Zeitung Heute : Professor Superstar

Dieter Bohlen an der Universität – ist das ihr Untergang? Warum die Spaßhochschule Zukunft hat. / Von Erik von Grawert-May

-

Der Krach an der Fachhochschule Lausitz in Senftenberg ist selbst außerhalb Brandenburgs registriert worden. Zur Erinnerung: Es geht um eine Einladung an Dieter Bohlen, am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften aus seinem Buch „Nichts als die Wahrheit“ zu lesen und zwar im Rahmen einer Vorlesung für Erstsemester.

Als Bohlen von den Querelen hörte, musste er, so heißt es, an die alten Auseinandersetzungen um E und U-Musik denken. Ein überraschender Vergleich. Er hat etwas Verführerisches. Wenn die Musik tatsächlich eine Vorreiterfunktion hätte, stünden wir am Anfang einer fruchtbaren Debatte über ernste und unterhaltende Wissenschaft. Letztere hätte zwar große Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen, aber irgendwann würde die öffentliche Meinung sie genauso akzeptieren, wie sie die Unterhaltungsmusik akzeptiert hat.

Die Zeichen stehen günstig. Die Universität Würzburg untersuchte in einem linguistischen Einführungsseminar für Germanisten die besondere Sprache Bohlens, während ihm die Hamburger Musikhochschule gleich eine Gastvorlesung anbot. Wenigstens die Unis haben keine Scheu vor dem Popstar. Anders sieht es freilich bei Fachhochschulen aus, zumindestenst bei denen, die in Randgebieten liegen.

Auf den offiziellen „Wissenschaftstagen“ der FH Lausitz Ende vergangenen Jahres wurde die Einladung an Bohlen als peinliche Provinzposse bezeichnet. Der Dekan des Fachbereichs Bio-, Chemie- und Verfahrenstechnik warnte vor einer Senkung des Ausbildungsniveaus. Nun neigen Naturwissenschaftler von vornherein dazu, Wirtschaftler als Geisteswissenschaftler abzutun. Aber auch aus den eigenen Reihen hagelte es Vorwürfe. Sie gipfelten darin, dass man eine Biographie wie „Nichts als die Wahrheit“ nicht zur Pflichtlektüre machen könne. Schließlich sei man keine Spaßhochschule. Bestimmte Verhandlungspartner nähmen die Fachhochschule nicht mehr ernst. Die Sache erweise sich bereits als geschäftsschädigend. Man fürchte um die Berufschancen der Absolventen. Für den Fall, dass Bohlens Buch weiter behandelt werde, kündigte ein Steuerrechtler massiven Widerstand an.

Spätestens an dieser Stelle würde selbstverständlich der Spaß aufhören, gäbe es nicht auch Kollegen, die die Einladung befürworten. Vor allem die Marketingexperten meinen, dass solche Affären einer Hochschule wie dieser nur gut tun könnten – sie profitiert vom Gerede, in das sie kommt. Es erhöht ihren Bekanntheitsgrad, der trotz nachweislich respektabler Ausbildungsleistungen einfach zu gering ist. So gesehen, hätten die Kritiker dazu beigetragen, die FH in die Schlagzeilen zu bringen. Bohlen selbst, dessen Marketingqualitäten vor kurzem von der Zeitschrift „absatzwirtschaft“ auch einem wissenschaftlichen Publikum präsentiert wurden, wird wahrscheinlich weniger gern dort hingehen, wo Zufriedenheit herrscht, als dorthin, wo es Streit gibt, wo etwas los ist. Das steigert die öffentliche Aufmerksamkeit.

Schwer vorauszusagen, wie die Kritiker reagieren werden, wenn sie merken, dass sie sich selbst das Wasser abgraben. Ob sie ihren Widerstand aufgeben, je mehr sie erkennen, dass Bohlen nicht der Mann ist, für den sie ihn halten? Kaum ein Medienstar ist so verkannt worden wie er. Arroganter Kotzbrocken, Primitivling, Frauenverächter. Ungefähr allem, was unserer Auffassung von Emanzipation entspricht, schien er sich zu widersetzen. Erst sein Buch und dann die TV-Serie „Deutschland sucht den Superstar“ zeigten einen Künstler der leichten Muse, der sein Handwerk versteht – und richtig sympathisch sein kann.

