Zeitung Heute : Produktionsstandort: Lieber ins Grüne mit dem Betrieb

Harald Olkus

Die Berliner Innenstadt hat als Produktionsstandort der Industrie längst ausgedient. Die Stadt befindet sich mitten im Umbau zum Dienstleistungsstandort. Der Zuzug von Softwareunternehmen, Internet-Start-ups, Werbung und Medien, Verbänden und Politik sowie Repräsentanzen großer Unternehmen hat die Struktur der Innenstadt verändert - sieht so das Neue Berlin aus oder gibt es auch noch Platz für andere?

In den ehemaligen Rinderställen auf dem alten Schlachthofgelände an der Eldenaer Straße diskutierten in dieser Woche Bezirkspolitiker, Stadtplaner und Inhaber von Handwerksbetrieben darüber, ob das produzierende Gewerbe in der Innenstadt bereits als Fiktion anzusehen sei. Denn obwohl der Senat große Flächen für das verarbeitende Gewerbe vorhält und bislang in den Gewerbehöfen der Gewerbe Siedlungs Gesellschaft (GSG) preiswerte Mieten sicherte, stehen dort große Flächen leer oder werden zunehmend von Dienstleistern genutzt. Deshalb stellte sich die Frage, ob das produzierende Gewerbe die bestehenden Standortvorteile in der Innenstadt nicht wahrnimmt oder ob der Kreis der entsprechenden Betriebe mittlerweile so klein geworden ist, dass es sich gar nicht mehr lohnt, größere Flächen für sie zu reservieren.

Denn viele Firmen aus dem produzierenden Gewerbe haben sich bereits aus der Innenstadt verabschiedet. So ist auch die Mercedes-Druck GmbH nach dem Mauerfall von Kreuzberg an den Stadtrand gezogen. Die erschwerte An- und Auslieferung durch enge Straßen und die Verzögerung durch Staus, die Beschwerden von Anwohnern durch Lärmbelästigung aufgrund lauter Maschinen und die Nachteile der Geschossbauten, die eine kostengünstige Produktion auf einer Ebene erschwerten und den Fahrstuhl zum "Flaschenhals" werden ließen, waren für den 30-köpfigen Betrieb die Gründe für den Wegzug. Die Kundennähe, für andere Unternehmen ein wichtiges Motiv in der Innenstadt zu bleiben, spiele im grafischen Gewerbe eine untergeordnete Rolle, da die Kommunikation mit den Kunden und die Anlieferung von Druckvorlagen ohnehin weitgehend per Datenleitung stattfindet, sagt Firmenchef Henry Lassiwe.

Für Metallbauer Hans-Joachim Kunsch ist ein innenstadtnaher Standort dagegen ein Muss. Schnelle Reparaturen, häufiges Abmessen und Anpassen machen kurze Anfahrtswege notwendig. "Wenn wir ins Umland ziehen, stehen meine Mitarbeiter mehr auf der Straße als in der Werkstatt", sagt Kunsch. Die dortige Konkurrenz kann diesen Nachteil allerdings durch niedrige Grundstückspreise und billigere Arbeitskräfte ausgleichen. "Komplizierte Dinge im Handwerk müssen aber im Zentrum gemacht werden", ist Kunsch überzeugt. Steigende Mieten würden den wirtschaftlichen Spielraum von Firmen, die sich auf die Innenstadt angewiesen sehen, aber immer weiter schrumpfen lassen.

Andere deutsche Großstädte haben die Abwanderung des produzierenden Gewerbes an den Stadtrand bereits hinter sich. "Dort denkt man mittlerweile wieder um", sagt Stadtplanungsexperte Dieter Läpple von der Technischen Universität Hamburg, "und entdeckt die Innenstadt als Standort neu." Handwerksbetriebe sichern die Versorgung der Bevölkerung, stärken die soziale Integration durch die Schaffung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen und tragen so zur Stabilität der Innenstädte bei. Zwar werde auch künftig ein Großteil der Unternehmen gut am Stadtrand aufgehoben sein, aber die steigenden Energiekosten würden sich in Zukunft viel stärker auf Mobilität und Siedlungsstruktur auswirken als heute. "Da sind wir erst am Anfang der Entwicklung." Die steigenden Mietpreise müssten die Betriebe durch höhere Qualität und "Zeitführerschaft" aufgrund der kurzen Wege auffangen. Für Läpple könnten sich innerstädtische Handwerker mehr in Richtung Kunsthandwerk entfalten, Tischler zum Beispiel hochwertige Möbel produzieren. Um Probleme mit den Anwohnern zu vermeiden, müsste allerdings in den Lärmschutz investiert werden. Möglichkeiten, die Nachteile der Innenstadtlage mit technischen Mitteln auszugleichen, seien vorhanden. Die strenge Trennung zwischen Dienstleistung und produzierendem Gewerbe könne ohnehin nicht aufrecht erhalten werden. Moderne Innenstadtbetriebe müssten sich zu Mischformen entwickeln.

Wirtschaftsstadträtin Ines Saager will den an Gewerbeflächen knapp ausgestatteten Bezirk Prenzlauer Berg für das produzierende Gewerbe offen halten und nicht ausschließlich zum Mekka für die IT-, Internet- und Werbebranche werden lassen. Da das Entwicklungsgebiet an der Eldenaer Straße noch eine Leerfläche ist, könnte es noch gestaltet werden. Durch die Distanz zu den umliegenden Wohngebieten wäre das Gelände ideal für das produzierende Gewerbe, weil dadurch eine gewisse Lärmentwicklung möglich wäre. Kritiker vermuten jedoch, dass das ehemalige Schlachthofgelände vermutlich kein preiswerter Gewerbestandort am Rand der Innenstadt wird. Das Areal ist als Kern- und Mischgebiet ausgewiesen, dadurch sind höhere Mieten bereits vorprogrammiert.

Gleichzeitig zeigt das anvisierte Gewerbe bisher wenig Interesse an dem Standort. Die preisgünstigen Mietflächen der Berliner Landesentwicklungsgesellschaft (BLEG), die mit Bundes- und EU-Mitteln ehemalige Rinderställe zu Handwerker- und Gewerbehöfen ausbauen will, sind kurz vor Baubeginn zur Hälfte vermietet. Handwerker sind kaum darunter.

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