Pro Reli : Risse, Zank, Versöhnungen

„Keiner hat Grund, den Kopf hängen zu lassen,“ sagt Bischof Huber zu den Enttäuschten auf der Wahlparty von Pro Reli in Mitte. In Neukölln hingegen feiern sie bei Pro Ethik – und überlegen, wie es nach so viel Streit in Berlin weitergehen soll.

Claudia Keller Johannes Schneider
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Schlechte Nachrichten. Wahlparty von Pro Reli, die nicht so recht eine Party werden wollte. Foto: David Heerde

Eben noch hatte Günter Jauch sein Angestelltenlächeln von zwei Dutzend Bildschirmen in die Katholischen Akademie herabgeworfen. Hier, in der Hannoverschen Straße in Mitte, haben sich am gestrigen Sonntagabend die Anhänger der Initiative Pro Reli versammelt. Es gibt Suppe und Wein und viel Enttäuschung. Um 19 Uhr hatte man sich zwar noch gegenseitig Mut gemacht: dass noch nicht alle Bezirke ausgezählt seien. Aber fünf vor acht ist es vorbei. Jauch verschwindet, die Statistik des Landeswahlleiters erscheint auf den Monitoren. Und die ist erschütternd. Nicht nur, dass zu wenige zur Wahl gegangen sind, als dass Pro Reli eine echte Chance gehabt hätte. Was für die Gäste in der Katholischen Akademie noch schlimmer ist: Von denen, die gewählt haben, machten 51 Prozent ihr Kreuz bei Nein. Der Volksentscheid ist gescheitert. Religion wird kein ordentliches Unterrichtsfach werden, sondern eine freiwillige Angelegenheit bleiben.

Wolfgang Huber, 66 Jahre alt, Bischof der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, greift sich an den weißen Pfarrerskragen, den er unter dem schwarzen Anzug trägt. Er schluckt. Er habe die Initiative Pro Reli nicht ins Leben gerufen, darauf besteht Huber auch an diesem Abend vor vielen Mikrofonen. Es sei eine Bürgerinitiative, die lediglich von den Kirchen unterstützt worden sei. Dennoch hat wohl keiner die Gemüter in der Stadt derart polarisiert wie dieser asketische Mann. Denn wie kein Berliner Bischof zuvor hat er die Kirche in eine politische Auseinandersetzung geführt, in die direkte Konfrontation mit dem rot-roten Senat. Es ist der letzte Kampf, den er in Berlin geführt hat. In knapp drei Wochen wird sein Nachfolger gewählt, Huber scheidet aus Altersgründen aus dem Amt.

Im Hof der Akademie sitzen ein paar Dutzend auf Holzbänken beisammen. Man unterhält sich, ernsthaft. Wie soll es jetzt weitergehen? Drinnen halten nun Jungen und Mädchen in Pro-Reli-T-Shirts grüne Tafeln in die Kameras. Darauf steht das Logo der Kampagne und der Spruch: „Der Weg ist das Ziel“. Vor einer Stunde noch zeigten sie die kämpferische Gegenseite: „Wir wollen Wahlfreiheit!“

1993 wurde Wolfgang Huber zum Berliner Bischof gewählt, 2003 außerdem zum Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er ist ehrgeizig und energisch und hat von Anfang an deutlich gemacht, dass er den deutschen Protestantismus profilieren und zu einer gesellschaftlichen Kraft machen will. Er war erfolgreich, mit ihm an der Spitze hat die evangelische Kirche an Einfluss gewonnen. Aber ausgerechnet in Berlin musste er immer wieder Niederlagen einstecken. Der Regierende Bürgermeister lächelte zwar gerne an seiner Seite, wenn es zum Beispiel ums Ehrenamt ging. Auch hielt er einen Vortrag vor dem Kirchenparlament. Doch wenn es darauf ankam, war Klaus Wowereit kaum zu Zugeständnissen bereit. Beim Staatskirchenvertrag konnte Huber seine gewünschte Anzahl der Theologie-Professoren an der Humboldt-Universität nicht durchsetzen, gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen führte Wowereit den Ethikunterricht. Der Religionsunterricht blieb außen vor. Religion werde in Berlin systematisch an den Rand gedrängt, warf Huber der SPD und den Linken vor. Es kränkte ihn zunehmend.

Seit einem halben Jahr aktivierte Huber alle kirchlichen Kräfte, um noch einmal gegen den Senat anzutreten. Kirchenmitglieder sammelten bei Regen und Eis Unterschriften und klebten Plakate, Huber selbst debattierte seit Monaten auf allen Kanälen. Mit Erfolg: Das Volksbegehren, die erste Stufe hin zum Volksentscheid, war ein Überraschungserfolg. Hubers Mobilmachung hatte allerdings ihren Preis. Die Toleranz gegenüber innerkirchlichen Widersachern schwand von Woche zu Woche, was etliche engagierte Christen nicht hinnehmen wollten. Sie gründeten den Verein „Christen pro Ethik“ und schrieben Huber böse Briefe. Huber antwortete, dass das Kirchenparlament demokratisch beschlossen habe, Pro Reli zu unterstützen. Für manchen in der Kirche hörte sich das an wie ein Basta.

