Zeitung Heute : „Privat ist mir das wurscht“

Die BND-Affäre: Hans Peter Schütz vom „Stern“ ist einer der bespitzelten Journalisten

Constanze Bullion

Der Eindringling ist kaum größer als ein Fingernagel, er hat ein rotes Köpfchen aus Kunststoff und zwei dürre Beine aus Draht. Jahrelang hat der kleine Kerl im Verborgenen gelebt, in der Telefonbuchse einer Hamburger Jugendstilvilla. Und weil man ihn da zufällig enttarnt hat, lebt „Eton 23“ jetzt hier, in einem wattierten Umschlag, den Hans Peter Schütz aus seinem Schreibtisch fischt.

„Privat ist mir das wurscht“, sagt Schütz betont gelassen. „Aber für die Informanten kann das natürlich verheerend sein.“ Dann reicht er „Eton“ über den Tisch, ein elektronisches Bauteil, das womöglich über Jahre hinweg die besten Geheimnisse des Journalisten ausgeplaudert hat. Hans Peter Schütz ist politischer Autor beim Magazin „Stern“, er sitzt in der Parlamentsredaktion in Berlin, wo man an guten Tagen weit über die Kuppeln von Dom und Reichstag gucken kann und an schlechten in die Abgründe der Republik.

Schütz gehört zu den Journalisten, die womöglich vom Bundesnachrichtendienst bespitzelt wurden. Der BND, eigentlich zuständig für die Gefahrenabwehr von außen, hat Journalisten beobachtet und ihre Redaktionen ausgespäht, teilweise offenbar gegen Recht und Gesetz. Reporter sollen da bis in die Sauna verfolgt worden sein, Kollegen horchten einander aus, um nach bester Stasi-Manier und manchmal für Geld beim Geheimdienst über eigene und fremde Recherchen zu plaudern.

Eine trübe Brühe ist da ans Licht gekommen, und täglich tauchen neue Details auf. BND-Chef Ernst Uhrlau und sein Vorgänger August Hanning, der heute als Staatssekretär im Innenministerium sitzt, sind in schwere See geraten. Journalisten und Magazine drohen mit Klagen. Die Öffentlichkeit fordert Aufklärung, und der ehemalige Bundesrichter Gerhard Schäfer, der die Sache für das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags untersucht hat, will seinen Bericht am Mittwoch veröffentlichen. Jetzt wird er gebremst von denen, die sonst zu den Enthüllern gehören.

Hans Peter Schütz, der Mann vom „Stern“, kann verstehen, warum einige der bespitzelten Kollegen nun per Klage verhindern wollen, dass mit dem Schäfer-Bericht ihr Berufsleben ans Licht gezerrt wird. Auch Schütz hat ja geschwiegen, jedenfalls öffentlich, als er letzten Sommer erfuhr, dass in seiner früheren Privatwohnung in Hamburg „Eton 23“ aufgetaucht war. Ein Mitarbeiter der Telekom hatte das Bauteil entdeckt, als er für den Nachmieter einen digitalen Anschluss legte. „Das braucht man nicht zum Telefonieren“, sagte er, „das braucht man zum Abhören.“

Vor Schütz hatte eine alte Dame in der Wohnung gelebt, ihr konnte der Lauschangriff kaum gegolten haben. Als er selbst von 1999 bis 2003 dort wohnte, recherchierte er auch Geschichten über illegale Waffengeschäfte und manchmal auch über den BND. Als „Eton“ gefunden wurde, beauftragte der „Stern“ eine Firma, in der ehemalige Geheimdienstler arbeiten. Das Bauteil sei vermutlich mit einer Wanze gekoppelt gewesen, befanden sie: „Die Handschrift eines Geheimdienstes ist nahe liegend.“

Schütz war nicht übermäßig aufgebracht damals, sagt er. „Wir haben nur überlegt, ob das eine richtige gute Story für den ,Stern’ ist.“ Man entschied sich dagegen und für einen Beschwerdebrief, an den BND, den Kanzleramtschef und den Geheimdienstkoordinator. Die Herren aber wollten von nichts gehört haben, sie weisen es bis heute von sich, dass abgehört worden sein soll. Auch die G-10-Kommission des Bundestags, die legale Abhörmaßnahmen genehmigen muss, weiß nichts von einer Lauschaktion bei Schütz. Vielleicht, weil sie eben nicht legal war, vermutet der Journalist.

Letzten Sommer jedenfalls ließ Schütz die Sache auf sich beruhen. Schütz ist 66, seine besten Jahre waren wohl die unter Helmut Kohl. Als der Aufstieg des Pfälzers begann, schrieb Schütz für die „Südwestpresse“, und weil Kohl das Blatt schätzte, durfte der Journalist gelegentlich an seinem Tisch sitzen, „da hat er mich mit Zwiebelkuchen voll gestopft“.

Natürlich erfuhr er so das eine oder andere, wechselte zum „Stern“, da entzog ihm Kohl seine Gunst. Und fütterte ihn wieder mit Interviews, als Schütz zur „Südwestpresse“ zurückkehrte. 1996 wurde der Journalist Politikchef beim „Stern“ – und hatte seine Lektion gelernt. Er steht auf, öffnet einen Schrank, holt einen „Stern“ heraus, vom Titelbild guckt eine traurige Hannelore Kohl. Als sie sich im Sommer 2001 das Leben nahm, schrieb Schütz, ihr Mann sei schuld an der Tragödie. „Da war’s“, sagt er, „natürlich ganz aus.“

Die Konjunkturen einer journalistischen Karriere können recht eng verknüpft sein mit dem Wohlwollen derer, die politische Korrespondenten mit Informationen versorgen. Wer geschickt ist, vergrault solche Informanten nicht, pflegt ihre gute Laune, jedenfalls solange er sie braucht. Hans Peter Schütz schreibt nicht mehr über Helmut Kohl, aber über andere, die ihre Namen und das, was sie ihm zugesteckt haben, nicht in der Zeitung lesen möchten. Der Handel mit Nachrichten gedeiht nur im Dunkel, und den BND-Bericht zu veröffentlichen, das wäre für manche Journalisten so, als würden die zarten Nachtschattengewächse ihrer Recherche gleißender Mittagssonne ausgesetzt.

„Mein Privatleben und mein Geschwätz darüber ist nicht spektakulär“, sagt Hans Peter Schütz. „Aber den Informanten geht es in so einem Fall ans Leder.“ Und es könnten noch andere, unerfreuliche Enthüllungen über den Berufsalltag der Journalisten ans Licht kommen. „Das Problem ist, dass in diesem Bericht vieles stehen wird, das für unseren Berufsstand ziemlich ehrenrührig ist“, sagt er. Da sind die hässlichen Geschichten über das Hauen und Stechen unter Journalisten, die sich gegenseitig observieren und um Exklusivmeldungen konkurrieren – oft in ein und derselben Redaktion. Würde publik, wie es zugeht in solchen Haifischbecken, könnte mancher, der bisher noch als Beschnüffelter galt, womöglich selbst als Schnüffler dastehen. Gab es im „Stern“ solche fliegenden Händler, die ihre Ware in beide Richtungen getragen haben, von den Geheimdiensten in die Zeitungen und von der Zeitung wieder zu den Geheimen? „Ich gehe davon aus, dass wir uns da nichts haben zu Schulden kommen lassen“, sagt Hans Peter Schütz.

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