Prozess in China : Mord, Sex, rote Lieder: Bo Xilai angeklagt

Viele feierten ihn als Chinas "Rockstar der Politik" und sahen in Bo Xilai den Mann für die Zukunft. Doch dann stürzte er – über seine Gier, seine Skrupellosigkeit und seine Neider.

Exzesse der Macht. Bo Xilai, Charismatiker, Führungsfigur der Linken, Skandalpolitiker. Foto: Reuters
Exzesse der Macht. Bo Xilai, Charismatiker, Führungsfigur der Linken, Skandalpolitiker. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Seit Monaten weiß man nicht einmal, in welchem Gefängnis er sitzt. Sein Gesicht, selbst sein Name waren in den chinesischen Staatsmedien zuletzt mit auffälliger Gründlichkeit gemieden worden. Dabei war dieser Mann einst so präsent, wie es Politiker selten sind in China. Bo Xilai, vor seinem spektakulären Sturz gefeiert als „Rockstar der chinesischen Politik“, wird im August vor Gericht stehen, jetzt hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn erhoben. Fraglich ist allerdings, ob der Prozess klarer machen wird, was diesem Mann zum Verhängnis wurde: seine Skrupellosigkeit und Gier, seine Feinde und Neider – oder die Leiche eines Engländers.

Der Ort, an dem Bos Karriere seinen Höhe- und Wendepunkt erreichte, heißt Chongqing, ein Meer aus Wolkenkratzern in Zentralchina. Den besten Blick auf die Zehn-Millionen-Metropole hat man von oben, von der Terrasse des „Lucky Holiday Hotel“, das in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen wird. Von Horizont zu Horizont drängen sich die Bürotürme, die meisten sind keine zehn Jahre alt.

2007 übernahm Bo Xilai als Parteisekretär die Herrschaft über die Region Chongqing, ein Territorium von der Größe Österreichs. In China war er da längst kein Unbekannter mehr, was er im Grunde von Anfang an nicht war: Geboren wurde Bo im Juli 1949 als ein „Prinzling“, so nennt man in China die Abkömmlinge jener „acht Unsterblichen“, die als Gründungsväter des chinesischen Kommunismus verehrt werden. Als Sohn des Mao-Weggefährten Bo Yibo gehörte er zum Erbadel der Partei, stieg in den 90er Jahren zum Bürgermeister der Großstadt Dalian auf, kurz darauf zum Gouverneur der umgebenden Provinz Liaoning, 2004 wurde er Handelsminister, schließlich Mitglied des Politbüros. Während andere Funktionäre in China derartige Blitzkarrieren oft unbemerkt von der Öffentlichkeit absolvieren, verstand es der Charismatiker Bo, sich auch außerhalb von Parteikreisen einen Namen zu machen. Als er 2007 nach Chongqing berufen wurde, munkelte man bereits, dass dieser Bo zu Höherem bestimmt war, dass er eines Tages die Partei und das Land führen könnte.

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