Über Nacht zum Liebling der Nation

Das hat sich inzwischen herumgesprochen. Vor allem bei den Frauen von der Mensa der hiesigen Fachhochschule hat Bohlen sehr gewonnen. Vielleicht, dass seine Widersacher, wenn sie essen gehen, sich von diesen Frauen zu einer anderen Sicht auf die Dinge bewegen lassen. Was geht nicht alles durch den Magen! Der Sympathiezuwachs beschränkt sich jedoch nicht auf den Senftenberger Campus. Allgemein hat sich das Bild, das man sich von Bohlen macht, gewandelt. Fast über Nacht ist er zum Liebling der Nation geworden. Sollte er über dem verlockenden Angebot aus Hamburg die Einladung nach Senftenberg nicht vergessen haben und ihr weiterhin Folge leisten wollen, wäre ein regelrechter Run auf die Hochschule zu erwarten. Keiner, den man trifft, der nicht fragte, ob er nicht hinkommen dürfe. Alles ganz normale Bürger aus der Stadt. Noch vor ein paar Monaten war die Unterstützung nicht annähernd so einhellig.

Was sich – wenigstens in Senftenberg – feststellen lässt, ist eine seltsame Verkehrung: Die Professoren, die sich eigentlich für Bohlen interessieren müssten (und sei es nur wegen seines durchschlagenden Markterfolgs) sind gegen die Einladung – Ausnahmen bestätigen die Regel –, die Bürger sind dafür. Zum ersten Mal in ihrer zehnjährigen Geschichte trifft eine Hochschulveranstaltung auf reges Interesse seitens der Stadt. Besser kann es für einen jungen Hochschulstandort eigentlich nicht kommen. Tun wir mal so, als würde sich dahinter das Zukunftsbild einer wissenschaftlichen Bildungsanstalt in U-Form verbergen. Wie könnte es aussehen?

In Zeiten knapper Kassen, in denen Wissenschaft und Forschung mit Recht darauf pochen, von Sparprogrammen jeglicher Art verschont zu bleiben, sollte jede universitäre Einrichtung darauf bedacht sein, sich ihrem Finanzier, dem Steuerzahler, gegenüber möglichst zuvorkommend zu erweisen und auf sein Verständnis Rücksicht nehmen. Was so schön „sich der Gesellschaft öffnen“ heißt und sowieso seit langem als universitärer Anspruch mal mehr, mal weniger verfolgt wird, bekäme in finanziellen Notlagen einen zusätzlichen Sinn.

Nehmen wir die Betriebswirte als Beispiel. Sie eignen sich nicht bloß deshalb, weil Bohlen selber Betriebswirtschaft studiert und sein Studium als Diplom-Kaufmann abgeschlossen hat, sondern weil Betriebswirte den Aspirationen einer Gesellschaft, der das Problem der Arbeitslosigkeit auf den Nägeln brennt, am stärksten ausgesetzt sein dürften. Jedenfalls ist der Erwartungsdruck enorm.

Marketing ist ein relativ junges Fach im Rahmen betriebswirtschaftlicher Ausbildung. Je mehr die Verkäufermärkte sich in Käufermärkte verwandelten, desto wichtiger wurde es. Heute steht es neben Fächern wie Rechnungswesen, Steuern, Controlling, Organisation und Führung usw., die den bewährten Kanon rationaler BWL ausmachen, gleichberechtigt da. Ohne Anwendung von Vermarktungswissen geht eben gar nichts mehr.

