Zeitung Heute : Probleme am Arbeitsplatz: Wenn Aufschieben zum existenziellen Problem wird

Hartmut Volk

Kaum jemand, der nicht etwas aufschiebt. Der eine drückt sich mit immer neuen Vorwänden um das längst überfällige heikle Mitarbeitergespräch herum, dem anderen sträuben sich beim Gedanken an die neue Marketingkonzeption die Haare, mit der er heftig in Verzug geraten ist. Die meisten Menschen schieben am Arbeitsplatz wie im privaten Bereich immer wieder etwas auf die lange Bank.

Der Jahreswechsel wird gerne zum Anlass genommen, schlechten Gewohnheiten abzuschwören. Obwohl: Kaum jemand empfindet sein alltägliches Auf- und Herausschieben als wirklich ernsthaftes Problem. Irgendwie gehört es zum Leben dazu, gelegentlich gibt es ja auch tatsächlich gute Gründe dafür und: Meistens lassen sich die Dinge ja auch in letzter Minute noch irgendwie regeln.

Ganz anders aber sieht es aus, wenn Menschen immer wieder qualvolle innere Widerstände gegen die Erledigung notwendiger Pflichten oder Projekte überwinden müssen. Das zumindest ist die Überzeugung von Hans-Werner Rückert. Der Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin macht auf die "Problematik in der Problematik" aufmerksam. Im schlimmsten Fall, sagt Rückert, der nebenberuflich als Trainer und psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis arbeitet, geraten durch das Aufschieben die berufliche Standfestigkeit oder auch private Beziehungen in Gefahr. Dann erzeugt chronisches Aufschieben intensives seelisches Leid. Wo aber ist die Grenze zu ziehen zwischen "normaler" Unlust und "klinischer" Verdrängung?

Ernsthaftes Aufschieben, sagt Rückert, "bedeutet, dass Sie unnötigerweise die Erledigung von Aufgaben und Vorhaben, die Sie selbst als wichtig, vorrangig und / oder termingebunden einstufen, über Tage, Wochen, Monate oder Jahre verzögern. Sie fassen immer wieder Vorsätze, unternehmen Anläufe und machen Vorarbeiten, beschäftigen sich aber im entscheidenden Moment mit weniger wichtigen Dingen. Sie gehen aus dem Feld und weichen auf etwas anderes, nicht ganz so Unangenehmes aus. Schließlich hat sich ein unüberwindlich erscheinender Berg an Unerledigtem aufgehäuft, vor dem Sie dann resignieren."

Das Teuflische: Wer so ernsthaft aufschiebt, wirft sich dieses Verhaltensmuster als "Willensschwäche" vor und träumt insgeheim von mehr Selbstdisziplin. Doch oft bleibt es bei diesen Wunschträumen und das ausgeprägte Aufschieben wird wie ein Zwang als unkontrollierbar erlebt. Darüber redet dann auch niemand mehr gerne. Im Gegenteil: Es wird schamhaft verschwiegen, "denn im eigenen Haus nicht Herr zu sein, gilt vielen als Schande" berichtet Rückert aus seiner Seminarerfahrung.

Wer aufschiebt, hat nach Überzeugung Rückerts ein ganzes Bündel von Problemen: Er neigt dazu, seine Arbeitsergebnisse überzubewerten, hat ein schlechtes Zeitmanagement und unterschätzt die Notwendigkeit, sich in Übereinstimmung mit wichtigen eigenen Zielen und der eigenen Motivation zu befinden. Aufschieber, sagt Rückert, "glauben, dass Widerstände durch eine Art Selbstzwang überwunden werden müssen und halten die Lust auf Arbeit für einen Mythos. So befinden sich solche Menschen häufig in bewusster oder unbewusster Opposition gegen genau die Ziele und Vorhaben, die sie verbal bejahen oder als notwendig einstufen."

Imagepflege statt guter Vorbereitung

Was weiß man über Menschen, die chronisch aufschieben? Sie kommen häufig zu spät, sind oft unvorbereitet, schlecht organisiert und haben schlechte Beziehungen zu Arbeitskollegen. Sie verbringen zu viel Zeit mit Projekten, die ohnehin scheitern. Sie vermeiden es, sich Rechenschaft über ihren Arbeitsstil zu geben und versuchen statt dessen, ihr Image zu pflegen.

Unternehmer und Führungskräfte können sich solche Verhaltensmuster eher nicht leisten. Doch sie üben ihre Tätigkeiten in relativer Einsamkeit und mit hoher Selbstverantwortlichkeit aus. Planungs- und Selbstmanagementschwächen begünstigen deshalb bei ihnen das impulsiv-vermeidende Aufschieben: Sie setzen dann als "Macher" viele Projekte in Gang, haben aber Schwierigkeiten mit dem langfristigen Controlling dieser Projekte.

Die Ursachen für hartnäckiges Aufschieben sind wie eine Zwiebel geschichtet - von außen nach innen. Für Rückert sind als deutliche Muster zu erkennen

fehlende oder ungeeignete Planungs-, Organisations- und Arbeitstechniken fehlende oder ungeeignete Selbststeuerungsfähigkeiten hohe Impulsivität, hohe Unachtsamkeit für den Prozess der Aufgabenerledigung, Mißerfolgserwartungen geringe Toleranz für Frustrationen und negative Emotionen uneindeutige Motivationslagen zu den Aufgaben oder ihrer Erledigung spannungsgeladene innere Konflikte unrealistische Ansprüche an sich selbst irrationale Einstellungen.

Dabei hat Aufschieben stets mehrere Gesichter. Für Rückert ist es vor allem ein "Vermeidungsverhalten zur Abwehr anders nicht mehr kontrollierbarer negativer Gefühle", aber auch ein (neurotischer) Versuch, "die eigene Selbstachtung vor Gefährdungen zu schützen". Für ein Aufschieben als "sich anbietenden Kompromiss zwischen Gefügigkeit und innerer Auflehnung" hat Rückert als Beispiel parat: "Die Aufgabe, die Ihr Chef Ihnen gegeben hat, empfinden Sie als Schikane, aber Sie trauen sich nicht, ihm das zu sagen. Also schieben Sie die Arbeit auf."

Rache ist süss, nur dummerweise ist sie auch ein Bumerang. Denn auch das Aufschieben aus diesen Motiven hat letztlich den Hintergrund, eine antizipierte Beschämung abzuwenden: Die meisten Menschen fürchten die Erkenntnis, dass sie ihren eigenen, oft überhöhten Idealen an Leistungsfähigkeit und Qualität nicht entsprechen. Diskrepanzen zwischen Soll und Ist werden mit Beschämung und Selbstabwertung erlebt. Im Grunde ist es eine ganz simple Gleichung: Je stärker Leistungen, Erfolge und äußere Anerkennung mit dem Selbstwertgefühl gleichgesetzt werden, desto größer erscheinen auch die Risiken von Pleiten, Pech und Pannen. Sie lassen sich durch das Aufschieben aber kurzfristig vermeiden. Rückert: "Ironischerweise zerstört diese Art des Selbstschutzes mittelfristig das, was gerettet werden sollte: Wenn Sie Ihre Vorhaben nie durchziehen, haben Sie keine Erfolge, untergraben Ihre Glaubwürdigkeit und ruinieren so auf Raten Ihr Selbstwertgefühl."

"Verlangen Sie nichts Unmögliches"

Der Ausweg aus diesem Dilemma? Rückerts "BAR-Programm" versucht es mit

Bewusstheit: Wissen über die wichtigsten Konflikte hinter dem Aufschieben, über Einstellungen, die es begünstigen und solchen, die ihm entgegenwirken.

Aktionen: Handlungen wie die, sich überprüfbare Ziele zu setzen, vernünftige Schritte zu planen und durchzuführen, angemessenes Zeitmanagement zu betreiben, Selbststeuerungstechniken anzuwenden und sich selbst zu belohnen.

Rechenschaft: Monitoring der erreichten Veränderungen durch das Führen eines Veränderungslogbuchs.

Für Psychologen Rückert besteht der erste und wichtigste Schritt in der Selbsterkenntnis. Sein Rat für Besserungswillige: Überprüfen Sie Ihre Befürchtungen auf deren realistischen Gehalt. Selbsterkenntnis können Sie umsetzen in mehr Selbstakzeptanz. Und: Verlangen Sie nichts Unmögliches von sich, sondern lernen Sie, sich realistische Ziele zu setzen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!