Zeitung Heute : Probewohnen macht Schule

Wer ein Internat sucht, sollte im Vorfeld Beweggründe, Berufsziele und Rahmenbedingungen klären

Katja Gartz

Rund 250 Internate mit allgemein bildenden Schulen gibt es in Deutschland. Hinzu kommen zahlreiche Internate im Ausland. Das fällt die Auswahl nicht leicht. Erste Informationen können Internetseiten liefern, doch schnell ist die Verwirrung groß. Klassen und Zimmer in gut ausgestatteten Gebäuden, kleine Lerngruppen, zahlreiche Freizeitangebote und Arbeitsgemeinschaften sowie individuelle Betreuung – das bieten fast alle Internate an. Doch welches Internat ist nun das richtige für das eigene Kind?

Um sich dem passenden Haus zu nähern, gilt es zunächst die persönliche Situation und bestehende Erwartungen zu klären. Es gibt viele Gründe, die Eltern dazu bewegen, ihr Kind auf ein Internat zu schicken. Hartmut Ferenschild, Berater für Landerziehungsheime (LEH) nennt die wichtigsten: „Zunehmende Unzufriedenheit mit staatlichen Schulen, Probleme in der Familie und Berufe, die Mobilität erfordern und zu wenig Zeit für die Erziehung lassen.“ Bei der Suche nach einem Internat, spielt auch die Situation des Kindes eine entscheidende Rolle. „Gerade Schüler mit Leistungsstörungen, mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) oder Legasthenie kommen in großen Klassen mit dreißig Schülern zu kurz“, berichtet Connie Hasenclever von der Euro-Internatsberatung. Diese könnten in kleinen Internatsklassen besser gefördert werden. Erfolgserlebnisse in Sport, Musik und Handwerk steigerten außerdem das Selbstbewusstsein und die Schulleistungen. Auch hochbegabten Kindern und solchen mit besonderen sportlichen oder künstlerischen Fähigkeiten bietet die Rundumbetreuung in Internaten viele Möglichkeiten, Talente auszuleben. Deshalb möchte auch Marina* auf ein Internat. Die 15-Jährige ist unzufrieden mit dem Kunstunterricht. „Ein bisschen Malen ist mir zu wenig“, sagt die Schülerin, die nach zwei Jahren an einem Berliner Gymnasium auf eine Privatschule in Brandenburg wechselte. „Wir haben schlechte Erfahrungen mit Schulen gemacht“, berichtet Marinas alleinerziehende Mutter. Erst habe es Probleme mit Lehrern gegeben, an der zweiten Schule sei dann das pädagogische Angebot zu kurz gekommen. Da bereits die Schwester gute Internatserfahrungen gemacht hatte, will Marina wegen des künstlerischen Profils künftig das niedersächsische Internat Marinau und nach dem Abitur die englische Kunsthochschule Cambridge School of Arts besuchen. Ihr Berufsziel ist Modedesignerin. Mutter und Tochter wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, weil die aktuelle Schule noch nicht informiert ist und sie weitere Schulkonflikte befürchten. Nach Angaben von Connie Hasenclever steigt die Nachfrage nach Internaten im Raum Berlin/Brandenburg stetig an.

Häufig denken Eltern vor der nahenden Pubertät ihrer Kindern verstärkt über ein Internat nach – weil sie ihren Kindern in der Schule nicht mehr helfen können oder sich das Verhältnis ändert. Ähnlich geht es den Eltern von Charline. „Sie hat Schwierigkeiten in Englisch, Deutsch und Musik, aber wir können ihr nicht helfen und Nachhilfeunterricht bringt auch nichts“, berichtet Mutter Hannelore Frühling. Vater Thorsten Riedel sieht den finanziellen Aufwand als Investition in die zukünftigen Berufschancen seiner Tochter „Die zusätzlichen Kosten sind für uns eine sinnvolle Belastung, aber mehr als 1000 Euro können wir im Monat für ein Internat nicht ausgeben“, sagt der Inhaber einer Firma für Außenwerbung.

Internatsberater Ferenschild rät Eltern, darauf zu achten, dass sich die Internate individuell auf die Schüler und nicht nur auf ihre schulischen Leistungen einstellen. Die Internatsschule sollte staatlich anerkannt und gut ausgestattet sein. Auch sollte eine Klasse nicht mehr als 20 Schüler haben und eine gute Hausaufgabenbetreuung sowie vielfältige Kurs- und Freizeitangebote bieten. Orientierung und Hilfestellung bieten gemeinnützige Verbände und zahlreiche private Beratungsstellen mit Informationstagen und Elternberatungen an.

„In Gesprächen werden die Beweggründe der Familie geklärt und Hinweise zu Internaten gegeben, die dem Kind am besten gerecht werden“, berichtet Berater Ferenschild. Er kritisiert, dass zunehmend private Berater nur die Internate empfehlen, mit denen sie Provisionsverträge abgeschlossen haben. Diese zählten zudem meist zu den teureren. Bei der Euro-Internatsberatung führen die Mitarbeiter auch getrennte Gespräche mit Eltern und Kindern, um entsprechend auf die Wünsche reagieren zu können. Vorgeschlagen werden meist zwei oder drei Internate, die sich Eltern und Kinder vor Ort genau ansehen. Bei einigen Internaten ist drei bis fünf Tage Probewohnen möglich, bei anderen sogar Pflicht – damit die Schüler wissen, worauf sie sich einlassen.

*Name von der Redaktion geändert.

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