Provokationen : Freiheit für Raif Badawi

Dem Blogger Raif Badawi drohen weiter Stockschläge. Die Erregung darüber hält sich in den sozialen Netzwerken in Grenzen. Viel größer ist die Empörung über einen Fußballkommentator. Unser Kolumnist Helmut Schümann möchte wieder einmal Kotzen.

Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Raif Badawi ist immer noch nicht frei. Der Blogger aus Saudi-Arabien, der für seine freie Meinungsäußerung mit zehn Jahren Haft und 1000 Stockhieben verurteilt wurde. 50 davon hat er schon bekommen. Danach wurden die weiteren Schläge ausgesetzt, weil Badawi erst wieder aufgepäppelt werden muss, um die nächsten 50 Schläge wieder angemessen spüren zu können. Für diesen Freitag sind wieder 50 Schläge angesetzt. Zur Stunde dieses Textes ist noch offen, ob die medizinische Kommission wieder ein Einsehen hat oder sich zumindest dem weltweiten öffentlichen Druck, überwiegend ausgeübt von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, beugt.

Vor ein paar Wochen zitierte ich den Maler Max Liebermann, der in anderen Zeiten gesagt hat, dass er gar nicht so viel fressen könne, wie er kotzen möchte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Es ist zum Kotzen, Kotzen, Kotzen! Vor der Botschaft Saudi-Arabiens versammeln sich immer wieder Menschen, um sich für Raif Badawi einzusetzen. Es ist ein vergleichsweise versprengtes Häuflein. Die Anteilnahme in den diversen Netz- Foren hält sich in Grenzen.

Bestraft wurde Badawi übrigens, weil er den Staat, die islamische Religion, provoziert haben soll. Er hat aber nur das Wort benutzt, um gegen tatsächliche und zahlreiche Menschenrechtsverletzungen zu protestieren. Man kann es nicht oft genug sagen, man muss es immer wiederholen: Freiheit für Raif Badawi! Stattdessen erwägt die saudi-arabische Justiz, Raif Badawi einen neuen Prozess wegen Abfall vom islamischen Glauben zu machen. Das macht die Sache nicht besser, nur schneller. Dann wird Badawi nämlich nicht langsam und in Margen totgeprügelt, sondern geköpft. Kotzen! Kotzen! Kotzen!

Kürzlich liefen im Fernsehen Bilder, die IS-Schergen bei der Zerstörung von jahrtausendealtem Kulturgut zeigten. Mit Vorschlaghammer und blindem Hass. Das Entsetzen und die Anteilnahme in den diversen Netzwerk-Foren hielt sich in Grenzen.

Es ist aber nicht so, dass die Menschen in diesen Foren keine Aufreger finden. Im Moment schäumt das Netz über, und zwar über den Fußballkommentator Marcel Reif, der innerhalb weniger Tage zweimal tätlich von Fußballfans attackiert wurde. Allgemeiner Tenor der Foristen-Beiträge: Reif habe doch selber Schuld, weil er mit seinen Kommentaren provoziere. Das ist aber jetzt ein unstatthafter und unverhältnismäßiger Vergleich. Zum Kotzen ist es trotzdem.

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