Die Marktveränderungen reagieren ihrerseits auf Veränderungen in der Gesellschaft. Greifen wir exemplarisch die Konsumsphäre heraus. Der durchschnittliche Konsument von heute ist keiner, der nur Versorgungskäufe vornimmt. Immer interessanter werden für ihn sogenannte Erlebniskäufe, die sich nahtlos in das von Soziologen entworfene Bild der Erlebnisgesellschaft einfügen. Das Mitglied einer Erlebnisgesellschaft wird jedoch ganz andere Erwartungen an die Vermittlungskünste von Betriebswirten stellen als es früher der Fall war.

Warum sollte deshalb nicht das Marketing eine Art Unterhaltungsfunktion der BWL als Wissenschaft übernehmen? Wegen seiner grundsätzlichen Nähe zu den Märkten würde das Fach am ehesten der Aufgabe, Vermittlungsdienste in die Gesellschaft hinein zu leisten, gerecht werden können. Ab und zu sollte es sogar selber für Events auf dem Campus sorgen dürfen, damit die gewandelten Erwartungen der Gesellschaft wenigstens halbwegs erfüllt werden.

Es wäre vergleichbar den TV-Events, die sich an das von Action-Filmen verwöhnte Publikum wenden. Man sehe einen Abend lang das Sat.1-Programm, und man wird wissen, worum es sich handelt – die Psyche des Zuschauers, powered by emotion. Er gerät schon am TV-Schirm außer Atem.

Das muss nicht heißen, diese Atemlosigkeit gleich hundertprozentig nachzuahmen, aber ohne die Zuhilfenahme solcher Aktionsformen wird man bald keinen Hund mehr hinterm Ofen hervorholen. Einstweilen mag es für den Bereich der Wissenschaft genügen, an der bedächtigeren Form der Erlebnisvermittlung festzuhalten. Die war beispielsweise gegeben, als Thomas Gottschalk an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität aus dem Buch Bohlens vorlas, um einer verlorenen Wette aus „Wetten dass“ nachzukommen. Wer es im Fernsehen verfolgt hat, weiß, wie der Showmaster die Studenten beeindruckte. Es war für sie ein besonderes Erlebnis – eine Gaudi, ein fröhliches Fest, wie es nur noch selten im öffentlichen Raum von Universitäten begangen wird. Vollversammlungsstimmung wie in Tunixtagen!

Ein ähnliches Fest würde Senftenberg erleben, wenn statt Gottschalk Bohlen selbst aus seinem Buch vorliest. Mit dem Unterschied, dass die Studenten diesmal nicht unter sich sein werden. Falls nur die Hälfte der Leute, die sich angesagt haben, kommt, wären die Studiosi schnell in der Minderheit. Solchen Gästen dürfte die Notwendigkeit einer prioritären Hochschulfinanzierung leichter einsichtig zu machen sein. Ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt: Die Stadt, die am südlichen Rand der Niederlausitz liegt, am Rand einer Randregion, doppelt randständig sozusagen, würde bekannter werden. Gut für Industrie-Ansiedlungen, gut für den Tourismus, gut für alles, was man sich denken kann.

Gesellschaft der Griesgrame

Aber Senftenberg ist nicht Hamburg. Der Grund, weshalb die Naturwissenschaftler der FH Lausitz am frühesten Alarm schlugen und sich gegen ihre vermeintliche Provinzialisierung zur Wehr setzten, mag zum einen an der notorischen Marktferne naturwissenschaftlichen Denkens innerhalb deutscher Bildungseinrichtungen liegen – ein Umstand, der sich bei den Unternehmen in der nur langsam schwindenden Vorliebe für die Eigenwilligkeit technischer Konstruktionen fortsetzt.

