Zeitung Heute : Proteste in Kitas: „Wir wollen Kinder nicht aufbewahren“

Der Tagesspiegel

Von Christoph Villinger

Die Mitarbeiter der Berliner Kindertagesstätten drohen für Ende nächster Woche mit einem Warnstreik. „Falls sich Innensenator Ehrhart Körting bei einem für Dienstag anberaumten Termin mit der Gewerkschaft Verdi weiterhin nicht gesprächsbereit zeigt“, so Burkhardt Thiemann von Verdi, werde man in den folgenden Tagen mit einem Arbeitskampf beginnen. Aber erstmal wolle man das Gespräch abwarten, bei dem es vor allem um die Festschreibung der Anzahl der Erzieher pro Kindergruppe geht. Noch im Januar 2002 sei der Gewerkschaft mitgeteilt worden, dass „wegen der derzeitigen Haushaltslage keine Verhandlungen möglich sind“, so Thiemann. Von einem Warnstreik wären die etwa 900 bezirklichen Einrichtungen mit ungefähr 100 000 Kindern betroffen.

Die Innenverwaltung bestätigte, dass der Termin auf jeden Fall am Dienstag um 13.30 Uhr stattfinde. Die Sondersitzung des Abgeordnetenhauses am gleichen Nachmittag beginne erst später. Innensenator Körting (SPD) werde seine Position als Arbeitgeber „dann auf dem Treffen darlegen“.

Bei der Auseinandersetzung geht es nicht um Gehaltsforderungen, sondern um seit sieben Jahren ungeklärte Zusatzvereinbarungen zum Tarifvertrag. So möchte die Gewerkschaft eine Festschreibung des derzeitigen Personalschlüssels erreichen. Auch sollten die Kindertagesstätten als Bildungseinrichtungen anerkannt werden. „Damit wären sie von den geplanten Sparmaßnahmen des Senats ausgenommen“, sagte Thiemann weiter. „Wir wollen nämlich mit den Kindern pädagogisch arbeiten und nicht bloß Aufbewahranstalten sein.“ Auch um die Anerkennung von Vorbereitungszeiten geht es: Zoo-Besuche wollen geplant sein, und die Sprachdefizite von Kindern brauchen auch Aufmerksamkeit und zusätzliche Zeit. „Wir fordern ja nicht mal Verbesserungen, sondern bloß, dass der derzeitige Standard festgeschrieben wird“, ergänzte Thiemann. Auch wolle er den Senat noch einmal an den elfwöchigen Kita-Streik 1990 erinnern, damals gegen den rot-grünen Senat.

Doch im Augenblick sind von Senatsseite eher Verschlechterungen geplant. Dies berichtet Elfi Witten, Sprecherin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und zuständig für die freien Träger von Kitas und Horten. Der Senat wolle das Kita-Gesetz gravierend ändern. So solle in den Schülerläden die Gruppenzahl von 16 auf 22 erhöht werden. „Damit steht jede vierte Horterzieherin zur Disposition“, sagte Witten. Auch plane der Senat im Rahmen eines neuen Kita-Gesetzes Einsparungen von etwa 30 Millionen Euro bei den bezirklichen Kitas. Da sich die Finanzierung der freien Träger daran anlehne, bedeute dies für sie auch Mittelkürzungen von etwa 15 Millionen Euro.

Deshalb laden die freien Träger alle Berliner Abgeordneten am 15. April zu einer Busfahrt zu vier Kindertagesstätten ein. Sie sollen sich ein Bild machen, was eine Annahme des umstrittenen Gesetzes bedeuten würde. Für den 26. April rufen sie zu einer Protestkundgebung vor dem Rathaus Schöneberg auf.

Von konkreten Verschlechterungen hat Anja Goetsch, Erzieherin im Kinderladen „Doppelpünktchen e.V.“ zwar noch nichts gehört. „Nur die Praktikumsplätze sollen jetzt auf den Personalschlüssel abgerechnet werden“, sagt sie. Obwohl zwei ihrer Kinder in eine staatliche Kita gehen, betrachtet sie den drohenden Arbeitskampf mit Sympathie: „Wir profitieren doch auch davon“.

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