Zeitung Heute : Produktiv am heimischen Schreibtisch

Christine Wittenzellner

Telearbeiter sind motiviert und arbeiten konzentrierter als die Kollegen und Kolleginnen in den FirmenbürosChristine Wittenzellner

Sie stehen nicht im Verkehrsstau und brauchen auch nicht auf Bus und Bahn zu warten, um ihrer täglichen Arbeit nachzugehen. Teleworker erbringen ihre Arbeitsleistung aus der Ferne ("tele"). Computer, Fax und Telefon sind ihre Verbindungswege vom heimischen Schreibtisch zum Arbeitgeber. Was früher nur Freiberuflern vorbehalten war, wird für zunehmend mehr Festangestellte Realität. Auch hat Telearbeit längst den negativen Beigeschmack von Heimarbeit und niedrigqualifizierter Arbeit abgelegt. In Betriebsvereinbarungen abgesichert, behalten die Telearbeiter den selben sozialen Status wie ihre anderen Kollegen und Kolleginnen. Sie arbeiten selbstbestimmt und häufig auch motivierter.

Beim Vorreiter der Telearbeit, der IBM, sind in Deutschland weit über 4000 Mitarbeiter ausgewiesen. Es sind Mitarbeiter, die weniger als 50 Prozent ihrer Arbeitszeit an einem Firmenschreibtisch verbringen. Nach den Worten von Werner Zorn, Projektleiter Telearbeit bei der IBM Deutschland Informationssysteme GmbH, kommen "noch einige tausend Mitarbeiter hinzu, die gelegentlich Televerbindungen nutzen - und das mit steigender Tendenz". Vor allem sind es Leute im Vertrieb und im technischen Außendienst, die das "Shared-Desk-Konzept" praktizieren, was heißt, sie haben keinen eigenen Schreibtisch mehr in der Firma.

Zum Beispiel Diether Godbersen, Vertriebsbeauftragter der IBM, in Berlin. Seit 1995 erledigt er den größten Teil seiner Schreibtischarbeit von zu Hause aus. Rund ein Drittel seiner Arbeitszeit ist er ohnehin unterwegs zu Terminen mit Kunden oder Kollegen. Für Arbeiten, die er im Firmengebäude erledigen muss, findet er in den "Shared Desk"-Büroräumen einen Schreibtisch. Der 56-Jährige sagt: "Ich arbeite ungestörter und konzentrierter". Zudem spare er die täglichen Fahrzeiten ein. Damit der Austausch mit Kollegen nicht zu kurz kommt, plant Godbersen häufig ein Treffen zum Essen oder in der Cafeteria ein.

Arbeitsform der Zukunft

Nach einer Studie der empirica-Gesellschaft für Kommunikation und Technologieforschung in Bonn arbeiten in Finnland bereits 18,6 Prozent der Erwerbstätigen von zu Hause aus für ihren Arbeitgeber. Deutschland nimmt innerhalb der EU-Länder mit derzeit sechs Prozent an Telearbeitsplätzen im EU-Durchschnitt nur einen Mittelwert ein. Teleworking gilt als Arbeitsform der Zukunft, davon ist auch IBM-Manager Zorn überzeugt. "Die Mitarbeiter wollen es, die Nachfrage ist absolut ungebrochen." Die Empirica-Studie widerlegte auch das Vorurteil, Telearbeiter seien unproduktiver und ihre Leistungen von minderer Qualität. Die Hälfte aller Telearbeiter, so die Forscher, arbeiten rund zehn Prozent länger, als vertraglich vereinbart wurde. Oft sind die Telearbeiter hochmotiviert und erbringen überdurchschnittliche Leistungen. Die Ursachen dafür: Sie können Arbeit und Freizeit optimal an ihre persönlichen Bedürfnisse anpassen, ihre Selbstständigkeit ist viel größer. "Telearbeiter sind produktiver", bestätigt auch Zorn. Interne Befragungen brachten bei der IBM zu Tage, dass etwa ein Fünftel der Teleworker sogar um "20 bis 30 Prozent produktiver" sind. Das Shared-Desk-Konzept spart außerdem Büroflächen und Equipment.

Es ist weniger die fehlende Technik, die das Voranschreiten der Telearbeit bremst. Vorwiegend sind es die Chefs, die sich dagegen sträuben. Sie befürchten den Verlust von Macht und Status. Auch schlechte Führung fällt eher auf. Die Chefs müssen besser delegieren, gut planen und alle notwendigen Informationen, die der Fernarbeiter braucht, zeitgerecht weitergeben. "Der Knackpunkt ist die Führungskraft. Wenn die nicht will, weil sie glaubt, sie verliert die Kontrolle über den Mitarbeiter, dann funktioniert es nicht", erinnert sich Zorn an den Anfang der Telearbeit bei der IBM. Argumente wie "In meiner Abteilung geht das nicht", waren tabu. Die Chefs mussten beweisen warum. Seit dem Jahr 1991 gibt es eine Gesamtbetriebsvereinbarung zu außerbetrieblichen Arbeitsplätzen, seit 1995 eine weitere zu flexiblen Arbeitsplätzen.

Einmaleins des Vertrauens

Schriftliche Vereinbarungen sind notwendig, aber noch kein Garant für Erfolg. Wichtig sind für Projektleiter Zorn diese Punkte

Vertrauen. Die Teleworker-Kultur ist eine Vertrauenskultur. Anwesenheitszeit ist kein Kriterium mehr. Ein konsequentes Management-by-Objektives rückt in den Mittelpunkt, also ergebnis- und kundenorientierte Zielvorgaben und nicht formale Kontrollen.

Jour Fix, Meetings und informelle Treffen sind für die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Führungskraft und Mitarbeiter notwendig.

Keine Zusatzarbeitsverträge. Die Teleworker bleiben im Beispiel IBM der Niederlassung als formellem Arbeitsort zugeordnet.

Die Mitarbeiter haften zu Hause - wie im Unternehmen - "nur für Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit".

Arbeitsunfälle am heimischen Arbeitsplatz sind durch Beiträge zur Berufsgenossenschaft abgedeckt.

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