Zeitung Heute : Prüfung auf Ansage

In Berlin gibt es 524 Heime für alte und behinderte Menschen, doch die Aufsicht kontrolliert nur 192 im Jahr – meist nach Ankündigung. Große Mängel findet sie selten, kleine fast immer

Sebastian Leber

Ein sauberes Bad ist verdächtig. Wenn das Waschbecken und der Fußboden glänzen, wird Petra Polzin misstrauisch. Dann wird es meistens nicht benutzt.

Petra Polzin arbeitet bei der Berliner Heimaufsicht. Das ist die Arbeitsgruppe im Landessozialamt, die Berlins Pflegeheime und Behinderteneinrichtungen überwacht. 524 gibt es, mit rund 35 000 Bewohnern. Eigentlich ist Petra Polzin Verwaltungsangestellte, ihre Arbeit erinnert aber eher an die eines Detektivs: Ohne Voranmeldung darf sich die Heimaufsicht überall umsehen, Dienstpläne der Pfleger abgleichen und Bewohner ansprechen. Theoretisch. Tatsächlich werden die meisten Besuche vorher angemeldet. Dann liegen wenigstens alle Unterlagen vor. Die Heimleitung ist aber auch gewarnt und kann ihr Haus herrichten, sagt Polzin. Deshalb achtet sie auf Details. Die Fingernägel der Bewohner. Flecken auf Pullovern. Kennt das Pflegepersonal die Namen seiner Schützlinge? Oder heißen sie nur „Opa“ oder „Oma“?

Petra Polzin sitzt im Büro ihres Chefs Michael Meyer im Landessozialamt in Berlin-Wilmersdorf. Der Chef will beim Gespräch dabei sein, und dessen Chef hat auch schon vorbeigeschaut. Das Bild der Heimaufsicht ist in der Öffentlichkeit nicht das Beste. Wenn ein neuer Pflegeskandal bekannt wird, heißt es: Wo war die Heimaufsicht?

Petra Polzin, Mitte 50, macht ihren Job seit 15 Jahren. Sie hat Diplompädagogik studiert, danach in Ost-Berlin Erzieherinnen ausgebildet. Als ihre Stelle nach der Wende eingespart wurde, war sie froh, bei der Heimaufsicht unterzukommen, „weiter im sozialen Bereich“ zu arbeiten, auch wenn sie die meiste Zeit im Büro sitzt und nur zwei Tage im Monat unterwegs ist. Die Presse darf da nicht mit.

Sechs Stunden dauert eine Heimbegehung. Als Erstes meldet sich Polzin bei der Leitung. Dort bekommt sie einen Schreibtisch. Darauf werden sich im Laufe des Tages immer mehr Akten stapeln: Dienstpläne der Betreuer, Pflege- und Medikamentenpläne, Übergabeprotokolle. Dann der Rundgang mit Klemmbrett und acht Seiten Fragebogen. Auf jeder Etage erst ins Dienstzimmer, dann in die Gemeinschaftsräume, Toiletten, Bäder. Zum Schluss in die Bewohnerzimmer, aber nur stichprobenhaft. Und immer den Fragebogen abarbeiten. Punkt 4: Wird für jeden Bewohner die Menge der aufgenommenen Flüssigkeit dokumentiert? Punkt 5.1: Können die Bewohner selbst entscheiden, wann sie aufstehen und schlafen gehen? Das ist gar nicht leicht zu beantworten. Jedenfalls, wenn sich Polzin nicht nur auf die Aussagen der Pfleger verlassen will. Obwohl Petra Polzin mit Bewohnern immer unter vier Augen spricht, bekommt sie von denen kaum Hinweise, wenn etwas schief läuft. Denn Polzin ist eine Fremde, und Fremden vertraut man nicht. Außerdem hätten die Bewohner Angst, dass die Heimleitung doch von ihrer Beschwerde erfährt und sich rächt. Aus diesem Grund schweigen auch viele Angehörige, sagt Polzin.

