Zeitung Heute : Prozess: Abgerechnet wird zum Schluss

Philipp Mausshardt

Noch im Gerichtssaal streicht sich Bernd Schottdorf die weißen Haare zurück, schüttelt seinen beiden Anwälten die Hand und erklärt dann für die Öffentlichkeit: "So werden Steuergelder verschwendet." Vier Monate lang ist das Landgericht Augsburg dem Vorwurf nachgegangen, der größte deutsche Labormediziner, der nicht weniger als 1400 Mitarbeiter beschäftigt, habe in den vergangenen Jahren 17 Millionen Mark an Arztgebühren erschwindelt, indem er mehrere Ärzte als "Strohmänner" bei sich eingestellt habe. Und nun dieser Freispruch. Bernd Schottdorf, Schlossherr und Hubschrauberpilot, kann es offensichtlich selbst kaum glauben.

Dabei sah alles lange so aus, als müsse der 60-jährige Mediziner, der sein Labor wie ein Industrieunternehmen führt, mit einer Verurteilung rechnen und werde auch seine kassenärztliche Zulasssung verlieren. Denn die Vorwürfe, er habe seinen Jahresumsatz von rund 200 Millionen Mark nur dadurch erzielt, dass er Kollegen auf dem Papier als "Partner" aufführte, die man zum Teil nur bei gemeinsamen Weihnachtsfeiern in der Praxis sah, wurde von mehreren Zeugen bestätigt. Mit diesem illegalen Trick, so warf ihm die Staatsanwaltschaft Augsburg vor, habe er das Abrechnungssystem der Kassenärtzlichen Vereinigung (KV) unterlaufen.

Wie am Fließband liefen zuletzt 80 000 Befunde pro Tag aus seinem Labor. Die Blut-, Urin- und Serenproben sammelte Schottdorf in der ganzen Bundesrepublik ein. Mit seinen Massenuntersuchungen konnte er den Krankenhäusern und Ärzten ein preiswerteres Angebot machen als die Konkurrenz. "Er hat ein medizinisches Fach zu einem Industriezweig verkommen lassen", schimpft ein ehemaliger Kollege über Schottdorf.

Schon früh hatte der Mediziner erkannt, dass man als Arzt allein mit Stethoskop und Blutdruckmessgerät kaum Geld verdienen kann. Seine kaufmännischen und strategischen Fähigkeiten beschrieb Schottdorf mit dem Selbstlob: "Ich habe aus den beiden Berufen, dem des Arztes und dem des Unternehmers, eine Synthese hergestellt." Doch seinen vielen Kritikern unter den Kollegen, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlten, machte es der Sohn eines Betriebsarztes der Deutschen Bundesbahn mit seinem auffälligen Lebensstil leicht: Der Arzt, der zu den reichsten Medizinern in Deutschland zählt, hatte sich ein ehemaliges Thurn-und-Taxis-Schloss samt 240 Hektar Grund gekauft. Er besitzt einen eigenen Reitstall, ein Privatflugzeug, einen Hubschrauer sowie mehrere Luxuswagen.

Zwar sollen einige der Labormediziner nur wenige Stunden am Tag in die Praxis gekommen sein, um Unterschriften auf Analysebögen zu setzen. Doch Richter Manfred Prexl hält die Vorwürfe für nicht ausreichend belegt: Dass ein Arzt nur zum Schein als angeblicher "Partner" von Schottdorf verpflichtet worden sei, sei im Prozess "nicht bewiesen worden". Das logische Urteil: Freispruch aus Mangel an Beweisen.

Streckenweise sah es in diesem Mammutprozess sowieso danach aus, als säße nicht Schottdorf, sondern die Kassenärztliche Vereinigung Bayern auf der Anklagebank. Und Schottdorf hatte angekündigt, er werde das Podium nutzen, um mit der Organisation abzurechnen, die das Geld der Krankenkassen verteilen soll. Als Kritiker des Gesundheitswesens hatte sich der Arzt schon vor Jahren profiliert: Damals behauptete er, eine dreistellige Millionensumme sei von seinen Kollegen falsch abgerechnet worden.

Tatsächlich hatte die Kassenärztliche Vereinigung jahrelang untätig zugeschaut, mit welchen Winkelzügen der Arzt trotz der verordneten Honorardeckelung seinen Umsatz steigerte. Anstatt ihre Kontrolle auszuüben, so urteilte jetzt das Gericht, habe es die Kassenärztliche Vereinigung "pflichtwidrig versäumt", klare Regeln für die Tätigkeit eines Arztes innerhalb einer Laborgemeinschaft aufzustellen. Den Ärztefunktionären müssen die Ohren geklungen haben: "Eine nicht mehr zu überbietende Gleichgültigkeit", urteilte der Richter und, schlimmer, "eine bewusste Abschottung von der Realität."

Noch während der Verhandlung hatte Schottdorf angedroht, im Falle einer Verurteilung seinen Firmensitz ins Ausland zu verlegen. Sein Anwalt, der ehemalige bayerische Justizminisier Hermann Leeb, hatte im Prozess gar nicht bestritten, dass die Abrechnungspraxis nicht den Bestimmungen entsprach. Nur diese Bestimmungen, so sein Argument, seien schon 1994 als verfassungswidrig eingestuft worden.

Bis zuletzt hatte der Staatsanwalt aber auf einer Verurteilung bestanden: Er forderte zwei Jahre Haft und eine Geldbuße von 600 000 Mark für den Mediziner. Ob er Revision einlegen wird, ist noch nicht bekannt. Enttäuscht sind jedoch viele Kollegen Schottdorfs, die in der industriellen Vermarktung von Blutproben auch eine Gefahr für die Patienten sehen. "Bei diesen Dimensionen bleibt dem Labormediziner doch keine Zeit mehr, sich individuell mit einem Ergebnis auseinanderzusetzen und den Patienten oder den behandelnden Arzt zu konsultieren", sagt Rudolf Seuffer, ehemaliger Laborarzt und einer der Hauptkritiker von Schottdorf. Er hält den Freispruch gar "für den Todesstoß unseres Gesundheitssystems" und bedauert, die Justiz sei nicht in der Lage, "diesen Sumpf auszutrocknen".

Mit dem Freispruch im Rücken werde der "Grölaz", wie ihn seine Gegner nennen, der größte Laborarzt aller Zeiten, nun erst recht in die Offensive gehen, fürchtet Seuffer. Die Konzentration im Bereich der Laboranalytik werde nun weiter forciert.

Sollte der Richterspruch rechtskräftig werden, steht die nächste Gerichtsverhandlung schon fest: Schottdorf will durch eine Zivilklage Schmerzensgeld wegen Rufschädigung geltend machen. Das Beweisergebnis im Strafprozess werde vor dem Zivilgericht nicht ohne Eindruck bleiben, sagt Schottdorfs Verteidiger Hermann Leeb zufrieden.

Schon jetzt erhält Schottdorf fünf Millionen Mark Kaution zurück, nebst Haftentschädigung für zwei Wochen Untersuchungshaft. Auch seinen Pass und, vielleicht noch wichtiger, seinen Pilotenschein bekommt er wieder.

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