlegt nie lange. Sie antwortet schnell, und jeder Satz sitzt, als hätte sie alle Fragen schon durchdacht, bevor sie gestellt werden. Da sitzt sie also ganz vorne auf der Kante ihres herrschaftlichen weißen Ledersessels und sieht aus, als wolle sie jeden Augenblick aufspringen. Sie hat große Pläne. Sie ist Prinzessin, aus der Herrscherfamilie des kleinen Emirats Scharja, sie ist eine zarte Erscheinung, sie trägt Abaja und Kopftuch – aber ihrer Zeit ist sie trotzdem voraus. Seit November ist Scheicha Lubna die erste weibliche Ministerin der Vereinigten Arabischen Emirate, dem Zusammenschluss von sieben Scheichtümern. Und zwar nicht in einer typischen Frauendomäne wie Erziehung oder Gesundheit. Sie ist Minister für Wirtschaft und Planung im boomenden Golfstaat.

Scheicha Lubna hat ein großes, helles Büro im 14. Stock des Wirtschaftsministeriums in Abu Dhabi, mit großartigem Ausblick natürlich. Die Ministerin ist ruhig und freundlich, sie spricht die Besucher mit Vornamen an, später wird sie sie sogar bis zum Fahrstuhl begleiten. Von Ministergebaren keine Spur, von feministischem Eifer auch nicht. Dabei sei es nicht nur ihre „Mission“, sagt sie, die Wirtschaft voranzutreiben, sondern vor allem, die Frauen zu ermutigen, ihr nachzueifern. Viele emiratische Frauen hätten nicht genug Selbstbewusstsein. Dabei gebe es Karrierechancen genug. „Wenn ich heute als Frau auf diesem Posten sitze, liegt das daran, dass mein Land an die Gleichberechtigung von Mann und Frau glaubt.“ Das mag zumindest für den Kronprinzen von Dubai gelten, Scheich Mohammed bin Raschid. Mit ihm arbeitet die Scheicha seit fünf Jahren zusammen.

Der Kronprinz ist ein moderner Mann. Er hat die Frauenförderung, mit der er in Dubai angefangen hat, bis in die Regierung der Emirate getragen – allerdings auch, weil er weiß: Weder Dubai noch die anderen Emirate können es sich leisten, bei ihrer geringen Bevölkerungszahl auf die Hälfte aller Einheimischen zu verzichten, wenn die Wirtschaft wachsen soll.

Davon hat auch Scheicha Lubna profitiert. Es war allerdings nicht Protektion allein, die ihr auf den Ministerstuhl geholfen hat, sondern auch ihre Ausbildung. 1981 hat sie in Kalifornien ein Technologie- und Computerstudium begonnen. Damals waren Frauen in der IT-Branche auch in den USA noch eine Seltenheit. „Wir waren drei in meinem Jahrgang“, erinnert sie sich. Mittlerweile sei Technologie das „mächtigste Instrument“ für Veränderung, besonders in den Emiraten, dem technologisch am meisten fortgeschrittenen arabischen Land. „Ich war den anderen einfach voraus“, sagt die Prinzessin. Kinder hat sie nicht. Dafür hat sie die Einführung des „E-Government“ in Dubai geleitet. Und das Startup-Unternehmen „Tejari.com“ aufgebaut, das den Handel zwischen Unternehmen per Internet abwickelt. Dubai tätigt heute 70 Prozent seiner Regierungskäufe über Tejari.com.

Scheicha Lubna ist in den arabischen Ländern schon zum Rollenmodell geworden. Sie ist Vorbild einer ganzen Generation, die das althergebrachte Frauenbild auf den Kopf stellen will. Mehr als 90 Prozent der Frauen können mittlerweile lesen und schreiben; 1980 waren es nur 22,4 Prozent. Nach offiziellen Angaben sind 72 Prozent der Studenten weiblich.

Es gibt trotzdem noch Klagen. Raja al Gurg zum Beispiel, die Managerin des Wirtschaftsimperiums „Easa Saleh al Gurg“, wünscht sich mehr Unternehmerinnen. „Wir haben in Dubai zwar mittlerweile 4000 und im ganzen Land 10000“, sagt sie. Aber: Die meisten betrieben nur Kosmetiksalons oder Modegeschäfte. „Frauen sollen aber nach den Toppositionen greifen.“ Deshalb hat sie die emiratische Unternehmerinnenvereinigung mitbegründet. „Frauen dürfen nicht glauben, bestimmte Jobs seien nur für Männer“, sagt sie. Sonst hätte Gott nicht Adam und Eva auf der gleichen Erde geschaffen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar