Zeitung Heute : Provokation für das Establishment

Aus der Arbeit für terre des hommes hat die Ex-Justizministerin Boliviens viel gelernt

Michael schmidt

Dies ist die Geschichte von Casimira Rodriguez. Die Geschichte eines – ganz und gar nicht märchenhaften – Aufstiegs. Eine Geschichte zudem, deren Ende noch offen ist.

Einst hat Rodriguez ihr Geld mit Teller waschen verdient – und wenn die inzwischen 40-Jährige auch nicht zur Millionärin wurde, so doch Justizministerin in der Regierung des ersten Indio-Präsidenten Boliviens, Evo Morales. Der Weg dahin war lang und entbehrungsreich. Und ihre Mission ist längst nicht erfüllt.

Kaum 13-jährig, aufgewachsen in bäuerlicher Armut, verließ Casimira Rodriguez ihr Heimatdorf Mizque und ging nach Cochabamba, wo sie fast zwei Jahrzehnte als Hausangestellte wie eine Sklavin schuften musste. Bis zu 20 Stunden am Tag. Kochen, putzen, die Großfamilie versorgen, ohne Lohn. Nur zum Einkaufen durfte sie das Haus verlassen, zu reden war ihr nicht gestattet. „Ich kam in die Stadt und verlor meine Rechte und mein Selbstwertgefühl“, sagt sie. Doch „irgendwann erwachte ich aus diesem Albtraum und verlor die Angst. Ich traf mich mit anderen Hausangestellten und sagte ihnen: Auch wir haben Rechte. Wir müssen nur dafür kämpfen“.

Rodriguez begann sich in der nationalen Vereinigung der Hausangestellten zu engagieren, wurde deren Vorsitzende. 1993 nahmen sie die Politiker noch nicht ernst. 500 Mitglieder landesweit zählte die Organisation damals. Dann trat das Kinderhilfswerk terre des hommes (tdh) auf den Plan und bot Unterstützung an. Hilfe für die sich selbst Helfenden. Heute zählt die Hausangestelltenvereinigung mehr als 3500 zahlende Mitglieder – und es gibt nicht nur Telefon und Internetanschluss, sondern ein ständig besetztes Sekretariat, sagt tdh-Deutschland-Mitarbeiter Peter Strack. Die Wände des nationalen Büros seien gepflastert mit Plakaten aus dem In- und Ausland für die Rechte von Frauen. Ein Plakat stelle die „Supercholita“ dar, die weibliche und indianische Version von Supermann.

Rodriguez größter Erfolg war die Verabschiedung des „Gesetzes zur Regelung der Arbeit in fremden Haushalten“ 2003. Sie hatte sich jahrelang den Diskussionen in Zeitung, Radio und Fernsehen gestellt und schließlich Bündnispartner in allen politischen Parteien gefunden.

Rodriguez kämpfte – und wurde bekämpft, beschimpft, beleidigt, bedroht. Andere standen ihr bei. Wie ihr Förderer, der damalige Kokabauer und Gewerkschaftsführer Evo Morales. Zwei Mal lehnte sie ein Angebot von ihm ab, sich politisch zu engagieren. Beim dritten Mal sagte sie zu – und wurde Ministerin in seinem Kabinett, das sich nicht mehr und nicht weniger als die Neugründung Boliviens auf die Fahnen geschrieben hat, die Um- und Abkehr von einer Geschichte jahrhundertelanger Unterdrückung der indigenen Bevölkerungsmehrheit.

Bei ihrem Eintritt ins Ministerium habe sie viel von ihren Erfahrungen aus der jahrelangen Zusammenarbeit mit tdh-Deutschland profitiert, sagt Rodriguez. Hier hat sie „gelernt, Projekte in einer transparenten Weise auszuarbeiten und zu verwalten und meiner Basis davon auch Rechenschaft abzulegen“. Hier hat sie gelernt, Netzwerke aufzubauen, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, national wie international, über wirksames Campaigning, das Anschieben, Planen und Organisieren vieler, vieler Aktivitäten. Ein Professionalisierungsschub.

Gleichwohl sei sie ja „nicht als Berufspolitikerin eingestiegen, sondern als ganz normale Bürgerin“ zum Amt der Ministerin gekommen, sagt die Quechua-Indianerin, die immer in traditioneller Kleidung und mit langen Zöpfen auftritt.

Aus einer sozialen Organisation in eine politische Institution zu wechseln, sei eine Herausforderung gewesen. Bürokratie, politische und persönliche Ränkespiele, und das Rechtswesen in seinem beklagenswerten Zustand. Verfahren ziehen sich über viele Jahre hin. Tausende Menschen sitzen ohne Gerichtsurteil in Gefängnissen ein, viele von ihnen unschuldig. Wer Geld hat, und sich einen guten Anwalt leisten kann, hat eher Chancen, vor Gericht siegreich zu sein. Rodriguez entwarf demgegenüber die Vision eines neuen Rechtssystems, „das alle Menschen gleich behandelt und zu dem alle Zugang haben“. Sie wollte die Korruption bekämpfen und das Vertrauen in die Justiz wiederherstellen. Und sie wollte die traditionelle Rechtssprechung der Indigenen, die „justicia comunitaria“, im bolivianischen Justizwesen stärken. „Sie basiert auf dem Prinzip der Versöhnung“, sagt Rodriguez. „Die Beteiligten werden in der Gemeinschaft befragt. Es gibt keine Anwälte oder Richter. Ein gewählter Dorfrat stimmt in einem öffentlichen Prozess über die Urteile ab. Als Strafen werden in der Regel gemeinnützige Arbeiten verhängt.“

Die Nicht-Juristin ohne Universitätsabschluss war eine Provokation für das Justiz-Establishment. Anwälte und Staatsanwälte, Richter und Justizbeamte warfen ihr mangelnde Qualifikation vor. Und in der Regierungsmannschaft saßen Gegner, die ihre auf Konsens ausgerichtete Haltung als zu passiv ablehnten. „Für mich war es schwierig, vertrauensvoll mit meinem Team zusammenzuarbeiten, da ich mein Team nicht selbst ernennen konnte“, sagt Rodriguez. Ihr eigener Vizeminister „fügte sich nicht in das Projekt des politischen Wandels ein, verfolgte persönliche Interessen und trat sehr diskriminierend auf“. Nach einem Jahr als Justizministerin stellte sie im Januar 2007 ihr Amt zur Verfügung.

Ihre Mutter, Brüder, Schwestern, Neffen, Schwager – sie selbst ist unverheiratet und kinderlos – nahmen es mit Erleichterung zur Kenntnis. „Denn sie haben unter meiner Anspannung und meinen Sorgen sehr gelitten.“ Die Frauen in Bolivien aber, vor allem die indianischen, die Kleinbäuerinnen, die Migrantinnen, die seien „jetzt wesentlich schlechter vertreten“ und bedauerten ihren Schritt.

Ob sie sich von Präsident Morales verraten fühle? Nein, sagt die 40-Jährige. Er habe ihr ja angeboten, an anderer Stelle weiter für die Regierung zu arbeiten. „Ich fühle mich aber ungerecht beurteilt, von der Presse und anderen Mitgliedern der sozialen Bewegungen, die weder Zeit noch den Willen hatten, sich anzuhören, welche Arbeit wir geleistet haben“, beklagt sie.

Nun wäre Casimira Rodriguez aber nicht Casimira Rodriguez, wenn sie nicht schon wieder den Blick nach vorne richtete. Sie habe „immer versucht mit Liebe zu meinem Land und den Menschen in meiner Umgebung“ zu arbeiten. Und das werde sie, mit Gottes Hilfe, auch weiterhin tun. „Ich habe beschlossen, nicht weiter in der Regierung zu arbeiten“, sagt Rodriguez. Vielmehr wolle sie „innerhalb der Zivilgesellschaft direkt mit den Menschen“ zu tun haben: „Am besten ginge das mit meiner eigenen Organisation.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben