Privatisierungen : Holzwege

Die Deutschen sind mit ihm verwachsen, und er ist auch eine ertragreiche Wertanlage. Dennoch ist es üblich, dass der Staat ihn verkauft: den Wald. In Nordrhein-Westfalen aber bekamen es jetzt einige Leute mit der Angst zu tun

Deike Diening[Nettersheim]
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Stammaktien. Sonnenstrahlen auf einem Werkstoff, der nicht mehr von gestern ist, sondern von morgen. Foto: Picture Alliance/dpadpa

Im kleinen Nettersheim in der Eifel, hügelan der Wald, wurzelt in seinem Amtszimmer, vor einer Thermoskanne Kaffee und umblüht von Orchideen, der Bürgermeister Wilfried Pracht. Euphorisch ist er und nur noch wenige Tage von einer Einigung entfernt, die er ja selbst vorangetrieben hat und deren Zustandekommen umso unwahrscheinlicher ist, weil die Empörung so umfassend war. Weil die Wut die Eifelbewohner beherrschte. Weil die Eifel in ihrem Protest plötzlich wie mit einer Stimme sprach.

Als nämlich die Bofrost-Stiftung vor gut zwei Jahren beschloss, dass 2700 Hektar Eifelwald ihr Portfolio ideal ergänzen würde, richtete sie an das Land Nordrhein-Westfalen ein Gebot. Noch bevor der Wald sich zweimal färbte, sollte er ihr gehören.

Und als ob es nicht üblich wäre, dass ein Privatmann Staatswald kauft, als ob es nicht längst so wäre, dass mehr deutscher Wald in Privathand ist als in der Hand des Staates, schien es auf einmal, dass in der Eifel alles infrage stand.

Ein Gespenst ging um vom Privatwaldbesitzer, der schleunigst Wanderwege sperren würde, weil ihn die Wanderer beim Jagen stören würden. Vermutlich müsste sich die Region auch ihr Brennholz woanders besorgen.

Warum war die Angst so groß? Vielleicht, weil die Deutschen so mit ihrem Wald verwachsen sind, vielleicht, weil der Konflikt an dem Selbstverständnis der Eifeler rüttelte. Weil die Eifeler wenig anderes als den Wald haben. Vielleicht auch deshalb, weil der Konflikt politisch instrumentalisiert wurde, ein Wahlkampf macht sich besser mit einem Feind. Und vielleicht deshalb, weil der Wald, die Ressourcen des Landes im Lichte der Finanzkrise plötzlich ganz neu leuchteten.

Es wollte Wilfried Pracht, CDU, jedenfalls nicht in den Kopf, wie man so viel wertvolle Ressource in diesen Zeiten verkaufen konnte.

Wilfried Pracht, aufgewachsen in der Eifel, sieht Wald für weit wertvoller an, als er allgemein geschätzt wird – und das liegt nicht nur an seinem Vater. Seinem 82-jährigen Vater, auf dessen Hof er seine Kindheit verbrachte und der noch heute, wenn man ihn sucht, meist im Wald zu finden ist, wo er nach seinen vier Hektar sieht, genau wie die letzten 50 Jahre.

Nein, Pracht schätzt auch deshalb den Wert des Waldes, weil der kluge Rechner, der aus dem Jungen geworden ist, mehr sieht als andere. Meistens, sagt Pracht, errechnet man den Preis eines Waldes nach Bodenwert und Holzertrag. Aber diese Rechnung ist von gestern. Aus einer Zeit ohne Kohlendioxidproblem und ohne Finanzkrise und auch ohne dräuende Inflation.

Er hat beobachtet, dass Waldaktien in diesen Zeiten gesucht sind. Wer schlau ist, investiert in Wald.

Aber ausgerechnet, als auch die Dümmsten langsam begriffen, dass Wald eine kluge Wertanlage ist, verkaufte die Landesregierung. Das ärgert ihn. Sie beschloss den Verkauf auch mit den Stimmen der CDU, die zugleich einige der erbosten Bürgermeister in der Eifel stellte. Es stand in keinem Verhältnis, fanden die Leute. Es kam ihnen vor wie ein Schildbürgerstreich. Diese ungeheure Dummheit, diese kurzsichtige Landesregierung. Ja, hatten die denn nichts gelernt?

Hatte nicht gerade die Finanzkrise bewiesen, dass es gefährlich war, kommunalen Besitz zu veräußern? Hatte sie nicht gezeigt, dass etwas, das man nicht mehr besaß, wie ein Abwassernetz oder ein Schienensystem zum Beispiel, kaum noch zu beherrschen war, sobald es einem nicht mehr gehörte? Gerade wurde in Brandenburg der Verkauf von Seen gestoppt. Aus Versehen ging in Havelland eine Straße für einen Spottpreis an einen Privatmann. Die Leute regen sich auf, wenn Gemeingut verkauft wird. Jetzt noch mehr als vor der Krise.

Die letzte Bundeswaldinventur, sagt Pracht, hat ergeben, dass im deutschen Wald mehr Holz nachwächst als geschlagen wird. Das heißt also, man dürfte im Prinzip mehr Holz herausholen aus dem Wald. Er liefere damit mehr Rendite als angenommen. Und das ist nur der eine Vorteil, den sich auch die Landesregierung zunutze machen könnte, wenn sie den Wald behielte.

Wer nur auf den Ertrag guckt, vergisst die Ökopunkte. Wenn zum Beispiel die Autobahn A 1 zwischen Köln und Trier endlich einmal verlängert werden wird, ist als ökologische Ausgleichsmaßnahme die Ansiedelung von Fledermäusen vorgesehen. „Und wo sind die heimisch?“, fragt Pracht dramatisch: „In 120 Jahre alten Buchenwäldern.“ Glücklich, wer sie hat.

Und wie erst bemisst man den touristischen Wert eines Waldes für einen Ort, den alle Kölner Schulklassen kennen?, fragt Pracht. Wo sie an Wandertagen in den Wald hineinrufen, um zu sehen, wie es heraustönt, wo sie in den Dörfern übernachten und auf den Äckern nach Fossilien suchen?

Horst-Karl Dengel, Forstamtsleiter Regionalforstamt Hocheifel-Zülpicher Börde, von solider Statur, bemerkt, dass seit bald zehn Jahren durch die gesamte Holzwirtschaft eine Bewegung geht. Als hätte jemand eine Spannung angelegt. Die Leute interessieren sich wieder für Holz als Brennstoff. Mit steigenden Ölpreisen gewinnen Holzpellets an Charme. Es gibt Fördermöglichkeiten, einen politischen Willen, ästhetische Ambitionen für Häuser aus Holz. Holz ist nicht mehr von gestern, sondern plötzlich der Werkstoff von morgen. Der Hinterwäldler ist nun ganz vorne dabei. Was spräche denn dagegen, sagten sich Wilfried Pracht, der Landesbetrieb Wald und Holz NRW, die Förster, die Gewerbetreibenden, wenn die Eifel in all diesen Aspekten künftig zu den führenden Entwicklern gehören würde?

In Nettersheim wird ein „Holzkompetenzzentrum“ eingerichtet, man legt die internationale „Holzroute“ an, die sie Holzweg zu nennen längst nicht mehr angemessen finden.

„Wir wollen nicht, dass die Wertschöpfungskette mit dem Sägen endet“, sagt Dengel. Sie haben deshalb in Nettersheim den Verein Eifel e. V. gegründet, in dem die Holzunternehmer, die Sägereien, die Brennholzhändler, die Parketthersteller, die Architekten zusammen eine Dachmarke etablieren wollen: Eifelholz. Holz soll das sein, schwärmt Dengel, das seine gesamte Wertschöpfungskette in der Eifel erlebt. Heute wird es ja nach dem Sägen in den Schwarzwald geschickt, aber ist das umweltpolitisch auch klug, wenn die behandelten Hölzer dann wieder zurücktransportiert werden? Nein, das leuchtet jedem ein. Die Eifeler Holzunternehmer, sagt Dengel, müssen lernen, dass der Konkurrent nicht der zweite Parketthersteller, sondern der Baustoff Beton ist!

Wenn Hänsel und Gretel sich heute im Wald verirrten, würde man ihnen sagen, sie sollten sich am besten entlang der Wertschöpfungskette weiterbewegen. Das habe wohl die meiste Aussicht auf Erfolg.

Kein Wunder, dass die derart auf Holz geeichten Eifeler, den Stolz frisch geschürt, so empfindlich reagieren, wenn einer den Wald verkauft, oder?

Vielleicht, sagt Dengel. Aber im Prinzip dürfte es für die Bewohner überhaupt keinen Unterschied machen, ob der Wald einem Privatmann oder dem Staat gehört. Dreierlei Aufgaben haben die Forstämter, sagt Dengel und zeichnet auf ein Blatt Papier: Sie kümmern sich um den Staatswald, sie kümmern sich gegen Bezahlung um manchen Privatwald und dann üben sie noch die Hoheitsrechte aus. Überall. Auch dann, wenn der Wald Privatbesitz ist. Verstöße gegen Gesetze, sagt Dengel, werden auch dann beanstandet. Und dass der neue Besitzer gezielt so etwas vorhabe – da wolle man doch jetzt nichts unterstellen?

