Zeitung Heute : Proteste gegen Jiang Zemin im Hotel Adlon

Der Tagesspiegel

Anhängern der Falun-Gong-Sekte ist es im Hotel „Adlon“ gelungen, ihren Protest gegen die Verfolgung ihrer Glaubensgenossen in China unmittelbar an den Adressaten zu richten: Gleich zwei Mal wurde Staatspräsident Jiang Zemin während seines Berlin-Besuchs nach Angaben von Falun-Gong-Sympathisanten in seinem Domizil mit Parolen gegen seine Politik konfrontiert, wurde gestern bekannt. Daraufhin wurden etwa zwölf Hotelgäste aufgefordert, ihre Zimmer zu räumen, wie ein Sprecher des Bundeskriminalamtes bestätigte. Das BKA ist für die Innensicherung von Jiangs Besuchsorten zuständig.

Falun-Gong-Anhänger aus China, den USA, Kanada, Schweden und Deutschland hatten sich im „Adlon“ eingemietet, nachdem sie erfahren hatten, dass Jiang dort wohnen wird. Nach Angaben von Peter Recknagel, einem Frankfurter Sinologie-Studenten, kam es am Dienstag früh zum ersten Vorfall. Zwar sei die Lobby des Hotels geräumt worden, bevor Jiang das Hotel verließ. Einige Gäste hätten aber an der Rezeption gestanden, als der Präsident erschien. Eine Frau habe in unmittelbarer Nähe von Jiang auf Chinesisch gerufen: „Hören Sie auf mit der wahnsinnigen Verfolgung. Sonst landen Sie in der Hölle!“ Ein chinesischer Personenschützer habe die Frau daraufhin zu Boden gerissen und ihr den Mund zugehalten. Anwesende hätten noch „Falun Gong ist gut!“ gerufen. Im Laufe des Tages suchten nach Angaben von Augenzeugen BKA-Beamte und chinesische Sicherheitskräfte mutmaßliche Falun-Gong-Anhänger in ihren Zimmern auf und forderten sie zum Verlassen des Hotels auf. Fünf US-Bürger haben deshalb bei ihrer Botschaft Beschwerde eingelegt.

Offenbar waren aber nicht alle Falun-Gong-Anhänger unter den Gästen als solche zu erkennen, denn gestern früh kam es nach Angaben von Augenzeugen im „Adlon“ erneut zu Protesten: Als Jiang das Hotel verließ, spannten Hotelgäste, die sich im Frühstücksraum aufhielten, ein Transparent mit der Aufschrift „Falun Gong ist gut“ und hielten es von innen gegen eine Glasscheibe zur Lobby, bis es ihnen entrissen wurde.

Recknagel sagte, das Vorgehen der Polizei gegen Falun-Gong-Anhänger, die an mehreren Orten der Stadt protestierten, sei nach dem ersten Vorfall härter geworden. Jiang soll sich während seines Besuchs im Schloss Bellevue bei Bundespräsident Rau über die Vorkommnisse beschwert haben. Bei Jiangs Besuch im Roten Rathaus wurde nach Angaben von „amnesty international“ eine Mahnwache der Organisation massiv behindert. Die Polizei versperrte mit einem Mannschaftswagen die Sicht auf die Demonstranten, während etwa 100 Personen mit Fahnen und Stoffdrachen Jiang ungehindert zujubeln konnten.

Jiang Zemin ist als chinesischer Staatschef auch für den harten Kurs gegen Falun Gong in China verantwortlich. Nach Angaben von „amnesty“ sollen allein im letzten Jahr rund 200 Anhänger der Sekte in der Haft gestorben sein, Zehntausende seien seit dem Verbot von Falun Gong im Jahr 1999 festgenommen und Tausende gefoltert worden.woha

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