Zeitung Heute : Prozession und stiller Schluss

Der Tagesspiegel

Von Jörg-Peter Rau

Die Passanten wollten eigentlich nur um die Kirche herumlaufen und zu Riehmers Hofgarten. Aber als sie den Gesang hören, Weidenkätzchen sehen und den fremden Duft von Weihrauch riechen, bleiben sie doch ein bisschen stehen. Das katholische Hochamt zum Palmsonntag beginnt hinter der Kirche St. Bonifatius in der Yorckstraße. Dort segnet Pfarrer Klaus Rößner die Palmzweige, mit denen die Gemeinde später in die Kirche einziehen wird.

Doch zunächst liest er das Evangelium zum Sonntag vor Ostern (Matthäus 21,1-11), dem Tag, an dem „der Reigen der österlichen Geheimnisse“ beginnt. Wie Christus auf einem Esel nach Jerusalem einzieht, wie die Menschen an der Straße„Hosanna in der Höhe“ jubeln. Das Geschehen ist so zentral, dass der Jubelgesang bis heute mehr oder weniger im Wortlaut in jedem Gottesdienst, in jeder Messe erklingt. Dann schreitet die ziemlich große Gemeinde mit auffallend vielen Kindern um die Kirche herum. Erst geht es vorne heraus aus dem großen Kirchentor an der lauten Yorckstraße, dann durch den stillen Hinterhof des Kirchengrundstücks, herum um das Gotteshaus. Dann ziehen die Gläubigen wieder in das Schiff ein. Vorweg ein Ministrant mit dem Vortragekreuz, festlich geschmückt auch es. Bereits in der Lesung deutet sich dann aber an, wie widersprüchlich das Palmsonntags-Geschehen ist: Jubel und die Hoffnung auf Erlösung einerseits, Verrat und Hinrichtung andererseits. Und zwischendrin Christus, voller Angst und doch auch in der Gewissheit des Eingebundenseins in einen göttlichen Plan.

Die geschickte Auswahl an (modernen) Kirchenliedern bevorzugt gedeckte Harmonien, es geht ums Weizenkorn, das sterben muss. Der Karfreitag wirft seine Schatten voraus. Klaus Rößner predigt an diesem Sonntag nicht. Zusammen mit zwei Laien aus der Gemeinde trägt er das zweite Evangelium vor, auch eine Besonderheit des katholischen Palmsonntags.

Fast quälend lange ist der ganze Bericht vom Leiden Christi im Matthäusevangelium (26,14-27,66): Letztes Abendmahl mit den Einsetzungsworten, Verrat des Judas, Gebet am Ölberg, Gefangennahme, der Hohe Rat, Pilatus, Geißelung, Verspottung, Tod (hier steht die Gemeinde zunächst auf und kniet nach der Erzählung der letzten Worte am Kreuz), Grablegung. Vor der Auferstehung endet die lange Passage. Über zwanzig Minuten dauert das, und beim Zuhören wird einmal mehr deutlich, dass die Mess- und Abendmahlsfeier in ihrer Dramaturgie diesen Erzähltext aufgreift.

Und es zeigt sich, wie stark die so oft gehörten, interpretierten Geschichten die Alltagskultur beeinflusst haben. Sprichwörter und Redensarten, Bilder und Musik bekommen einen Kontext. Vielleicht gerade deshalb, weil Rößner den Text so wirken lässt, wie er ist. Da wird nichts zerredet. Die Karwoche hat begonnen. Klaus Rößner hat viele Gottesdienste anzukündigen. Gründonnerstag mit dem Gedenken an das Letzte Abendmahl, Karfreitag, hungrig vom Fasten und mit seiner schaurigen Liturgie vor violett verhängen Kreuzen, ohne Orgel und Glocken. Und dann die Osternacht mit ihrer Dramatik und dem wieder erscheinenden Licht am Karsamstag um 22 Uhr. Das ist der Zielpunkt, denn auch Palmsonntag wird die Auferstehung gefeiert. Obwohl die Gemeinde ohne Gesang still die Kirche verlässt und in die dichteste Woche des Kirchenjahrs eintritt.

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