Zeitung Heute : Prozess der Erinnerung

Ralph Schulze[Madrid]

Drei Jahre nach den Madrider Anschlägen beginnt die spanische Justiz heute mit dem bisher größten Terrorverfahren Europas. Wie weit werden sich die Hintergründe der Tat aufklären lassen?


29 Beschuldigte sitzen heute auf der Anklagebank, wenn in Madrid der Mammutprozess um die Anschläge vom 11. März 2004 beginnt. Die meisten Angeklagten sind Islamisten aus Nordafrika – 15 Marokkaner, zwei Syrer, ein Ägypter, ein Libanese. Aber auch neun Spanier, die den Sprengstoff beschafft haben sollen, müssen sich verantworten.

In den Morgenstunden hatten damals 13 Terroristen in der Provinzstadt Alcalá de Henares vier Züge nach Madrid bestiegen. Jeder trug eine Sporttasche mit einer Bombe bei sich. Vor der Ankunft in der Hauptstadt stiegen die Attentäter aus und zündeten die Sprengsätze per Handy. Zehn Bomben explodierten, zwei wurden von der Polizei mit kontrollierten Sprengungen unschädlich gemacht. 191 Menschen starben damals, mehr als 1800 wurden zum Teil schwer verletzt. Die 13. Bombe wurde erst später in einer Sporttasche in einer Polizeidienststelle entdeckt. Dieser intakte Sprengsatz lieferte den Fahndern die entscheidende Spur zur Aufdeckung der Terrorzelle.

Doch nur drei der mutmaßlichen Bombenleger sitzen nun auf der Anklagebank. Sieben Attentäter sprengten sich drei Wochen nach dem Anschlag selbst in die Luft, und zwar nachdem sie von der Polizei aufgespürt worden waren und die Beamten das Versteck stürmten. Mindestens zwei weitere Terroristen sind noch auf der Flucht. Die drei Richter der Terror-Strafkammer des Nationalen Gerichtshofes müssen nun entscheiden, ob die Beweise gegen die Beschuldigten zur Verurteilung ausreichen, was nicht in allen Fällen als sicher gilt. Von den ursprünglich 116 Verdächtigen wurden überhaupt nur 29 angeklagt. Der Staatsanwalt fordert für sieben Hauptangeklagte, drei mutmaßliche Bombenleger und drei ideologische Anführer sowie den Kopf der spanischen Sprengstoffmafia jeweils 38 490 Jahre Haft. Nach spanischem Recht müssen jedoch nur maximal 40 Jahre abgesessen werden.

Obwohl Polizei und Untersuchungsrichter keine Zweifel haben, dass eine „lokale Islamistenzelle“, inspiriert durch das internationale Terrornetzwerk Al Qaida, den Anschlag plante, wird wider Erwarten auch die baskische Terrororganisation Eta in dem Prozess eine Rolle spielen. Der Verteidiger eines der mutmaßlichen Bombenleger setzte durch, dass „eine mögliche Kollaboration der Eta bei dem Attentat“ vom Gericht geprüft wird; sogar drei inhaftierte Eta-Terroristen werden als Zeugen gehört.

Spaniens Konservative suchen bis heute nach Anhaltspunkten, die die Eta mit den Anschlägen in Verbindung bringen könnten. Die Partei des damaligen Ministerpräsidenten José Maria Aznar hatte drei Tage nach dem Attentat die Wahl verloren – vor allem, weil sie behauptete, die Eta habe etwas mit dem Anschlag zu tun. Eine Vorladung von Aznar, wie sie von Nebenklägern gefordert wurde, lehnten die Richter aber ab.

Wegen der Angst vor Racheakten arabischer Extremisten wurden die Sicherheitskräfte des ganzen Landes in Alarmbereitschaft versetzt. „Wir sind besorgt“, bekennt der oberste Ankläger des Terrorprozesses, Javier Zaragoza, angesichts der „fundamentalistischen Bedrohung“. Im Herbst 2004 konnte ein schweres Bombenattentat gegen den Gerichtshof gerade noch vereitelt werden.

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