PROBLEME DER ADOLESZENZ : Häufig unterschätzt

Weitere Bluttaten wie in Winnenden befürchtet Annette Streeck-Fischer. Die Chefärztin der Abteilung Klinische Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen am Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn bei Göttingen sagt: „Wir hatten in den vergangenen Jahren junge Menschen als Patienten hier, die ohne Behandlung durchaus eine ähnliche Kurzschlusshandlung hätten begehen können“. Dieses „Ich mach’ Schluss und nehme noch einige mit, die mich genervt und gedemütigt haben“ sei Jugendlichen nicht fremd.

Streeck-Fischer ist eine der renommiertesten Fachärztinnen für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland. Seit langem beschäftigt sie sich mit den Problemen der Adoleszenz, des mit der Pubertät beginnenden Übergangs vom Kind zum Erwachsenen. Diese Probleme würden sehr vernachlässigt. „Wir wissen inzwischen, dass die körperliche Reife durch eine komplizierte Reorganisation der neuronalen Schaltkreise und Funktionsweise des Gehirns begleitet wird. Umgangssprachlich ausgedrückt: Die Emotionen sind in dieser Zeit besonders stark, aber das Gehirn ist oft noch nicht so weit entwickelt, dass es sie steuern oder kontrollieren kann.“ Daher seien Menschen im Alter zwischen 9 und 22 besonders anfällig für zerstörerisches und selbstzerstörerisches Verhalten wie Bulimie, Drogensucht, Suizid, Selbstverstümmelung und Gewalt gegen andere. Die Gesellschaft sei aus Unkenntnis über die Ursachen dieses Verhaltens häufig überfordert. „Eltern und Erziehern gelingt es oft nicht, sich auf diese neue Entwicklungsphase einzustellen und sie produktiv zu nutzen.“ Oft würde zu schnell aufgegeben.

Dann münde die Rat- und Hilflosigkeit von Eltern schnell in Gleichgültigkeit und emotionale Vernachlässigung: Man akzeptiere den Rückzug an den Computer, in die Clique oder in die Drogen.

Zudem habe der in die Sackgasse geratene junge Mensch heute ganz andere Möglichkeiten, um destruktive Phantasien relativ unbemerkt zu entwickeln. Dazu gehörten Gewaltvideos ebenso wie Killerspiele. Sandra Dassler

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