„Wir lernen, wie man streiten und sich dennoch lieben kann“, hatte Huber am Sonntagvormittag bei einem Gottesdienst in der Genezareth-Kirche in Erkner gesungen, und für einen Moment war ihm ein Lächeln über sein oft so strenges Gesicht gehuscht. Erinnerte er sich an die Zuspitzungen der vergangenen Wochen?

Huber ist trainiert, seine Gefühle vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Am Abend um 20 Uhr 15 tritt er in der Katholischen Akademie vor das Mikrofon. „Unser Bemühen hat sich gelohnt“, sagt er, tapfer, ernst. „Wer hätte geahnt, dass der Religionsunterricht an den Schulen ein solches Thema in Berlin werden würde?“ Nun sei es die Aufgabe aller Politiker, den Riss zu verkleinern, der die Stadt in Sachen Religion durchziehe, gab es doch in manchen Bezirken 60 Prozent Zustimmung zu Pro Reli. Der Saal klatscht. „Keiner hat Grund, den Kopf hängen zu lassen“, sagt Huber dann noch ins Klatschen hinein. Er verspreche, den Weg weiter zu gehen.

An einer anderen Stelle in der Stadt, wird noch etwas lauter geklatscht, im Café Rix in Neukölln. Hier findet die Wahlparty von Pro Ethik statt. Gerade hat der DGB-Vorsitzende Michael Sommer zu sprechen begonnen. „Wenn Pro Reli behauptet, es gehe beim Volksentscheid um die Freiheit, dann ist das blanker Unsinn“, sagt er, und seine Stimme beginnt zu vibrieren. Doch gerade als er nachlegen will, bricht Jubel aus. Es ist 19 Uhr 15, und jetzt beginnt hier die Feier.

Lange Zeit hatte es nach einem Sieg ausgesehen, der sich vor allem in der Schwäche des Gegners begründet. Schon am Nachmittag war deutlich geworden, dass Pro Reli die erforderlichen 611 422 Stimmen kaum zusammen bekommen würde. Doch jetzt macht im Café Rix die Nachricht die Runde, dass die Mehrheit der Wähler für Pro Ethik abgestimmt hat. Und auf einmal können die Anwesenden einen Sieg der eigenen Stärke feiern.

„Das hätte ich wirklich nicht erwartet“, sagt Carola Bluhm, die Fraktionsvorsitzende der Berliner Linken. Bluhm steht vor dem Café, in der rechten Hand hält sie eine Zigarette. „Eigentlich rauche ich ja gar nicht“, sagt sie, „nur in besondeVren Momenten.“ Für die 46-Jährige ist das Ergebnis ein Triumph. Bluhm hat für den gemeinsamen Ethikunterricht gekämpft, ist auf die Straße gegangen, hat Flyer verteilt und Passanten angesprochen. Nicht immer waren die Reaktionen freundlich. „Von demonstrativem Desinteresse bis zu Beleidigungen war alles dabei“, sagt sie.

In der Frage, ob Ethik- oder Religionsunterricht mehr leisten kann, hat sich Berlin abermals als geteilte Stadt präsentiert. Und Bluhm kann als typisches Beispiel der Pro-Ethik-Seite gelten. Geboren in Ost-Berlin, wuchs sie in einem „humanistischen, linksliberalen Elternhaus“ auf, wie sie sagt. Religion habe in der Familie keine große Rolle gespielt, und im atheistischen DDR-Schulsystem ohnehin nicht. Als antichristlich würde sich Bluhm dennoch nicht bezeichnen. „Ich habe auch nichts gegen Religionsunterricht. Aber ich glaube, wir brauchen den gemeinsamen Ethikunterricht als Platz des Austausches.“ Zwar würde auch im christlichen Religionsunterricht über andere Religionen gesprochen, „aber eben berichtend, nicht authentisch, nicht im gemeinsamen Austausch“. Und genau darauf komme es ihr an, auf die Gemeinsamkeit.

Von Gemeinsamkeit mit der Gegenseite ist im Café Rix im Moment des Triumphes allerdings nicht viel zu spüren. Als ein Fernsehkorrespondent live über die Enttäuschung bei der Pro-Reli- Wahlparty berichtet, geht ein vielstimmiges, ironisches „Oooooh“ durch den Raum.

Lachen kann Carola Bluhm da noch nicht. „Das dauert bei mir ein bisschen, bis die Anspannung abfällt“, sagt sie. Der Kampf für Pro Ethik war für Bluhm auch ein Kampf für das eigene politische Vermächtnis. Schließlich war es der rot-rote Senat, der im Frühjahr 2006 zusätzlich zum freiwilligen Wahlfach Religion das Pflichtfach Ethik für die Sekundarstufe zwei einführte. „Ich dachte eigentlich, wir hätten damals ein toleranten Vorschlag gemacht“, sagt Bluhm.

Und nun, wird der Graben jetzt bleiben, oder werden die beiden Parteien wieder aufeinander zugehen? „Ich bin mir nicht sicher“, sagt Bluhm, „aber die Art der Auseinandersetzung hat ja gezeigt, dass wir uns verstärkt austauschen müssen.“

Vergangenen Sommer hat sie Bischof Huber schon einmal getroffen, bei der Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Bekannten. Sie habe damals eine gewisse Distanz gespürt, sagt Bluhm. Ein weiteres Treffen wurde dennoch locker vereinbart. Es steht noch aus. Vielleicht wäre jetzt die Zeit dafür.

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