Nach dem Waldgesetz müssen die Leute auch einen Privatwald betreten dürfen. Was sie da zu suchen haben? Erholung. So steht es im Gesetz.

Thomas Stoffmehl, 38, in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Eifelwald GmbH wusste gar nicht, wie ihm geschah, als die Proteste ihn erreichten. Die Eifelwald GmbH sollte den Wald kaufen im Auftrag der Bofrost-Stiftung, die ihrerseits die Familienstiftung der Familie des Firmengründers Josef H. Boquois ist, Erfinder des Schockgefrierens, wobei Nährstoffe und Vitamine zu großen Teilen erhalten bleiben. Dünn besiedelte Gebiete wie die Eifel sind ein ideales Gebiet für sein Erfolgsrezept, die Tiefkühllieferung an jede Haustür. Aber nun kamen diese Befürchtungen hoch, „abenteuerlich“, die Stoffmehl, nur als Unterstellungen werten konnte: Sie würden im Wald den Zugang zu Wanderwegen sperren. „Das ist lächerlich, es gibt ja ein Waldgesetz“, sagt er. Sie würden für ihren Firmenchef Boquois den Wald zu einem Jagdgebiet machen? „Da würde er mit dem Tennisschläger jagen müssen“, sagt Stoffmehl. Der Einzige, der einen Jagdschein hat, ist nämlich Dr. Thomas Stoffmehl selbst, mit 38 Jahren im besten Schützenalter, aber mal ehrlich: Ein einziger Jäger, wie wollte der ein so großes Gebiet bejagen? – „Wir sind kein Jagdgut, sondern ein Forstgut.“

Wenige zwar, aber doch etwa zehn bis zwölf Kunden aus der Eifel hätten ihre Bestellungen gekündigt, bemerkte Stoffmehl in seiner Eigenschaft als Unternehmenssprecher der Bofrost-Gruppe. Stoffmehl als Geschäftsführer der Eifelwald GmbH sieht das als einen Beleg dafür, dass die Leute alles verwechseln. Schließlich habe nicht die Firma Bofrost den Wald gekauft, sondern die Eifelwald GmbH.

Bürgermeister Pracht würde einen derart ungerichteten Protest wie den Bofrost-Boykott nie unterstützen. Ihm wäre es lieber, dass der Wald nicht verkauft würde, auch jetzt noch, aber er sagte sich: Wir haben jetzt lange genug übereinander geredet. Jetzt telefonieren wir. Half ja nichts. Es ging darum, zu retten, was zu retten ist. Er wollte sehen, ob die Stiftung bei einigen Punkten kooperieren würde, die seiner Gemeinde und denen von Blankenheim und Kall besonders am Herzen lagen. Er wollte unter anderem ein Stück des Waldes für Nettersheim kaufen. Er ging mit seinen Argumenten in den Gemeinderat, „Kaufen!“, sagten die Mitglieder, und zwar das Stück um die Eifelhöhenklinik, auch touristisch interessant. Den Kaufpreis von einer Million Euro würden sie aus ihrem entspannten Haushalt leisten. Der Wald, da ist Pracht sich sicher, wird in kurzer Zeit seinen Preis wieder hereinholen.

Thomas Stoffmehl glaubt, dass der Aufschrei auch deshalb so groß war, weil die Sache politisch instrumentalisiert wurde. Der Kommunalwahlkampf stand bevor, man kann sich an einem Feind gut profilieren. „Da wurde fahrlässig mit Ängsten gespielt“, sagt Stoffmehl.

Nun endlich haben Pracht und Stoffmehl ihren Erfolg verkündet. Sie haben sich arrangiert. Der Streit ist beigelegt, statt 2700 Hektar Wald hat die Stiftung nun 2550. Sie hat sich auf Zugeständnisse eingelassen. In einigen Tagen werden gut 25 Millionen Euro von einer Bank zur anderen fließen. Der Clou: Die Stiftung garantiert, dass sie die Brennholzversorgung für die Region sichern wird. Und sie wird Wanderwege wie den „Eifelsteig“ im Grundbuch eintragen lassen. „Für uns hat das mehr symbolischen Charakter“, sagt Stoffmehl. Sie hatten ohnehin nie vor, die Wege anzutasten, aber es beruhigt die Eifeler. Stoffmehl hätte gerne seine abtrünnigen Stammkunden wieder, jetzt, wo man sich geeinigt hat. Wilfried Pracht wurde bei der letzten Kommunalwahl mit prachtvollen 82 Prozent wiedergewählt.

Die Eifelwald GmbH wird als neuer wirtschaftlicher Akteur in der Region dem Netzwerk Eifel e. V. beitreten. Es gibt jetzt, so sieht es aus, einfach einen neuen Akteur in Sachen Eifelholz.

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