Zeitung Heute : Prosit auf die Rentnergang Helmut Schümannn sieht auf dem Brocken gute alte Dinge

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Auf den Brocken kommt man am besten zu Fuß. Aber, liebe Leute, es ist WM und nicht die Zeit für eigene sportliche Exzesse. Wir haben die Harzer Schmalspurbahn genommen. Unten im Tal tobt die WM. Am Fuße des Brockens zischt die Dampflokomotive. Man kann in den alten Waggons sitzen oder draußen auf der Plattform stehen. Die Ur-Plattform. Es gibt echte Fahrkarten, die werden geknipst. Im Buffetwagen kann man Schweinsöhrchen kaufen und Puffreis. 2006! Im WM-Jahr!

Um zum Fußballschauen auf den Brocken zu fahren, muss man schon gaga sein. Aber es ist wunderbar. Oben im siebten Stock des Brockenhauses stehen im Restaurant zwei Fernseher. Als wir reinkommen, sitzen vor dem einen Fernseher ein paar ältere Herrschaften. Vier Rentner, zwei Rentnerinnen. Sie schauen Fußball, sie freuen sich, sie haben Spaß, ihre Kommentare weisen sie als Kenner aus. Eine Rentnergang. „Hömma, hömma“, sagt Ernst zu Gerd, „wenn ich dat Angela im Fernsehen sehe, die guckt ja immer zuerst zu dem Zwanziger. Und wenn der klatscht, klatscht die Kanzlerin auch. Wenn der nix macht, macht dat Angela auch nix.“ Gerd lacht, die anderen lachen auch. Später erzählt die Gang, wer sie ist und woher sie kommt. Also, das ist der Kern der Alpenvereinssektion Wuppertal-Barmen, alle, bis auf einen, sind weit über siebzig. Sie sind unterwegs auf dem Harzer Hexenstieg, Osterode – Thale, 104 Kilometer, sieben Tage brauchen sie dafür. Und wenn, wie dieser Tage oft, der Fußball am Wegesrand liegt, dann wird er eben mitgenommen. „Hömma, und der Köhler, der guckt immer so, als müsse er den Beckenbauer fragen, wat Abseits ist.“ Ernst, der mal Handelsvertreter war, fotografiert noch mit einer Spiegelreflexkamera, Gerd, der bei der Post im gehobenen Dienst war, frozzelt ihn an. „Du mit deiner alten Kamera, was hast du davon?“ Gerd fotografiert digital. „Viereckige Fotos“, sagt Ernst. Es gibt sie noch, die guten alten Dinge. Die Gangmitglieder kennen sich seit über 30 Jahren. So lange laufen sie miteinander. Es gibt keine Geheimnisse mehr untereinander, auch kein Misstrauen. Als einer austreten muss und die Kellnerin eine neue Bestellung aufnimmt, wird für den Abwesenden ein neues Bier geordert. Als er wiederkommt und das Bier dasteht, ist er nicht einmal überrascht, es ist selbstverständlich, dass die Freunde wissen, was er will. „Prost, auf uns.“ Auf die Gang. Das Land hat schon sehr schöne Ecken und Seiten. Wir müssen wieder runter, in den Lärm, die Reise geht weiter nach Hamburg.

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