Sie ist für 42 Heime zuständig. Es gebe keine Kontrolle, bei der sie nicht auf Mängel stoße, sagt sie. Meistens sind die harmlos: falsch gelagerte Lebensmittel oder unverschlossene Abstellkammern. Schwere Mängel sehen anders aus: Heimbewohner, die im Bett frühstücken müssen, während neben ihnen noch der volle Nachttopf steht, Menschen, die um vier Uhr morgens gebadet werden, weil der Tagesdienst nicht alles schafft und der Nachtdienst vorarbeiten muss. Voriges Jahr fiel Polzin bei einer Kontrolle auf, dass von zwölf im Dienstplan eingetragenen Pflegern nur sieben anwesend waren. Sie fand heraus, dass die fünf vermissten Personen tatsächlich als Pfleger arbeiteten. Aber in einem anderen Heim. Polzin kann eine lange Liste aufzählen. Aber sie tut es nicht gern, und nach jedem Negativbeispiel beteuert sie, das sei nicht die Regel. Sie hat in ihrem Beruf engen Kontakt zu den Pflegern. Dass die einen harten Job haben, sieht sie bei jedem Besuch. Probleme gebe es dann, „wenn Heime übermäßig am Pflegepersonal sparen“. Wie oft das vorkommt? „Sparen müssen alle, immer am unteren Rand des Machbaren.“ Unabhängig davon, ob ein Heim privat oder öffentlich ist. „Die Politik zwingt sie dazu.“

22 Mitarbeiter sind für die Heimüberwachung zuständig. „Es könnten mehr sein“, sagt der Leiter Michael Meyer. Bis vor drei Jahren war die Aufsicht noch im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg untergebracht. Richtig funktioniert habe das nie, sagt Meyer. Zu wenig Personal, unübersichtliche Arbeitsabläufe und keine Computer. Jetzt, unter dem Dach des Sozialamts, laufe es besser. Aber nicht wie gewünscht: Die Kontrolleure brauchen zu viel Zeit für die Vor- und Nachbereitung ihrer Besuche. „Es würde schon helfen, wenn wir die Daten gleich vor Ort in Laptops eingeben könnten“, sagt Polzin.

Laut Bundes-Heimgesetz soll jedes Heim mindestens einmal im Jahr kontrolliert werden. Das wären in Berlin 524 Begehungen. Meyers Kontrolleure sind aber im vorigen Jahr nur 192 Mal ausgerückt. Natürlich sei das ein Problem, sagt Meyer. Er ist schon froh, dass in den kommenden zwei Jahren keine Etatkürzungen bevorstehen. Rund 70 Berliner Heime sind schon seit 2003 nicht mehr kontrolliert worden, in einem Fall liegt die letzte Begehung sogar fünf Jahre zurück. Zwar darf neben der Heimaufsicht auch der Medizinische Dienst der Krankenversicherung – eine Einrichtung der gesetzlichen Krankenkassen – in Heimen kontrollieren. Aber Meyer sagt: „Wir müssen davon ausgehen, dass in einzelnen gar niemand war.“ Er sagt auch: „Wir sind auf Beschwerden angewiesen.“ Die meisten bekommen sie von Pflegern, aber die reden erst, wenn sie ihren Job verloren haben.

Im Extremfall kann die Aufsicht durchsetzen, dass ein Heim geschlossen wird. Das kommt aber fast nie vor. 2001 das letzte Mal, ein Haus hatte massiv gegen Hygienevorschriften verstoßen.

Vor einer solchen Maßnahme gibt es erst einmal schriftliche Aufforderungen, offizielle Anordnungen, viele Gespräche. Oft reichen schon deutliche Worte ans Pflegepersonal. Da kennt Petra Polzin einen Standardsatz, der fast immer wirkt. Der geht so: „Würden Sie hier im Alter freiwillig leben?“ Danach herrscht meistens Stille.

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