Zum anderen wird die Tatsache, dass Naturwissenschaftler an Hochschulen der neuen Bundesländer meist aus diesen selber stammen, zu einer größeren Scheu vor der Marktgängigkeit des zu vermittelnden Wissens beigetragen haben. Auch, dass es sich bei dieser Bildungseinrichtung nur um eine FH handelt, dürfte ins Gewicht fallen. Fachhochschulen müssen sich trotz der Gunst, die sie wegen ihres stärkeren Praxisbezugs bei Bildungspolitikern genießen, gegenüber den würdigeren Universitäten erst einmal behaupten. Was angesichts der geringeren Dotierung des Hochschulpersonals nicht so ganz einfach ist und dieses Personal – wahrscheinlich unbewusst – zu größeren Anstrengungen, seriös zu erscheinen, verpflichtet. Unis sind da wesentlich liberaler.

Treten diese Phänomene geballt auf, verwandelt sich die betreffende Lehranstalt leicht in einen Elfenbeinturm. Dessen extreme Erscheinung wäre der Staat im Staate: Hochschulen würden sich von der Gesellschaft, die doch ihr Geldgeber ist, abkapseln. Um dem vorzubeugen, könnte die Marketingdisziplin eine weitere Aufgabe übernehmen: Hochschul-Marketing. Das Fach würde seine Funktion als U-Wissenschaft nur in einem größeren Maßstab ausüben: statt bloß auf der Ebene der Betriebswirtschaft nun hochschulweit.

Entstehende Mehrausgaben dürften sich rechnen, da nicht nur die Leistungen der scheuen Naturwissenschafler öffentlichkeitswirksamer umgesetzt würden, sondern auch die Bildungsinstitution als Ganze glänzender in Erscheinung treten könnte.

Mehrausgaben müssten jedoch nicht notwendig entstehen. Heute werden Verwaltungsprozesse zunehmend ausgegliedert und dadurch rationalisiert („Business Process Outsourcing“, BPO). Nebeneffekt: Die gesamte Verwaltung wird flexibler. Selbst wenn kein BPO betrieben würde, müsste die Sache nicht teurer werden. Die hauseigenen Marketing-Strategen der BWL wären bestens in der Lage, die Angelegenheit zu managen. Das einzige, was nottäte, wäre, dass die Hochschulleitung entsprechende Entscheidungen träfe.

Ein Horrorbild? Hamburg hat gezeigt, wie locker Bildungsanstalten mit Popgrößen wie Bohlen umgehen können, ohne sich einen Zacken aus der Krone zu brechen. Schon jetzt sind die Musikstudenten der Hansestadt zu beneiden. Kein Zweifel, dass sie mindestens genauso viel Freude am Unterricht haben werden wie die Würzburger Germanisten, denen das Einführungsseminar in die linguistischen Probleme des Bohlen-Talks nach eigenem Eingeständnis „megamäßigen“ Spaß gemacht hat. Was kann sich eine Hochschule Schöneres wünschen? Soll Lernen etwa keinen Spaß machen? Was haben jene Hochschullehrer im Sinn, die davor warnen, eine Spaßhochschule zu werden? Was für Geschäftspartner sind das, die solche Vorwürfe machen?

Wenn es so einfach wäre! Nach wie vor wird Bohlen die Öffentlichkeit spalten. Auch wenn mit seinem gewandelten Bild die Polarisierung langsam abnehmen dürfte. Solange sie anhält, werden sich Fachhochschulen schwerer tun als Universitäten, mit einer lustigen Person wie ihm offensiv umzugehen.

Die Wissenschaften werden weiter E-Wissenschaften bleiben und sich hüten, in die Niederungen des Unterhaltsamen hinabzusteigen. Und da in Deutschland die Schwierigkeiten im Umgang mit der leichten Muse ohnehin unterschätzt zu werden pflegen, ist ein gerüttelt Maß Kärrnerarbeit zu leisten, ehe E&U in den Wissenschaftseinrichtungen so vertraut werden wie in der Musikbranche.

Den Kritikern der Spaßhochschule wäre derweil zu raten, eine Gesellschaft der Griesgrame zu gründen, am besten als gemeinnützigen Verein, damit es sich steuerlich auch lohnt. Wir schau’n doch eh so gerne grimmig drein.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!