Zeitung Heute : Problemzonen des Alters: die Pflegeheime

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WIR WERDEN IMMER ÄLTER

„Im Vergleich zur demographischen Katastrophe ist der Zusammenbruch des Kommunismus unwichtig“, sagt der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauß. Das ist zugespitzt formuliert, aber kommt der Wahrheit doch ziemlich nahe. Die Alterung der Gesellschaft wird die europäische und besonders die deutsche Wirklichkeit in der Tat auf eine unerhörte Weise verändern. Schon heute steht Deutschland beim Durchschnittsalter nach Japan, Italien und der Schweiz an vierter Stelle. Im Jahr 2050 wird fast jeder Dritte über 65 sein. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt dann 84,5 Jahre bei Frauen, 80,5 bei Männern. Und das sind vorsichtige Schätzungen, manche Experten sprechen von 90, ja von 100 Jahren. „Eine Obergrenze der Lebenserwartung ist nicht in Sicht“, sagt das Statistische Bundesamt. 1965 lebten in Deutschland 8095 Menschen, die älter als 95 waren. Im Jahr 2000 waren es 114 000.

DIE PFLEGEFÄLLE NEHMEN ZU

Wenn Menschen älter werden, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie pflegebedürftig werden. Bis zum 70. Lebensjahr sind es nur 2,1 Prozent. Zwischen 80 und 85 Jahren steigt das Risiko, zum Pflegefall zu werden, schon auf 20 Prozent. Bei den über 90-Jährigen sind es schließlich 58 Prozent. Heute beträgt die Gesamtzahl der Pflegebedürftigen in Deutschland etwas über zwei Millionen . Bis zur Mitte des Jahrhunderts wird sich diese Zahl mindestens verdoppeln. Ein Pflegefall zu werden, ist dann nicht mehr die Ausnahme in einem Leben, sondern die Regel. Zugleich wird die Zahl möglicher Pflegekräfte geringer. Die Bevölkerung in Deutschland schrumpft. Jedes Jahr um 200 000. Mit statistischen 1,3 Geburten pro Frau liegt Deutschland am unteren Ende der internationalen Skala, die Ostdeutschen sind mit 1,1 Geburten Weltmeister im Kinderverweigern.

WIE ERKENNE ICH EIN GUTES HEIM?

Immer weniger Junge, immer mehr Alte: Wer ist dann noch da, sie zu pflegen? Der Ausweg heißt in vielen Fällen Pflegeheim. Es ist oft ein sehr unschöner Ausweg. Denn jedes dritte Heim, schätzt der Bundesverband Altenpflege, gehört zu den schwarzen Schafen, in denen statt guter Pflege gutes Geld gemacht wird, in denen Alte unter menschenunwürdigen Bedingungen hausen. Wie aber findet man ein gutes Pflegeheim? Woran erkennt man es? Leider gibt es keine objektiven Kriterien, kein Bewertungssystem mit Sternen etwa. Also wird man nach anderen Informationsquellen suchen müssen. Das Beste dafür ist, unangemeldet zu Besuch zu kommen und nicht nur mit der Heimleitung, sondern auch mit Bewohnern und möglichst auch mit Angehörigen zu sprechen. Ansonsten: dem gesunden Menschenverstand vertrauen! Wenn es im Heim zum Beispiel stark riecht, heißt das, dass Einlagen nicht häufig genug gewechselt werden. Das bedeutet wiederum, dass vermutlich zu wenig Personal beschäftigt wird. Das Wichtigste von allem aber ist, auf den Umgangston im Heim zu achten: Wie sprechen die Pfleger mit den Bewohnern? Sehr genaues Hinhören empfiehlt sich auch beim Gespräch mit der Heimleitung: Ist es der Jargon der Pflegeindustrie, oder spricht hier Herzlichkeit ? Wie die Menschen im Heim miteinander reden, das verrät fast alles: Wo liebevoll gesprochen wird, ist wohl auch ansonsten Menschenliebe zu Hause.

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