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Der Tagesspiegel

Jeden Freitag die gleiche Frage: „Darf ich heute in die Disko?“ Jeden Freitag die gleiche Antwort: „Du weisst doch, was das Gesetz sagt.“ Jeden Freitag der gleiche Ausraster: „Scheiß-Gesetz.“Wer Kinder hat, die keine Kinder mehr sein wollen, kennt das. Vierzehn- und Fünfzehn-Jährige absolvieren in der Woche ein Programm, das mancher Erwachsene nicht durchhalten würde: Sie gehen sieben, acht Stunden in die Schule und danach in den Sportklub oder zum Klavierunterricht. Nur in die Disko dürfen sie nicht. Auch nicht im Sommer, wenn es bis 22 Uhr hell ist. Viele Teenager empfinden das zu Recht als Schikane, denn was bleibt als Alternative? Kinobesuch? Spaziergänge im Park? Rumlungern mit der Clique?Dass mancher Diskothekenbesitzer befürchtet, seine älteren, besser gesagt: zahlungskräftigeren Kunden, könnten sich durch die „Baby“-Tänzer gestört fühlen, ist nachvollziehbar.

Aber eine Änderung des Gesetzes zwingt keinen Tanzlokal-Betreiber, unerwünschte Gäste einzulassen. Überhaupt ist die Aufregung um den Vorstoß der Familienministerin nicht zu verstehen. Schließlich besagt er nicht, dass Vierzehnjährige ab sofort rauchen oder trinken dürfen. Und dass Tanzen die Entwicklung von Heranwachsenden stört, ist nicht bekannt. Mit der Lockerung des Gesetzes würde also lediglich mehr individuelle Freiheit gewährt. Denn der Freitag-Zoff wird bleiben. Nur, dass die Frage nicht mehr lauten wird: „Darf ich heute in die Disko?“ sondern: „Wie lange darf ich heute in die Disko?“ Sandra Dassler

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