PROLETROCKHaudegen : In den Gassen von Marzahn

Da müssen seine alten Fans schon ein paar Kröten schlucken: Wenn Hagen Stoll (rechts) als bessere Hälfte seines neuen Projekts Haudegen mit heiserem Organ üppig orchestrierte Softrock-Balladen und moralgesättigte Durchhaltetexte zum Besten gibt, ist er seinem erklärten Vorbild Klaus Lage, dem König des Düsterschlagers Unheilig und sogar Beichtbruder Xavier Naidoo näher als seinem früheren HipHop-Alter-Ego Joe Rilla. Als der hatte Stoll auf dem Label Aggro Berlin die zornige Stimme des Ostens markiert, den Möchtegern-Gangster aus Marzahn. Nun zeigt er sich in mehrfacher Hinsicht geläutert und gehäutet. Mit seinem Kumpel Sven Gillert (links), schon als Tyron Berlin sein rappendes Anhängsel, posiert er in nostalgischen Malocherklamotten und in authentischen Locations wie der Gastwirtschaft Leydicke, was Erinnerungen an das proletarische Berlin von Alfred Döblin und Heinrich Zille oder an den Filmklassiker „Kuhle Wampe“ (1932) wachrufen soll.

Das Rekurrieren auf eine Zeit, in der klassische Arbeiterwerte, die Stoll mit „Anstand, Respekt, Toleranz, Fleiß“ umreißt, im Zentrum einer proletarischen Identitätsbildung standen, bildet einen scharfen Kontrast zur Gegenwart eines entwurzelten Prekariats, dem in Form von Scripted-Reality-Shows, Atzen-Techno oder Proll-Comedy noch höhnisch ein Zerrspiegel vorgehalten wird. Haudegen dagegen nehmen mit den gossenpoetischen Gassenhauern ihres Debütalbums „Schlicht & Ergreifend“ die Nöte der sogenannten Unterschicht ernst, ohne eilfertig auf „die da oben“ zu zeigen. Das ist nicht wenig, wenn man bedenkt, wie leicht die berechtigte Wut auf die Verhältnisse in reaktionäre Ressentiments umschlagen kann.Jörg Wunder

Passionskirche, Fr 23.12., 20 Uhr, 30 €

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