Zeitung Heute : Prozess: Botschaftsanschläge: Allahs Krieger in Manhattan

Malte Lehming

Die Frau mit dem Kaugummi im Mund, zweite Reihe, fünfter Platz von links, muss die Maltherapeutin aus Manhattan sein. Ihr Profil ist bekannt. Sie ist weiß, 35 Jahre alt, hat erhebliche Vorbehalte gegen die Todesstrafe, liebt das Kreuzworträtsel in der "New York Times", kauft sich manchmal Modemagazine, besucht regelmäßig den Gottesdienst und war bereits in Kanada, England und auf den Bermudas. Der Mann rechts neben ihr ist wahrscheinlich der 51-jährige Kraftfahrzeugmechaniker, der aus Indien stammt, in der Bronx lebt, gelegentlich Gedichte verfasst und auf die Frage, was er von der Todesstrafe hält, den denkwürdigen Satz formuliert hat: "Dadurch verwandeln sich die Mineralien und Wasseranteile eines schlechten Menschen in eine andere Kreatur, die möglicherweise ebenfalls schlechte Eigenschaften besitzt."

Die Maltherapeutin und der Kfz-Mechaniker sind zwei von zwölf Geschworenen, die seit dem 5. Februar einen Großteil ihres Lebens im Saal 318 des US-Bundesgerichts im New Yorker Stadtteil Manhattan verbringen. Dafür bekommen sie 50 Dollar am Tag. Das ist nicht viel. Ihre Namen werden aus Sicherheitsgründen geheim gehalten. Ihre Gesichter dürfen weder fotografiert noch gezeichnet werden. Sie selbst dürfen über den Fall keine Zeitungsartikel lesen, keine Fernsehberichte sehen, sie dürfen noch nicht einmal untereinander darüber reden. Hinter ihnen, in der dritten Stuhlreihe, sitzen sechs Ersatzgeschworene. Für sie gilt dasselbe.

Warum es ein Freitag war

Von 1302 Kandidaten sind diese 18 in einer monatelangen Prozedur von Richter Leonard B. Sand, der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung ausgewählt worden. Jeder Kandidat musste einen 26-seitigen Bogen mit 96 Fragen ausfüllen. Die Antworten sind öffentlich. Die Maltherapeutin zu identifizieren, ist daher nicht schwer. Sie ist die einzige weiße Frau unter den zwölf Geschworenen.

Eine der 96 Fragen lautete: "Hatten Sie schon einmal engeren Kontakt zu Menschen, die dem Islam angehören?" Fast die Hälfte der Geschworenen hat das bejaht. Eine andere hieß: "Ist Ihnen bewusst, dass die US-Botschaften in Nairobi (Kenia) und Dar es Salaam (Tansania) am 7. August 1998 in die Luft gesprengt wurden?" Fünf der 18 gaben an, davon noch nie gehört zu haben.

Diese Wissenslücke haben sie inzwischen geschlossen. Sie haben Dutzende von Zeugen gehört, die dabei waren, als an jenem Freitag, um zehn Uhr morgens, zeitgleich in Nairobi und Dar es Salaam die Bomben explodierten. "Es war grauenhaft. Ich konnte spüren, wie das Blut der Person hinter mir erst in mein Haar tropfte und dann meinen Rücken herunterlief", erzählte mit stockender Stimme die damalige US-Botschafterin in Kenia, Prudence Bushnell. Die Geschworenen haben auch lange Video-Aufzeichnungen von den chaotischen Szenen gesehen, die sich vor den beiden Botschaften abspielten. Und sie haben das Geständnis eines der vier Angeklagten zur Kenntnis genommen, der detailliert schilderte, wie und warum die Anschläge verübt wurden.

Demzufolge wurde ein Freitag gewählt, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass sich gläubige Moslems in der Nähe der US-Botschaften aufhalten. Nairobi wurde ausgesucht, weil die dortige Botschafterin eine Frau war - davon versprachen sich die Attentäter eine größere Aufmerksamkeit. Außerdem seien zu jener Zeit christliche Missionare in der US-Botschaft tätig gewesen. Mit anderen Worten: Nairobi war ein ideales Ziel - jedenfalls aus Sicht von Osama bin Laden, dem Gründer und Anführer der islamischen Terrororganisation Al Queida. Bei den Anschlägen wurden insgesamt 224 Menschen getötet, darunter zwölf Amerikaner, 4000 Menschen wurden verletzt.

Offiziell heißt der Prozess, der sich in der nächsten Woche mit den Plädoyers seinem Ende nähert, etwas umständlich der "East Africa US-embassy bombing trial". Doch fast jeder nennt ihn schlicht den "Bin-Laden-Prozess". Denn der Name des Hauptangeklagten, der ganz weit oben auf der internationalen US-Fahndungsliste steht, fällt in diesem Verfahren häufiger als jeder andere. Bin Laden allerdings hält sich versteckt, vermutlich irgendwo in Afghanistan.

Und trotzdem ist es, als sei er immer da in diesem streng gesicherten Gerichtssaal, in den die Besucher noch nicht einmal eine Tageszeitung mitnehmen dürfen. Seine 52-seitige Kriegserklärung an die Amerikaner wurde verlesen, in der es unmissverständlich heißt: "Tötet sie, bekämpft sie, zerstört sie." Und einmal war er sogar zu sehen, mit seinem langen Bart und dem Turban, als die Vertreter der Anklage den 56 Minuten langen Videomitschnitt eines CNN-Interviews mit ihm aus dem Jahr 1997 zeigten, das in Afghanistan geführt worden war.

Richter Sand ist ein kleiner, älterer Mann mit weißem Bart und markanter Brille. Er sitzt an einem langen Holztisch ganz vorne im Saal 318 und scheint in seinem schweren, schwarzen Ledersessel beinahe zu versinken. Das äußere Erscheinungsbild steht in seltsamem Kontrast zu seiner geistigen Präsenz - in Sekundenschnelle entscheidet er bei Kreuzverhören, welche Einwände er zulässt und welche er ablehnt. Vier große Hängelampen beleuchten die Szenerie: die Gerichtsdiener, Protokollanten und Dolmetscher, die Vertreter der Staatsanwaltschaft, die Geschworenen zur Linken des Richters, die vier Angeklagten mit ihren Pflichtverteidigern zu seiner Rechten.

Die Angeklagten tragen dunkle Vollbärte, zwei von ihnen sind in weiße Gewänder gehüllt, haben weiße Mützen auf dem Kopf. Sie sehen, falls es so etwas gibt, typisch islamistisch aus. Hinter ihnen wachen 15 Sicherheitsbeamte in Zivil, jeder einen Lautsprecherknopf im Ohr. Vor Beginn der Verhandlung wird jeder Angeklagte mit einem Bein an das Tischbein gekettet. Meistens verhalten sie sich ruhig. Auch als sie ihren "Big Boss", wie Bin Laden von seinen Anhängern genannt wird, auf CNN wettern hören, verziehen sie keine Miene.

Die Beweisaufnahme erfolgt via Laptop. Jede Partei, auch der Richter und die Geschworenen, hat vor sich einen Bildschirm. Darauf kann man die 148-seitige Anklageschrift studieren oder Tonbandmitschnitte von Telefonaten lesen. Alle relevanten Fakten sind gespeichert. Statt in dicken Ordnern zu wühlen, klicken die Anwälte mit der Maus auf "öffnen" oder "schließen". Ein moderner Justizapparat verhandelt das archaische Weltbild der islamistischen Terroristen.

Die Beweislage ist so überwältigend, dass es an der Schuld der vier Angeklagten kaum Zweifel gibt. Nur über das Maß ihrer Verstrickung in die Organisation Al Queida gehen die Auffassungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung auseinander. Zu den insgesamt 309 Vorwürfen gehören Mord, Beihilfe zum Mord, die Vorbereitung, Planung und Ausführung von Terroranschlägen, Konspiration und Urkundenfälschung. "Alle Menschen dieser Welt sind in einem umfassenden Sinne die Opfer des internationalen Terrorismus", sagt Staatsanwältin Mary Jo White mit einem Hang zum Pathos.

Einer der Hauptangeklagten, Mohammed Rashed Daoud Al-Owali, hat bereits zugegeben, den Lastwagen mit der tödlichen Bombenladung in Nairobi gefahren zu haben. Er stamme aus einer einflussreichen Familie aus Saudi-Arabien, die Religion habe ihn früh fasziniert, besonders die Idee des Märtyrertodes in einem Heiligen Krieg, sagt Al-Owali. Deshalb habe er ursprünglich nach Tschetschenien oder Bosnien gehen wollen, um die Moslems in ihrem Kampf zu unterstützen. Gelandet sei er schließlich in einem Ausbildungslager in Afghanistan. Dort habe er Osama bin Laden getroffen, sich Al Queida angeschlossen und sich zu einem Selbstmordattentat bereiterklärt. Kurz vor der Explosion an jenem 7. August sei es ihm allerdings gelungen, vom Lastwagen zu springen und sein Leben zu retten.

Teilnahmslose Kühle

Al-Owali könnte von den zwölf Geschworenen ebenso zum Tode verurteilt werden wie Kalfan Kamis Mohammed. Der hatte, ebenfalls nach eigenem Geständnis, das Haus gemietet, in dem die Sprengladung für Dar es Salaam gebastelt wurde. Er hatte einen Lastwagen gekauft und geholfen, das Explosionsmaterial darauf zu montieren. Mohammed begreift sich selbst als einen "Teil des Heiligen Krieges" und Osama bin Laden als seinen "Führer im Heiligen Krieg". Er hat ausgesagt, dass er es auf der Grundlage seiner Islamstudien als eine Pflicht empfunden habe, Amerikaner umzubringen. Was er davon halte, dass bei dem Attentat auch afrikanische Zivilisten getötet wurden? "Das war leider unvermeidlich. Doch Allah wird sich um sie kümmern." Mohammeds Anwalt sagt, sein Mandant habe eine böse Tat begangen, er sei aber kein böser Mensch. Al-Owali wiederum hat seinen Verteidiger angewiesen, ein mögliches Todesurteil nicht anzufechten.

Die teilnahmslose Kühle der Islamisten löst Beklemmung aus. Von Reue keine Spur. Für die amerikanische Öffentlichkeit war es allerdings mindestens ebenso schockierend, während des Prozesses zum ersten Mal Details der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus zu erfahren.

Aus dem Gerichtssaal in Manhattan drang zum ersten Mal an die Öffentlichkeit, wie intensiv Bin Laden seit Jahren versucht, an nukleare und chemische Waffen heranzukommen. Ein übergelaufener Kronzeuge, Jamal Ahmed Al-Fadl, der für Bin Laden gearbeitet hatte, berichtete über seinen Auftrag, in den Jahren 1993 und 1994 für 1,5 Millionen Dollar waffenfähiges Uran zu kaufen. Dann wurde er allerdings von dem Geschäft ausgeschlossen. Ob der Deal trotzdem zustande kam, konnte Al-Fadl nicht sagen. Einen Hinweis, dass Bin Ladens Wille ungebrochen ist, liefert jedoch ein Text mit der Überschrift "The Nuclear Bomb of Islam", den er im Mai 1998 veröffentlichte. Darin schreibt Bin Laden, es sei die Pflicht jedes Moslems, so viele Waffen wie möglich anzusammeln, "um die Feinde Gottes zu terrorisieren".

Seine Terrororganisation Al Queida hat Bin Laden vor 13 Jahren gegründet. Der saudische Millionär hat die Gruppe ähnlich der Mafia streng hierarchisch organisiert. Wer in Bin Ladens Truppe eintritt, muss einen Treueschwur ablegen. Al Queida hat inzwischen ungefähr 5000 Mitglieder, die in einigen Dutzend afghanischen Camps ausgebildet werden. Die Organisation hat Zellen in etwa 50 Ländern gebildet. Am 26. Dezember vergangenen Jahres nahmen deutsche Polizisten vier Männer fest, die ebenfalls verdächtigt werden, mit dem Terror-Netzwerk von Bin Laden in Verbindung gestanden zu haben. In ihrer Wohnung in Frankfurt am Main wurden Gewehre, Maschinenpistolen und Handgranaten sichergestellt.

Verschlüsselte E-Mails

Am vergangenen Dienstag warnte der Sprecher des israelischen Ministerpräsidenten, Osama bin Laden versuche, unter den Palästinensern in den besetzten Gebieten eine terroristische Infrastruktur aufzubauen. Am selben Tag wurde ein Bericht des US-Kongresses veröffentlicht, dem zufolge Bin Laden von Jordanien und vom Libanon aus operiert. Laut CIA experimentiert er zumindest in einem seiner afghanischen Camps mit chemischen Waffen. Die Islamisten berufen sich auf jahrhundertealte Auslegungen des Korans, aber sie bedienen sich modernster Mittel, um ihre Ziele zu erreichen: verschlüsselte E-Mails, Satellitentelefone, auf CD-Roms gespeicherte Bastelanleitungen für Bomben. Ein Zeuge hat erzählt, wie er Bin Laden ein Flugzeug beschaffte, mit dem dieser US-Stinger-Flugabwehrraketen aus Pakistan in den Sudan transportieren wollte.

Das Gericht und die Öffentlichkeit haben in den vergangenen Monaten viel gelernt über den Terror der Bin-Laden-Anhänger. In etwa einer Woche könnte der Prozess vorbei sein. Richter Sand allerdings macht sich bereits Sorgen über die Zeit danach. Denn falls Al-Owali und Mohammed schuldig gesprochen werden, könnte die Verhandlung über das Strafmaß mit der Hinrichtung von Timothy McVeigh am 16. Mai zusammenfallen. McVeigh hatte 1995 einen Bombenanschlag in Oklahoma City verübt. Es wäre die erste Todesstrafe, die die amerikanische Bundesbehörde seit 1963 vollstreckt; das Medieninteresse ist enorm.

Deshalb wandte sich Richter Sand am Ende einer langen Verhandlung vor wenigen Tagen eindringlich an die Geschworenen: "Die Hinrichtung von Timothy McVeigh wird in den kommenden Wochen viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich weiß, wie schwer es Ihnen fallen wird, die Berichte darüber zu ignorieren. Dennoch muss ich Sie dringend bitten, das zu tun."

Die zwölf Geschworenen, die seit drei Monaten den Angeklagten fast direkt gegenüber sitzen, immer die Bilder von Dar es Salaam und Nairobi im Kopf, sollen sich nicht beeinflussen lassen von der aufgeheizten Diskussion um die Hinrichtung. Die 35-jährige Maltherapeutin aus Manhattan ist die Einzige von ihnen, die Bedenken gegen die Todesstrafe hat.

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