Zeitung Heute : Programmiert glücklich - Jetzt bescheinigt eine Studie der Serie "entspannende Wirkung"

Uta-Maria Heim

Jedes Kleinkind kennt sie, die pummeligen Frottee-Puppen mit Tellerohren, Babygesicht und Antennen auf dem Kopf. Tinky Winky ist lila, Dipsy grün, Laa-Laa gelb und Po rot. Aber das Kleinkind kennt nicht allein die "Teletubbies". Es ist vertraut mit Tubby-Toast und Tubby-Brei und dem Geblinke von Noo-Noo, dem Staubsauger. Es wundert sich weder über die Windmühle noch über die echten Kaninchen, die um das Superiglu und den ganzen Techno-Klimbim herumhopsen.

Jeden Abend kommt die Kreation von BBC und der Produktionsfirma Ragdoll per Fernseher in die Kinderzimmer, auf dem besten Sendeplatz um 18 Uhr 30 im Kinderkanal von ARD und ZDF, sonnabends im Ersten um 8 Uhr 30. In Großbritannien startete die umstrittene Serie vor dreieinhalb Jahren, bei uns vergangenen März. Inzwischen sind die vier außergalaktischen Aliens im Strampelanzug weltweit zu einem Kassenschlager geworden, sie brabbeln sich in 21 Sprachen durch 120 Länder und erwirtschaften - völlig unkindlich - Milliarden.

Aber wovon die Leute mit den ersten Zähnen nicht genug bekommen können, erscheint denen mit den zweiten und dritten Zähnen schlicht "blöd". Medienkritiker und Kinderärzte warnen sogar: Zu früher und unkontrollierter TV-Konsum, Konzentrationsschwäche und Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens und, als grausamste Nebenwirkung, möglicherweise eine gestörte Sprachentwicklung.

ARD und ZDF haben jetzt gekontert. Eine am Dienstag vorgestellte Studie des Kinderkanals kommt zu dem Urteil, die Teletubbies seien für Kleinkinder unterhaltsam und förderten deren Entwicklung. Nach Angaben der Studie vermittelt die Sendung eine ruhige und frohe Stimmung, die den Kindern helfe, sich zu entspannen. Im Vorschulalter seien die Tubbies problemlos zu verarbeiten und böten Anregung zum Mitmachen, was durch lange Bildeinstellungen langsame Schnitte, Wiederholungen sowie die sprachliche und musikalische Gestaltung ermöglicht werde.

Viele Eltern fürchten die Teletubbies trotzdem. Je höher das familiäre Bildungsniveau, desto entschlossener wird versucht, die Kinder von diesen zwanzig Minuten fernzuhalten. Auch Kinder, die älter als acht Jahre sind, fühlen sich von der heilen Teletubbiewelt häufig bedroht. Alles wirkt so gesund und programmiert glücklich. Wenn die Bilderbuchsonne mit dem grinsenden Babygesicht untergeht, reicht es nach dem letzten "Winke-winke" wirklich.

Die Milchzahn-Fraktion ist bezaubert, grade die Söhne und Töchter aus intellektuell geprägten Haushalten, die bereits exakt sprechen gelernt haben und zu jedem beliebigen Thema einen klugen Satz sagen können. Diese bewussten Konsumenten zwischen vier und acht Jahren antworten sehr klar auf die Frage, warum sie die "Teletubbies" mögen: "Weil sie so lustig sind und nicht sprechen können." Eine Welt ohne Konflikte, ohne Referenz zur Erwachsenen-Welt. Genau das hat Anne Wood, die mit Ragdoll die "Teletubbies" konzipiert hat, beabsichtigt. Konsequent folgt die Dramaturgie den Mustern kleinkindlicher Wahrnehmung. Es gibt kein Ich und keine sinnhafte Sprache. Vier- bis Achtjährigen durchschauen zwar diese überwundenen Schemata, nutzen sie aber gleichzeitig, um nochmals in jene archaisch anmutende Welt zurückzukehren.

"Ein kleines Kind kann von sich aus wenig tun und fühlt sich deswegen manchmal so enttäuscht, dass es aufgibt", schreibt der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim in seinem Buch "Kinder brauchen Märchen". "Das Märchen verhütet dies dadurch, dass es der kleinsten Leistung außerordentlichen Wert beimisst und die wunderbarsten Folgen verheißt." Genau darum geht es bei den "Teletubbies"! Sie lösen Bettelheims kämpferische Forderungen nach einer kindgerechten Erzählweise radikal ein. Die Kleinen lieben diese Serie, weil sie sich von deren Schlichtheit ermutigt fühlen. Weshalb kein animistisch betriebener Techno-Staubsauger, weshalb kein magischer Duschkopf?

Von Februar an gibt es diese Kleinkinder-Vorabendserie, die erste und einzige außer dem "Sandmännchen", sonnabends sogar auf Englisch. Um "den Kindern einen spielerischen Zugang zum Erlernen einer Fremdsprache" zu bieten, so der Programmchef Albert Schäfer. Ah-oh! Ja, weiß er denn nicht, dass die "Teletubbies" gar nicht richtig sprechen können?

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